Der Redakteur | 26.09.2022 War‘s das mit dem Wohlstand?

Ausgehend vom „Fakt ist“ – Thema heute Abend: „War‘s das mit dem Wohlstand?“ Ist mit Wohlstand nur das Materielle gemeint? Und: Helfen den Ostdeutschen die Umbrucherfahrungen bei der Bewältigung der aktuellen Krisen?

Miniaturmenschen stehen auf einem Haufen Münzen.
Schrumpft das Ersparte? Wie groß ist die Sorge, dass das Leben so nicht weitergeht? Darum geht es beim Redakteur und der Sendung "Fakt ist" aus Erfurt. Bildrechte: Panthermedia

Wohlstand wird bei uns ziemlich eng gesehen. Das Wirtschaftliche und das Materielle stehen im Vordergrund. Wir schauen als Gesellschaft auf die Lohn- und Preisentwicklung, auf den Stand von Staatsschulden und Arbeitslosigkeit und schließen daraus, wie es um unseren Wohlstand steht. Aktuell sind es vor allem die Preise, die uns Sorgen machen, letztlich vor allem, weil wir uns in Abhängigkeiten begeben haben, die uns jetzt auf die Füße fallen.

Thema war bereits 2010 aktuell

Dabei wären die Krisen wie Corona oder die russische Invasion in der Ukraine eigentlich gar nicht nötig gewesen, um einmal inne zu halten. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung hat sich schon vor Jahren Gedanken gemacht, wie wir unseren Wohlstand erhalten können, sollten neue Krisen entstehen. Das war 2010, also ein Jahrzehnt vor Corona. Hintergrund war die damalige Wirtschafts- und Finanzkrise.

Die Experten mahnten damals bessere Mittel zur Lagebeurteilung an, um Krisen frühzeitig erkennen zu können. Sie forderten, über Warnsignale nachzudenken, für den Fall, dass unser Lebensstil die Nachhaltigkeit gefährdet und sie haben bei der Wohlstandsfrage eine generellere Beurteilung der Lebensqualität empfohlen und den Blick auf das, "was für das menschliche Wohlergehen wirklich zählt."

Was bitte ist Wohlstand?

Wohlstand ist sehr individuell. Wer naturnah auf dem Bauernhof glücklich seine Hühner füttert und sich an der eigenen Gemüseernte erfreut, wird mit dem Wohlstand einer sündhaft teuren Dachterrassenwohnung in New York nicht wirklich etwas anfangen können.

Mehr als nur Geld

Auch sind in den Lehrbüchern der Volkswirtschaftler die Einflussfaktoren auf den Wohlstand etwas breiter angelegt. Da ist die politische Situation mit Frieden, Freiheit und Sicherheit ein Faktor. Die ökologische Situation, was im weitesten Sinne die Natur samt Luft und Wasser meint, ein weiterer. Dann wäre da noch die gesellschaftliche Situation mit den Aspekten Bildung, Kultur und Freizeit und dann eben die wirtschaftliche Situation, die wir gern ganz nach oben stellen. Wohlwissend, dass Geld alleine nicht glücklich macht.

Wer es genauer wissen möchte, kann sich auch noch mit dem Engelschen Gesetz beschäftigen. Der Engelkoeffizient Ec gilt als ein Wohlstandindikator und errechnet sich, indem die Lebensmittelausgaben durch die gesamten Konsumausgaben geteilt werden. Je kleiner Ec ist, umso besser steht es um den Wohlstand. Aktuell ist Ec aber bei uns ziemlich gestiegen, weil die Konsumausgaben stocken und gleichzeitig Lebensmittel deutlich teurer geworden sind.

Diskussion um mehr Schulden

Und da sind wir wieder beim Sachverständigenrat von 2010 und seinen Frühindikatoren zur Lageeinschätzung, damit beim großen Tanker Volkswirtschaft rechtzeitig der Kurs geändert werden kann.

Ortsschild mit durchgestrichenem Schriftzug Wohlstand 14 min
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14 min

Wie wird Wohlstand eigentlich definiert? Nachgefragt bei Maximilian Stockhausen vom Institut der Deutschen Wirtschaft.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Mo 26.09.2022 19:13Uhr 13:31 min

https://www.mdr.de/mdr-thueringen/audio-2139886.html

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Aus Sicht von Dr. Maximilian Stockhausen vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln geschieht das aktuell alles viel zu langsam. Zwar weist Stockhausen darauf hin, dass das IW nicht im Verdacht steht, begeisterter Schuldenbefürworter zu sein, aber in der jetzigen Situation scheint es geboten, massiv Geld zur Verfügung zu stellen, um private und wirtschaftliche Pleitewellen zu verhindern. Die Diskussion um neue Schulden oder nicht, um Privathaushalte und Firmen finanziell zu entlasten, ist für Stockhausen eine Investition in eine Stabilisierung der Wirtschaft und der Gesellschaft.

Ein Zusammenbruch der Wirtschaft mit hoher Arbeitslosigkeit wird uns wahrscheinlich am Ende teurer kommen, als jetzt Kredite aufzunehmen.

Dr. Maximilian Stockhausen vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln

Kann der Osten Krise?

Als im März 2020 die erste Corona-Welle über uns hinwegrollte, sorgte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) in einem Interview mit der Zeitung "Die Welt" für Diskussionen, als er mit Hinweis auf die Improvisationsfähigkeit im Osten anmerkte, dass wir hierzulande krisenfester seien. Begründung: "Wir haben hier viele Hochs und Tiefs erlebt. Und viele Krisen bewältigt."

Hinzu kommt sicher die Erinnerung, dass eine gewisse Leere in den Wohlstandregalen durchaus überlebt werden kann. Schon gut zehn Jahre zuvor, nämlich 2010 in der Wirtschafts- und Finanzkrise, erwähnte der damalige Bundesbeauftragte für den Aufbau Ost und Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) ebenfalls eine stärkere Krisenfestigkeit des Ostens. Begründung: In den östlichen Bundesländern gibt es mehr kleine bis mittlere Unternehmen, die nicht so exportabhängig seien wie große Konzerne.

Zeitdruck bei Problemen Lieferketten und Energie

Von einer weiteren Abhängigkeit versuchen wir uns bekanntlich gerade zu befreien, in Sachen Lieferketten und Energie. Wenn uns das nicht schnell gelingt, werden fehlendes Material und die schwierigen Energie- und Rohstoffbeschaffungen unseren Wohlstand gefährden, da sind sich Ökonomen, Praktiker und Politik ziemlich einig. Auch dieses Problem musste im Osten früher tagtäglich gelöst werden, ob uns diese Erfahrung hilft, wird sich zeigen. Und sei es auch nur, dass wir eine gewisse Gelassenheit an den Tag legen oder eben die Improvisationsfähigkeit nutzen, an die Reiner Haseloff erinnert hat.

MDR (ifl/csr)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 26. September 2022 | 15:10 Uhr

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