Behind the Sound Joachim Kiesler – Lautsprecherhersteller

Für Musiklieberhaber ist klar: Auch das beste Lied ist nur so gut wie die Box, über die es abgespielt wird. Für einen unvergleichbar sauberen Klang sorgt seit rund 50 Jahren ein Mann aus Sachsen. Joachim Kiesler arbeitete schon zu DDR-Zeiten als Boxenhersteller. Sein Autolautsprecher "Uni 15" verkaufte sich in den 1980er Jahren mehr als zehn Million Mal. Heute ist seine Arbeit auch international begehrt.

Arbeiten müsste Joachim Kiesler mit Sicherheit nicht mehr, aber die Firma ist sein Leben. Täglich beginnt er früh morgens - wie auch alle anderen - seinen Dienst, verbringt die Arbeitszeit in seinem Büro und im einige Räume entfernten Werkstatt-Zimmer. Dort sitzt der 77-jährige Erfinder und konzeptioniert, schraubt und lötet an High-Tech-Geräten - direkt neben dem Marktplatz einer sächsischen Kleinstadt.

Luft und Licht "wackeln" lassen

Sein ganzes Leben lang macht er das schon: Seit er 1960 die Firma Musikelektronik Geithain gründete, einen Autolautsprecher entwickelte, der als Exportschlager über zehn Millionen Mal verkauft wurde, und er dafür mit dem Orden "Verdienter Techniker des Volkes" ausgezeichnet wurde. Nebenbei hat er über die Jahre unter anderem Geräte für die Medizintechnik erfunden. Gerade arbeitet seine Firma an einem Gerät zum Augenlasern. "Alles Schwingungen", sagt Joachim Kiesler und dass es keinen großen Unterschied mache, ob man nun Licht oder Luft wackeln lasse.

Hauptsächlich lassen sie in Geithain Luft wackeln. Aus dem verwinkelten alten Gebäude am Marktplatz, in dem man sich auch beim dritten Besuch noch verlaufen kann, werden Jahr für Jahr Lautsprecher an zahlungskräftige Kunden verkauft.  An ARD und ZDF, die BBC, an Opern und Konzerthäuser auf der ganzen Welt. Die Regielautsprecher der sächsischen Manufaktur sind weltberühmt und hoch geschätzt für ihre Qualität und ihren Klang. Niemand sonst baut vergleichbare Rundfunklautsprecher, keiner der großen Namen im Geschäft hat einen annähernd guten Ruf, wie der 15 Mitarbeiter starke Betrieb aus der sächsischen Provinz.

Originaler und unverfälschter Sound für die Profis

Das Geschäft um Tonaufnahme, Wandlung und Wiedergabe lebt zu großen Teilen von kaum greifbaren und schwer zu definierenden Begriffen. Sounds werden oft mit Schlagwörtern wie "crispy", "warm" oder "fett" umschrieben. Hier merkt man leicht, dass der Versuch, subjektive Höreindrücke allgemeingültig zu beschreiben, nicht wirklich gelingen kann. Den "absoluten" Lautsprecher wird es niemals geben, jeder Lautsprecher hat einen eigenen Frequenzgang, stellt Höhen-, Mitten- oder Tiefenbereiche besonders heraus und "färbt" so den Klang. Bei Heimlautsprechern ist das häufig gewünscht, professionelle Studio- und Regielautsprecher hingegen sollen Audiosignale möglichst originalgetreu wiedergeben. In der unverfälschten Tonwiedergabe sind die Lautsprecher aus Geithain Meister ihrer Klasse, aber noch an einem weiteren Kriterium lässt sich messen, wie gut Lautsprecher wirklich sind.

Im Showroom der Firma stehen vier Lautsprecherpaare, ein paar Meter davor Stuhlreihen, die Platz für einen ganzes Universitätsseminar bieten. Der Raum ist akustisch geplant und optimiert: 0,3 Sekunden Nachhallzeit, Studiostandard gerechnet auf das Volumen dieses Raumes. Joachim Kiesler erzählt den Studierenden von seiner Firma, vom Boxenbau und davon, was im Leben wichtig ist. Das kann er sehr ausschweifend, aber so spannend, dass man dabei vergisst, warum man ihn eigentlich besucht.

Ein Sachse schafft, wo andere scheitern

Dann ist es soweit. Tosende Orgelmusik erfüllt den Raum und alle blicken so ungläubig in Richtung der aufgestellten Lautsprecher, als hätten diese sich gerade in Orgelpfeifen verwandelt. Bei der Wiedergabe von Musik mit extremer Frequenzbandbreite und hohem Dynamikumfang, wie z.B. klassischen Orchestern oder einer Orgel, versagen die meisten Lautsprechersysteme. Man hat schnell das Gefühl etwas aus der Konserve zu hören und versucht nachzuempfinden, wie das Original geklungen haben muss. Läuft diese Musik allerdings auf den Lautsprechern von Joachim Kiesler, hat man das Gefühl, vor der Orgel zu stehen oder in den Orchestergraben zu blicken.

Dabei kocht man in Geithain auch nur mit Wasser, aber die Größe der Firma und die vergleichsweise geringe Anzahl an Lautsprechern, die pro Jahr verkauft werden, ermöglichen diese ganz besondere Qualität. Jeder Lautsprecher ist ein maßgenaues Einzelstück. Nach der Fertigung, die komplett in Handarbeit erfolgt, wird jeder Lautsprecher elektrisch durchgemessen und in einem schalltoten Raum akustisch geprüft. Die Messprotokolle aller gefertigten Boxen werden aufbewahrt. Kommt ein Lautsprecher nach 30 Jahren zur Reparatur, weil Schaumstoffteile altersbedingt getauscht werden sollten, lässt sich immer noch nachvollziehen, ob er so klingt, wie am ersten Tag.

Erfolgsgeschichte in der DDR

Durch seinen Erfindergeist und seinen Verdienst an der Volkswirtschaft der DDR blieb er trotz seiner sehr direkten, kompromisslosen Art auch als Kriegsdienstverweigerer und jemand, der Leuten gerne mit Schalk und flotten Sprüchen auf die Füße tritt, vom Staatsapparat unbehelligt. Im Ministerium für Elektrotechnik schätzte man Kiesler Expertise. Minister Steger bat ihn persönlich, ob er nicht einen Stoff entwickeln könne, damit man kein teures Rohgummi aus dem Westen mehr kaufen müsse. Die daraus entstanden Umformungstechnik von Schaumstoffplatten findet noch heute Anwendung in der Herstellung von Lautsprechersicken.

Auch wenn ihm dieses Ministerium die Prämie von 20.000 Mark Ost für seine größte Auszeichnung bis heute schuldig ist, verliert Joachim Kiesler kein böses Wort über die DDR. Ganz im Gegenteil: Er geht davon aus, dass seine Erfolgsgeschichte in der BRD, damals wie heute, wohl nicht möglich gewesen wäre. Joachim Kiesler hat geschafft, was nur den wenigsten gelungen ist.

Übernahme ausgeschlossen

"Die Wende kam dann genau zur richtigen Zeit", sinniert er rückblickend. Denn mehrere deutsche Rundfunkanstalten waren gerade auf der Suche nach neuen Systemen für ihre Regieräume und die Lautsprecher aus Geithain gewannen die Blindtests. Es folgte der rasante Weg in den Weltmarkt und als große Konzerne Unterhändler mit Übernahmeangeboten nach Geithain schickten, lobte Joachim Kiesler, der niemals verkaufen würde, derart astronomische Summen aus, das man sich nie wieder bei ihm meldete.

Dass sich seinetwegen 15 Menschen keine Sorgen um ihren Arbeitsplatz machen müssen, macht ihn spürbar glücklich und zufrieden. Dass er dem Weltmarkt und einigen riesigen Konzernen mit einem unschlagbaren Produkt auf der Nase herumtanzt, trägt vielleicht auch dazu bei. "Ich habe in meinem Leben noch keinen Tag gearbeitet", erklärt Joachim Kielser zufrieden. "Ich mache nur, was mir Spaß macht und bekomme auch noch Geld dafür."

Bildergalerie Behind the Sound: Joachim Kiesler – Lautsprecherhersteller

Das Lautsprecher-Studio von Joachim Kiesler in Geithain.
Bildrechte: MEDIEN360G
Das Lautsprecher-Studio von Joachim Kiesler in Geithain.
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Das Lautsprecher-Studio von Joachim Kiesler in Geithain.
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Das Lautsprecher-Studio von Joachim Kiesler in Geithain.
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Das Lautsprecher-Studio von Joachim Kiesler in Geithain.
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Das Lautsprecher-Studio von Joachim Kiesler in Geithain.
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Das Lautsprecher-Studio von Joachim Kiesler in Geithain.
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Das Lautsprecher-Studio von Joachim Kiesler in Geithain.
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