Der Redakteur | 28.09.2022 Gesund oder nicht: Raumtemperatur auf 19 Grad senken?

Friedrich Melzer aus Gotha hat sich mit folgendem Anliegen an uns gewandt: Arbeitsräume dürfen nur noch maximal 19 Grad warm sein. Ist das eigentlich gesund? Und: Ist das ebenso vorgeschriebene Händewaschen mit kaltem Wasser plötzlich nicht mehr schlimm? Unsere Recherchen zeigen, welche Vorteile es haben kann, die Raumtemperatur im Winter beständig bei 19 Grad zu halten - und wo die Nachteile liegen.

Eine Hand fasst an ein modernes Thermostat mit digitaler Anzeige an einer Heizung, wobei 19. Grad Celsius auf einem kleinen Display angezeigt werden.
Im Moment fast die magische Zahl: 19 (Grad) Bildrechte: dpa

Den Orthopäden mag es Recht sein, dass die Menschen vielleicht künftig mehr aufstehen und herumlaufen, aber in Sachen Erkältung sind wir hier im Grenzbereich unterwegs, sagt Prof. Heinz-Jörn Moriske, Innenraumexperte im Umweltbundesamt und langjähriger Geschäftsführer der Innenraum-Lufthygiene-Kommission. Unterhalb von 19 Grad werde es kritisch, denn die Anfälligkeit für Infekte wie Erkältungen erhöht sich. Das gelte gerade für ältere Menschen, für Menschen mit niedrigem Blutdruck und jenen, die sich wenig bewegen, so Moriske.

Schon mal ausprobiert?

Wer den 19-Grad-Selbsttest bereits gemacht hat, egal ob freiwillig zu Hause oder unter Zwang auf Arbeit, der könnte festgestellt haben: Das ist ganz schön kalt. Dicker Pulli und irgendwas für untenrum scheint geboten. Trotzdem fühlen sich die 19 Grad nicht überall gleich an. Weil bei der "Wohlfühlwärme" eben nicht nur die Raumtemperatur eine Rolle spielt, sondern auch die Oberflächentemperaturen der umgebenden Wände oder Decken bzw. großer Glasfenster.

Heizungsableser mit einer Frau beim Ablesen
Bei steigenden Heizkosten überlegen es sich viele zweimal, ob sie es Zuhause muckelig warm haben müssen. Bildrechte: imago/blickwinkel

Wenn diese schlecht gedämmt sind und ständig Kälte abstrahlen, fühlt sich das gleich einige Grad kälter an. Deswegen ist es durchaus ratsam, in vielleicht homeofficebedingt leere Büros auszuweichen, die in Sachen Sonneneinstrahlung und Angriffsfläche für den Wind etwas günstiger liegen. Das wäre auch eine der Empfehlungen der Arbeitsmediziner gewesen, wenn denn die Bundesregierung im Entstehungsprozess der Verordnung mal nachgefragt hätte.

Das ist doch jetzt nicht wahr, oder?

Externen Sachverstand einzuholen, das gehört zu den Alltäglichkeiten journalistischer Arbeit. Und auch sonst ist man doch stets geneigt, erstmal mindestens bei Mutti nachzufragen, bevor man Entscheidungen größerer Tragweite trifft. Und wenn die Mindesttemperatur bisher bei 20 Grad lag und nun die Maximaltemperatur bei 19, dann hat das durchaus gewaltige Auswirkungen im Arbeitsalltag.

Tasse Kaffe auf einer Heizung
Heißt es bald "dicke Kleidung und warme Getränke" statt "aufgewärmte Räume"? Bildrechte: imago/Panthermedia

Umso mehr überraschte heute der Präsident des Verbandes Deutscher Betriebs- und Werksärzte e. V. mit der Aussage, dass die Fachkompetenz seiner Zunft nicht gefragt war. Dabei hätte man keine großen Anhörungen veranstalten müssen. Keine zehn Minuten hat das Interview von Dr. Wolfgang Panter mit MDR THÜRINGEN gedauert und die Eckdaten waren geklärt.

Arbeitsplätze von Fluglotsen, aufgenommen bei der Deutschen Flugsicherung (DFS). 7 min
Bildrechte: dpa
7 min

Was sagen eigentlich Betriebsärzte zu 19 Grad Raumtemperatur? Gefragt hatte ihren Verband bisher niemand - wir haben das nachgeholt.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Mi 28.09.2022 16:07Uhr 06:58 min

https://www.mdr.de/mdr-thueringen/audio-betriebsarzt-raumtemperatur100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Und Dr. Panter wäre auch nicht nur bei einem Kanzleranruf ans Telefon gegangen, ein Referatsleiter hätte es auch getan. Sein Kenntnisstand: Weder sein Verband, noch andere Fachkollegen wurden einbezogen.

Wir reden ja auch untereinander, es ist kein Statement von uns abgefragt worden. Auch von anderen Institutionen nicht.

Dr. med. Wolfgang Panter, Präsident des Verbandes Deutscher Betriebs- und Werksärzte e. V.

Nun wollen wir nicht ausschließen, dass vielleicht die Erkenntnisse aus dem Gespräch mit dem Betriebsarzt des Kanzleramtes eingeflossen sind. Aber Dr. Panter hätte die 19-Grad-Grenze eben nicht so starr festgelegt. Es ist nämlich ein Unterschied, ob es die Arbeit erlaubt, sich zu bewegen, oder ob man wirklich hochkonzentriert und bewegungslos über längere Zeiträume auf einen Bildschirm starrt.

Ein Finanzbeamter zum Beispiel kann aufstehen, mal zum Drucker gehen, oder im Nebenbüro eine Fachfrage klären. Ein Fluglotse oder jemand, der ein AKW überwacht, kann das eben nicht. Für solche Tätigkeiten sind die 19 Grad eindeutig zu wenig. Wenngleich es Menschen gibt, die mehr und andere, die weniger kälteempfindlich sind.

Frau öffnet Fenster.
Sind die "warmen" Tage gezählt? Nicht für alle, denn Berufsgruppen ohne Möglichkeit auf Bewegung brauchen es wärmer. Bildrechte: imago/Paul von Stroheim

Zwar sind Ausnahmen vorgesehen z.B. in medizinischen Einrichtungen, Schulen und Kindergärten und "weiteren Einrichtungen, bei denen höhere Lufttemperaturen in besonderer Weise zur Aufrechterhaltung der Gesundheit der sich dort aufhaltenden Personen, geboten sind". Doch für Arbeitsräume in Arbeitsstätten gelten die schon beschriebenen Höchstwerte und das Maximum von 19 Grad ohne Ausnahme.

Der Rat an die Bundesregierung wäre gewesen, macht es betrieblich, schaut auf die Notwendigkeiten im Betrieb.

Dr. med. Wolfgang Panter, Präsident des Verbandes Deutscher Betriebs- und Werksärzte e. V.

Und was ist mit dem kalten Wasser?

Hier lauert die nächste Überraschung. Immerhin steuern wir auf die nächste Corona-Welle zu, wenn unser Bundesgesundheitsminister Recht behält. Ist also plötzlich kaltes Wasser ausreichend zum Händewaschen? "Ausreichend" ja, "plötzlich" nein.

Händewaschen mit Seife
Kalt reicht - und das galt schon immer, sagen die Experten Bildrechte: IMAGO

Auch wenn wir irgendwie gerne geglaubt haben, es müsse zwingend warmes Wasser sein: Die einschlägigen Händewasch-Empfehlungen anerkannter Kompetenzstellen lauten tatsächlich schon seit Vor-Corona-Zeiten: Hauptsache mit Seife und Hauptsache mit viel Wasser abspülen.

Die Seife löst Schmutz, Bakterien und Viren, das Wasser soll alles abspülen. Abgetötet wird da nichts, es sei denn man benutzt spezielle Waschmittel mit entsprechenden Wirkstoffen. Aber das muss gar nicht sein, entscheidend sind Gründlichkeit und Dauer. Doch daran könnte es am Ende hapern. Wer sich im Büro schon kalte Hände geholt hat, der wird sich im tiefsten Winter die erfrorenen Gliedmaßen ganz sicher nicht 30 Sekunden lang genüsslich mit Eiswasser spülen.  

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MDR (fra)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 28. September 2022 | 15:10 Uhr

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