Corona-Auswirkungen Medienbranche steht Kopf

Haben die Medien zu unkritisch berichtet? Sind sie ihrem Informations- und Einordnungsauftrag ausreichend nachgekommen? Und warum wurden immer die gleichen Experten präsentiert? Ein kritischer Blick auf die Arbeit der Medien in der Corona-Krise.

Collage von Bildern mit Angela Merkel, Alexander S. Kekulé und einem Kamerateam 11 min
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Die drastischen Veränderungen im Alltag der Menschen haben auch Medienschaffende völlig überrascht. Vor allem am Anfang war die Nachfrage in der Bevölkerung nach verlässlichen Informationen über das neue Virus und seine Folgen im Mittelpunkt. "Da war ein irres Bedürfnis der Leute zu wissen, was eigentlich los ist", sagt taz-Chefredakteurin Barbara Junge.

Ihre Zeitung ist eigentlich dafür bekannt, Regierungshandeln kritisch zu beleuchten - und musste sich für ihre Corona-Berichterstattung schnell Vorwürfe ihres Publikums gefallen lassen, die massiven Einschränkungen der Grundrechte nicht kritisch genug begleitet zu haben. Vorwürfe, die das Blatt dann aufgriff und thematisierte. "Ich glaube, am Anfang kamen Berichte über die Einschränkungen der Grundrechte etwas zu kurz, weil wir erst einmal lernen mussten, mit dieser Krise umzugehen", sagt Junge.

Denn die Einschränkungen durch Corona hatten auch ganz praktische Auswirkungen auf die Medienarbeit: Abläufe in Sendern, Zeitungshäusern und anderen Medienbetrieben mussten in kürzester Zeit neu geordnet werden. Ganze Redaktionen wurden ins Home-Office geschickt. Für die privaten Medien wie Zeitungen und Privatradios kam hinzu, dass die wichtige Einnahmequelle Werbung und Anzeigen weg brach. Corona stellte den Medienbetrieb wortwörtlich auf den Kopf

Schwieriges Verhältnis zur Wissenschaft

Collage: Eine Person auf blauem Hintergrund hält die Arme wie bei einem Vortrag. Daneben steht in einer schwarzen Box: In Bildern erklärt! Darunter steht der Titel der Animation: Personalisierung in den Medien. 1 min
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Medien erklären Sachverhalte und Ereignisse bevorzugt anhand persönlicher Geschichten oder Personen. Das macht ein Thema für das Publikum greifbarer und damit nachvollziehbarer.

Fr 19.06.2020 09:51Uhr 01:20 min

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Hinzu kam: Medienschaffende mussten sich zum Thema Virologie erst selbst grundlegende Informationen verschaffen und diese verstehen. Denn das Fachwissen um das neue Virus war auf journalistischer Seite zunächst ausgesprochen begrenzt. Folglich wurden Expertinnen und Experten aus der Wissenschaft, die die Zusammenhänge erklären können, gesucht und gefunden – der Eindruck entstand, sie seien allgegenwärtig und die Medien expertenhörig. Ein nachvollziehbarer Vorwurf, der aber nicht wirklich zutrifft.

Noch schwieriger wurde die Situation, weil sich - zumindest in der oberflächlichen Betrachtung - Aussagen von Wissenschaftlern widersprachen. Beispiel Maskenpflicht: Anfangs galten Masken als nicht notwendig, kurze Zeit später wurden sie zumindest in Bus und Bahn in allen Bundesländern Pflicht.

Collage: Zwei Person auf blauem Hintergrund, ein Wissenschaftler und ein Journalist sitzen im Gespräch nebeneinander. Daneben steht in einer schwarzen Box: In Bildern erklärt! Darunter steht der Titel der Animation: Wissenschaft und die Medien. 1 min
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In der Corona-Krise präsentierten Medien sichere Erkenntnisse, welche kurze Zeit später bereits überholt waren. Das liegt am Umgang mit einer sich ständig ändernden Faktenlage durch Wissenschaft und Medien.

Fr 19.06.2020 09:51Uhr 01:04 min

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Hintergrund für diese scheinbare Widersprüchlichkeit ist, dass Wissenschaft und Journalismus grundsätzlich sehr unterschiedlich funktionieren. Journalismus will aktuell über klare Ergebnisse und abgeschlossene Ereignisse berichten. Wissenschaftliche Forschung kann aber nicht mal eben die gewünschten Ergebnisse liefern, sondern kommt zu immer wieder neuen Erkenntnissen und muss sich oft selbst korrigieren. Weil viele Medien ihren alten Mechanismen folgten und die in der Krise sich weiter entwickelnden Forschungserkenntnisse immer wieder wie absolute Wahrheiten verkündeten, konnte der Eindruck entstehen, sie berichteten heute so und morgen so.

Holger Wormer, Professor für Wissenschaftsjournalismus an der TU Dortmund, fordert auch hier mehr Respekt für die jeweils andere Seite - auch was ihre Arbeitsbedingungen und Zwänge angeht. In der Wissenschaft fehlt es nach seiner Meinung beispielsweise an genauerer Kenntnis und damit auch an Verständnis für die "Drucksituationen", unter denen die Medien arbeiten müssten.

Mehr Distanz zur Politik gefordert

Am Anfang der Krise waren die meisten Menschen mit der Arbeit der Medien insgesamt zufrieden. Das belegen auch erste Studien.

Spätestens um Ostern herum mehrten sich aber Vorwürfe, die Medien würden zu stark "Kanzlersprech" der Bundesregierung transportieren. Dagegen hätten sie nicht ausreichend über die Kehrseiten der zum Teil noch nie da gewesenen Maßnahmen und Einschränkungen wie Kontakt- und Reiseverbote berichtet. Der Vorwurf lautete also, die Medien würden zu staatsnah berichten und andere Sichtweisen und Meinungen ausblenden. Diese Debatte fand sich dann auch in vielen Medien wieder

Der Focus-Kolumnist Jan Fleischhauer kommt zu dem Schluss, manche Journalistinnen und Journalisten hätten "nicht genau unterscheiden können zwischen der Rolle als Informationsvermittler und der Rolle als Virus-Bekämpfer". Gerade in einem Berufsstand, der stolz darauf sei, als kritisch gegenüber Regierung und Politik zu gelten, habe er sich "mehr Distanz gewünscht. Also auch mal zu fragen: Ist eigentlich alles, was die Bundesregierung da von uns verlangt, auch gerechtfertigt"?

taz-Chefin Junge weist den Vorwurf, die Medien wären insgesamt zu unkritisch und staatsnah in ihrer Corona-Berichterstattung unterwegs gewesen, als zu kurz gegriffen zurück. Allerdings hätten die Medien in der Anfangsphase erst einen Moment gebraucht, um sich zu sammeln und die eigene Rolle neu zu definieren.

Offenes Ohr auch für abweichende Meinungen

Der Journalistik-Professor Vinzenz Wyss aus der Schweiz hofft, dass die Medien aus den bisher in der Corona-Krise gemachten Erfahrungen lernen. Denn die Pandemie wird die gesamte Gesellschaft und damit die Medien noch lange beschäftigen. Auch wenn mittlerweile überall wieder andere Themen auf dem Programm stehen. Besonders viel Verbesserungsbedarf sieht Wyss beim Umgang mit Zahlen: Am Anfang der Krise hätten die Medien "sehr stark einfach an den Zahlen" gehangen "und diese verlautbart", sagt Wyss. Solche Angaben müssten besser eingeordnet und auf ihre Aussagekraft abgeklopft werden.

Die Medien müssten außerdem transparenter machen, wie sie an ihre Informationen kommen und wo sie selbst noch wenig oder nichts wissen. Genauso wichtig sei, alle Aspekte und Meinungen zu berücksichtigen. Der Journalismus müsse "auch für Stimmen, die anderer Ansicht sind, ein offenes Ohr haben" und dürfe diese nicht abfällig oder abweisend behandeln.