Der Redakteur | 12.01.2022 Welche Milchverpackung ist am besten für die Umwelt?

Kerstin Bergmann aus Erfurt fragt: Was ist denn nun eigentlich nachhaltiger bei der Milch, die Pfandflasche oder der Tetra Pak?

Milch in Einwegverpackungen
Besser als ihr Ruf? Umweltbilanzen sind ein schwieriges Geschäft, sagt das Umweltbundesamt Bildrechte: imago/photothek

Studien zu diesem Thema sind selten, denn sie sind teuer, brauchen viele Daten und die Vergleichbarkeit ist von so vielen Einflussfaktoren abhängig, dass das Ergebnis nie für ganz Deutschland verbindlich sein kann. Das bedeutet: Für die Verbraucher, die im Umfeld einer Molkerei wohnen, die Mehrwegflaschen abfüllt, dürfte der Griff zur (Milch-) Flasche in der Gesamtbilanz besser abschneiden, als wenn in 500 km Entfernung jemand zur gleichen Marke greift. Bei ihm ist möglicherweise der Karton die bessere Wahl.

Nun gibt es eine aktuelle Studie des Heidelberger Instituts für Energie und Umweltforschung (IFEU), deren Qualität den Vorgaben des Umweltbundesamtes entspricht und von diesem auch als gut eingestuft wird. Diese hat den Karton als nachhaltiger ermittelt. Zumindest bei der Milch. Damit sind wir aber leider auch nicht wirklich schlauer, denn von "Waffengleichheit" kann aktuell bei der Milch keine Rede sein. Quasi spielen Tetra Pak & Co. in der Champions League und das Milchpfandsystem in der Kreisliga.

Bei der Milch haben wir alte Mehrwegsysteme, die noch große Optimierungspotentiale haben.

Gerhard Koschik, Verpackungsexperte beim Umweltbundesamt

So gibt es nur wenige Abfüller, dadurch werden die Wege für jede Flasche weiter und bei einem Mehrwegsystem ist das ja ein ganzer zusätzlicher Logistikzweig. Zudem sind die Lkw auch noch mit den verhältnismäßig schweren Glasflaschen zweimal unterwegs, während wir den leichten Milchkarton einfach in die Gelbe Tonne werfen. Auch braucht der Karton im Gegensatz zur Glasflasche kein Extra-Etikett, und die Deckel werden kein zweites Mal auf die Flasche geschraubt - also ganz ohne Einweganteile kommt auch das Pfandsystem nicht aus.

Individualverkehr kann auch in Bilanz eingehen

Nun könnten wir natürlich ganz auf Öko umstellen und holen alle stolz unsere frische Milch beim Bauern oder an der Milchtankstelle, doch dann wird es in der Summe in Sachen Nachhaltigkeit auch kritisch, es sei denn, wir fahren alle mit dem Rad und bilden Einkaufsgruppen. Schließlich fällt der Milchkarton im 12er-Pack quasi beim wöchentlichen Einkaufen mit ab, zur Milchtankstelle müsste jeder öfter und deren Belieferung geschieht ja auch sehr individuell und in täglich frisch gelieferten Kleinmengen. So steht zu befürchten, dass eine solche Gesamtbilanz mit viel Individualverkehr statt Sammeltransport auch nicht sonderlich positiv ausfällt. Aber eine Studie, die das alles tatsächlich vergleichend berechnet, gibt es nicht.

Eine junge Frau kauft Milch im Supermarkt 19 min
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MDR THÜRINGEN - Das Radio Mi 12.01.2022 16:51Uhr 18:36 min

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Alles Glas, oder was?

Nun ist die Glasflasche in der Herstellung sehr energiehungrig, das bedeutet: Aus Sicht des Umweltbundesamtes ist Einwegglas grundsätzlich suboptimal, egal was hineingefüllt wird. Und das Mehrwegglas hat deutliche Gewichtsnachteile gegenüber Karton oder Kunststoff. Vielleicht müsste ein modernes, leistungsfähiges und auch konkurrenzfähiges Mehrwegsystem auf Materialien setzen, die leichter sind als Glas. So wie bei alkoholfreien Getränken wie Mineralwasser, wo die Mehrwegflasche aus PET laut der Studie des Heidelberger IFEU Instituts von 2008 besser abgeschnitten hat als die Glas-Mehrwegflasche.

Nur kann man diese Studie nicht direkt auf die Milch übertragen, alleine schon deshalb nicht, weil laut Umweltbundesamt die Zahl der Umläufe bei Milchflaschen geringer ist. Die Deutsche Umwelthilfe kämpft schon seit Jahren dafür, unter anderem Getränkekartons wie eben Milchkartons mit einem Pfand zu versehen - die Branche wehrt sich mit allen Mitteln. Allerdings wurde dieser Kampf noch zu einer Zeit geführt, als allenfalls der Papieranteil der Kartons recycelt wurde. Das ändert sich gerade mit einer neuen Anlage, die seit dem vergangenen Jahr im Betrieb ist und vom Verband der Hersteller solcher Getränkekartons finanziert und betrieben wird.

Neugier auf Pilotprojekt zum Recycling

Das Umweltbundesamt wartet mit einer gewissen Vorfreude auf erste Daten, auch dahingehend, wie hochwertig und damit wirklich industriell verwendbar die Materialien – also Kunststoffe und Aluminium – sind, die aus den Kartons gewonnen werden können. Die Betreiber teilten schriftlich mit, dass die Kunststoffe zur Herstellung von Non-Food-Produkten wie z.B. Kanistern, Rohren, Boxen oder Folien eingesetzt werden. Das Aluminium würde sich unter anderem zur Herstellung von Gussteilen eignen. Zweckmäßigerweise steht das Werk in der Nähe einer Papierfabrik. Diese "nimmt" sich quasi zunächst die Papierfasern der Getränkekartons und stellt daraus Wellpappenverpackungen und Faltschachteln her. Die bei diesem Aufbereitungsprozess anfallenden Reststoffe landen dann in der neuen Anlage, die sich um die verwertbaren Reste kümmert, also Polyethylen (PE) bzw. PE-Aluminium, mit denen der Karton beschichtet ist, sowie Hart-Polyethylen (HDPE), das von den Verschlüssen stammt.

Laut Betreiber ist die Anlage auf eine Kapazität von 18.000 Tonnen pro Jahr ausgelegt und man hat durchaus das Ziel, künftig alles an Getränkekartons zu recyceln, was wir Verbraucher in die Gelbe Tonne werfen. 130.000 Tonnen sind das nach Verbandsangaben aktuell pro Jahr. Wenn dann der Papieranteil abgezogen ist, soll eine beherrschbare Menge an Kunststoffen und Aluminium übrigbleiben.  

Für die komplette Verwertung der anfallenden Kunststoff-Aluminium-Reststoffe brauchen wir eine zweite Recycling-Anlage in der Größenordnung der Palurec-Anlage. Entsprechende Investitionsentscheidungen werden getroffen, wenn ausreichende Erfahrungen mit der neuen Anlage vorliegen.

Fachverband Kartonverpackungen für flüssige Nahrungsmittel e.V. (FKN)

Diese Pläne können natürlich dazu führen, dass der Milchkarton seine Umweltbilanz weiter verbessert, vor allen Dingen dann, wenn immer mehr Verbraucher mitbekommen, dass die schwarze Tonne der falsche Behälter ist. Je mehr hier wiedergewonnen wird, umso schwieriger wird es wohl, nachhaltige Argumente für die Mehrweg(milch)flasche zu finden, die auch noch den Verbraucher überzeugen. Die PET-Flasche mit Bier war es zum Beispiel nicht, beim Wasser stört es uns weniger. Allerdings kann es bei den Kartons das Problem geben, dass die Bäume langsamer in den Himmel wachsen als der Bedarf an Rohstoffen. Zumal der Milchkarton nicht der einzige Bedarfsträger ist - der Versandkarton zum Beispiel ist es auch, wenngleich hier sehr viel recycelte Fasern zum Einsatz kommen.

Aus einem Pfandautomaten in einem Dresdner Geschäft kommt der Bon.
Bei Milch könnte Mehrweg unterliegen Bildrechte: Imago

Im Jahr 2019 hat jeder Deutsche im Durchschnitt 241,7 Kilogramm Papier, Pappe und Karton verbraucht, das ergab eine Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen im Bundestag. Und das war vor unserer pandemiebedingten Online-Kaufwut. Ein Versandbehälter-Pfandsystem gibt es hingegen noch nicht, abgesehen von ersten Tüten, die sich wiederverwenden lassen. Aber Mehrwegkisten, wie einst der Postmietbehälter, die dann - mit Pfand belegt oder nicht - in verschiedenen Größen immer wieder verschickt werden können. Mehrwegverpackungen haben also durchaus Zukunft, wenn vielleicht auch nicht unbedingt bei der Milch.

Quelle: MDR (csr)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 12. Januar 2022 | 15:10 Uhr

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