Der Redakteur | 15.02.2022 Sprache im Sport: Warum muss der Gegner "geschlagen" werden?

Benedikt aus Bremen möchte wissen, warum die Sportreporter von "schlagen" sprechen und von "Gegnern", auch der "Bomber der Nation" ist aus seiner Sicht ein unmöglicher Begriff. Geht es nicht ohne diese ganzen sprachlichen Bilder? Unser Redakteur Thomas Becker mit einem Erklärungsversuch.

Andrea Schültke befragt Franziska van Almsick
Andrea Schültke befragt Franziska van Almsick Bildrechte: imago/Camera 4

Man könnte auf die Idee kommen, dass die kämpferischen sprachlichen Bilder unserer Sportreporter aus der Zeit der Gladiatorenkämpfe stammen. Nur gab es damals weder Radio noch Fernsehen und nach Auffassung unserer befragten Experten von der sportlichen und germanistischen Fakultät, müssen wir auch so lange gar nicht zurückgehen.

Sportberichterstattung beginnt im Zeitalter des Nationalismus

Die Sportsprache ist vielmehr in einer Zeit entstanden, in der ein gesteigerter Nationalismus üblich war und Krieg ein Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens. Das heißt: Wir befinden uns in der Zeit der beiden Weltkriege und danach. Damals hat die Sportberichterstattung begonnen, sich zu einer eigenen journalistischen Fachrichtung zu entwickeln. Während bei uns militärische Bilder und Vergleiche mittlerweile eher Seltenheitswert haben ("Bomber der Nation"), sind die Briten immer noch ganz anders drauf. Hier wird ein Konter durchaus zum Blitzkrieg und wenn wir Deutschen spielen, dann sind die Stahlhelme und Panzer auch immer mit auf dem Platz oder Teil der Schlagzeilen in der Boulevardpresse.

Wir brauchen viele Metaphern, um überhaupt das Sportgeschehen spannend zu machen.

Prof. Csaba Földes, Sprachwissenschaftler von der Uni Erfurt
Reporter Bodo Boeck interviewt Trainer Eduard Geyer 14 min
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Prof. Csaba Földes ist Sprachwissenschaftler von der Uni Erfurt. Er sagt, wir brauchen viele Metaphern, um überhaupt das Sportgeschehen spannend zu machen.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Di 15.02.2022 15:10Uhr 14:28 min

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Natürlich ist es eine Frage des Augenmaßes und auch nicht sonderlich originell, wenn immer wieder die gleichen sprachlichen Bauteile verwendet werden, sagt der Germanist Prof. Csaba Földes von der Universität Erfurt.

Kämpferische Sprache als Ausdruck von Wettbewerb

Der Sport ist aber nun einmal wettbewerbsorientiert und da ist es verständlich, kämpferischer und auch etwas kriegerischer als sonst daherzukommen. Außerdem sei die Emotionalität wichtig und die emotionalere Sprache führt ebenso zu mehr Anschaulichkeit und Ausdruckskraft. Dr. Christoph Bertling bringt es mit einem Zitat auf den Punkt, dessen Herkunft er nicht mehr ganz so genau einordnen kann:

Sportreporter sind nichts anderes als Fans, die es über den Absperrzaun geschafft haben.

Dr. Christoph Bertling Institut für Kommunikations- und Medienforschung Sporthochschule Köln

Natürlich ist das eine starke Verkürzung, denn ein Sportreporter von heute ist weit mehr als nur ein Fan, der seinen Zuhörern und Zuschauern gegenüber emotional wird.

Judokas beim Wettkampf 14 min
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Dr. Christoph Bertling von der Sporthochschule Köln sagt, Sportreporter sind nichts anderes als Fans, die es über den Absperrzaun geschafft haben.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Di 15.02.2022 15:10Uhr 13:32 min

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Vom Wesen des Sportreporters

Ein Sportreporter muss heute nicht nur fachkundig sein, er muss auch unterhalten, informieren und letztlich auch reflektieren. Manchmal auch erst im Nachhinein, wie die Diskussion über die Livebilder des um sein Leben ringenden dänischen Nationalspielers Christian Eriksen gezeigt hat. Auch dieses Gefühl für die Grenzen der Berichterstattung zu vermitteln, ist Teil des Studiums für Sportreporter an der Kölner Sporthochschule, neben einer breiten fachlichen und technischen Ausbildung.

Der viel zu früh verstorbene Wolf-Dieter Poschmann hat in Köln studiert und ARD-Kollege und WM-Final-Reporter von 2014 Tom Bartels ebenso. Dessen Einsatz bei Olympia in Peking hat zudem auch wieder deutlich gemacht, dass es eben nicht reicht, nur ein paar flotte Sprüche auf Lager zu haben. Ein Skisprung-Reporter muss eben auch erklären können, wie das Anzug-Problem unserer Skispringer entstanden ist und ein Biathlon-Reporter muss erkennen, wo es gerade beim Gewehr klemmt. Und das oft live und unter recht provisorischen Arbeitsbedingungen, bei Kälte, Wind, schlechter Sicht, in ungünstigen Momenten wegschwenkenden Kameras der Weltregie und mit der Bierdusche der Fußballfans im Nacken. Das soll heißen: Die Sportreporter haben den höchsten Respekt in unserer Branche und stehen kurz vor der eierlegenden Wollmilchsau.

Methaphern sind Teil jedes Gesprächs

Das ist natürlich auch wieder so ein Bild, bei dem aber sofort klar ist, was damit gemeint ist. Prof. Csaba Földes macht deutlich, dass wir uns ohne Metaphern kaum unterhalten könnten. Es wäre zumindest eine recht armselige Kommunikation. Dabei müssen wir unterscheiden zwischen lexikalischen Metaphern und stilistischen Metaphern. Die lexikalischen Metaphern fallen uns im Alltag gar nicht sofort auf. Ein Beispiel ist der Kopf, sagt Prof. Csaba Földes. Klar, wir haben einen Kopf, sogar wenn wir kopflos sind. Die Zeitung aber hat auch einen, der Brief hat einen und die Mannschaft ebenso. In diesem Fall ist sogar ein ganzer Spieler der Kopf, der in dieser Funktion auch noch das Spiel lenkt. Das Spiel lenkt? Das ist auch wieder so ein Begriff, der nicht wortwörtlich gemeint ist.  

Wir wissen aus der kognitiven Linguistik, dass die Sprachlichkeit durchaus mit metaphorisch ausgerichtet ist.

Prof. Csaba Földes, Sprachwissenschaftler von der Uni Erfurt

Ohne diese festen Redewendungen könnten wir gar nicht flüssig miteinander kommunizieren.

Mann hält Zahnbürste aus Bambus
Beispiel Zahnbürste: Warum putzen wir unsere Zähne und bürsten sie nicht? Bildrechte: IMAGO / Westend61

Stellen wir uns nur einmal vor, wir müssten Wort für Wort abklopfen hinsichtlich seiner Bedeutung und Grammatik. Diese festen Wortkombinationen werden Kollokationen genannt. "Zähneputzen" ist so eine, "Zahn waschen" eher nicht, könnte an der Bürste liegen. Aber mit einer Schwester der Zahnbürste, der Wurzelbürste, scheuern wir komischerweise den Fußboden, aber wir putzen ihn nicht und bürsten allenfalls einen Anzug. Ohnehin hätte es auch das "Zähnebürsten" geben können, das wäre doch viel naheliegender gewesen als das Zähneputzen.

Weil aber sowohl Absender als auch Adressat - also in diesem Falle Sportreporter und Publikum - wissen, was mit Zähneputzen gemeint ist, kommt die Botschaft auch an. Nun müssen wir nur noch darauf achten, die Metaphern nicht zu häufig zu verwenden, die überstrapazierten zu vermeiden oder zu Kult zu machen ("Guten Abend allerseits!") und ab und zu einmal etwas Neues einzuführen, das aber auch wieder auf Altbekanntes zurückgreifen muss, um zu funktionieren. Also ein Sportreporter, der einem Abwehrspieler der Bayern attestiert, im Tagesablauf irgendwo zwischen Aufstehen und Zähneputzen hängen geblieben zu sein, könnte damit den Satz vermeiden, dass die Abwehr geschlafen hat. Denn diese Metapher hat schon ziemlich viel Staub angesetzt. Obwohl auch das gar nicht möglich ist.

Quelle: MDR (ask)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 15. Februar 2022 | 16:40 Uhr

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