Der Redakteur | 13.05.2022 "Du hast doch eine Meise!" - Warum verwenden wir Tiermetaphern?

Richard Eckart aus Leinefelde will wissen: Wieso wird Meise benutzt, um die Dummheit eines Menschen zu bezeichnen? Warum ist es nicht die Lerche und warum zeigt man einen Vogel? Und was ist mit ähnlichen Vergleichen? Redakteur Thomas Becker hat Antworten.

Meise spiegelt sich in einer Pfütze.
Die Meise kommt im Deutschen oft zur Sprache, wenn es eigentlich um Menschen geht. Bildrechte: Bernard Castelein

Dass wir mitunter einen Vogel haben, das hat einen historischen Hintergrund. Die Menschen konnten sich einfach nicht erklären, warum es "Verrückte" gibt, also Abweichungen von der geistigen Norm, sei es krankheitsbedingt oder einfach ein bisschen durchgeknallt.

Dass sich das Denkzentrum hinter der Stirn befindet, das hatte sich wohl schon herumgesprochen und die Erklärung für das Anderssein war: Da oben muss statt des Hirns etwas anderes sein. Ein Vogelnest samt Brut erschien logisch, man hatte also einen Vogel oder einen "Piep".

Sieben Vogeleier liegen in einem Nest im Gras
Frühere Erklärung für das Anderssein war: Da oben muss statt des Hirns etwas anderes sein, zum Beispiel ein Vogelnest samt Brut erschien plausibel. Bildrechte: Colourbox.de

Soweit hat das Professor Jürgen Udolph eindeutig belegen können, der als Namensforscher quasi in den gleichen Quellen fischt, in der auch unsere Redewendungen zu Hause sind. Bei der Meise ist es etwas schwierig mit der Nachweisführung, es könnte an der Größe des Vogels gelegen haben, dass sich hier dieses Vöglein durchgesetzt hat, vermutet Udolph. Vielleicht war die Meise auch noch nicht besetzt. Dass Tiere immer wieder Pate stehen für Vergleiche aller Art und auch für Namen, ist nämlich nicht nur üblich, sondern auch naheliegend.

Die Menschen lebten früher einfach mit den Tieren viel enger zusammen.

Prof. Jürgen Udolph, Sprachwissenschaftler

Wie die Tiere!

Der Nähe wegen wurden also typische tierische Eigenschaften auf Menschen übertragen, die zum Beispiel diebisch waren wie die Elster, in deren Nestern man Dinge fand, die da nicht hingehörten. Die tieffliegenden Schwalben wurden namensgebend für Elfmeterschinder und das "Schimpfen wie ein Rohrspatz" ist den Rohrsängern untergeschoben wurden, einer Sperlingsart, die als Drosselrohrsänger oder Teichrohrsänger eben im Schilf = Rohr sitzt und mit ihrem Geschrei andere Tiere warnt.

Faszination Vögel – Drosselrohrsänger
Ein Drosselrohrsänger sitzt üblicherweise im Schilf und warnt andere Tiere mit seinem Geschrei. Bildrechte: Eugen Oertel

Der Dreckspatz wiederum ist unser Hausspatz, der nicht nur in Wasser badet, sondern auch im Staub, um so sein Gefieder von Schädlingen rein zu halten.

Auch der Zaunkönig hat uns eine Redewendung beschert und zwar über seinen Zweitnamen Schneekönig. Der Hintergrund: Bei Schnee ist der kleine und sehr lebendige Vogel wohl etwas eingeschränkt bezüglich seiner Landeplätze, besonders die Zaunpfosten tragen dicke weiße Mützen. Das Umherspringen auf den Zaunslatten über die schneebedeckten Gipfel hinweg, in denen er versinken würde, sah offenbar recht fröhlich aus. So wurde er zum Schneekönig, der sich wie selbiger freut.

Das steht sogar im Grimm’schen Wörterbuch, dem großen Wörterbuch der Deutschen Sprache.

Prof. Jürgen Udolph, Sprachwissenschaftler

Andere Sprache - anderes Tier

Andere Sprachen haben andere Tiere, die manchmal aber das gleiche Phänomen beschreiben und zwar mit den Tieren, die in der jeweiligen Sprachregion zu Hause sind. Bei uns ist als nicht so geflügeltes Wort, aber im Wörterbuch verbrieft, ein "weißer Rabe" ein außergewöhnlicher Mensch mit einer abweichenden Meinung. Ein weißer statt eines buchstäblich rabenschwarzen Raben fällt halt auf.

Ein Kolkrabenpaar (Corvus corax)
Weißer Rabe lässt sich in der Natur nicht beobachten. Bildrechte: IMAGO

Auch im Niederländischen, wo man von "een witte raaf" spricht, ist der gleiche Vogel im Spiel, in Spanien ("un mirlo blanco") und Frankreich ("un merle blanc") wird aus dem weißen Raben eine weiße Amsel und im Italienischen eine weiße Fliege ("una mosca bianca").  

Und immer fein aufpassen beim Übersetzen!

Wie schnell etwas schief gehen kann, wenn man wortgetreu Redewendungen aus dem Tierreich in andere Sprachen übersetzt, hat auch etwas damit zu tun, dass die Tiere je nach Kultur mal positiv und mal negativ besetzt sind.

Das zeigt sich auch bei der Frage, wie fit jemand ist. Wir haben uns hier den Turnschuh ausgesucht und stehen damit offenbar ziemlich alleine da. Die Herkunft ist dank des Lexikons der sprichwörtlichen Redensarten ganz gut nachvollziehbar, so alt ist der Turnschuh auch noch nicht.

Nahaufnahme der Sportschuhe einer Joggerin im Wald
"Fit zu sein" hat im Englischen nicht viel mit den Turnschuhen zu tun. Bildrechte: Colourbox.de

"To be fit" bedeutet im Englischen so viel wie "passend" oder "tauglich". Das Wort "fit" kam in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch die Sportsprache zu uns und wurde mit "leistungsfähig" gleichgesetzt und irgendwann mit dem schicken Turnschuh verbunden. Der Engländer hingegen ist fit wie eine Geige ("to be as fit as a fiddle") und andere Nationen bedienen sich auch hier wieder im Tierreich.

Der Franzose ist lebendig wie ein Eichhörnchen ("vif comme un écureuil"), der Spanier - wen wundert’s - gleicht einem Stier ("estar hecho un toro"), der Italiener ist gesund wie ein Fisch ("essere sano come un pesce") und der Niederländer fit wie ein Hühnchen ("fit als een hoentje").

Wenn der Niederländer also nun einer joggenden deutschen Frau ein Kompliment machen will, kann das richtig schiefgehen. Denn als Hühnchen ist man bei uns eher dumm als fit. Bestenfalls noch verrückt, womit man also wieder einen Vogel hätte.

MDR (mw)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 13. Mai 2022 | 16:10 Uhr