Medientage Mitteldeutschland 2021 Die Privatsender setzen auf Information, ARD und ZDF auf junge Köpfe

Fernsehen ist immer noch unsere liebste Freizeitbeschäftigung. Doch was genau ist eigentlich damit gemeint? Lineares TV nach dem angekündigten Programm? Fernsehen on demand in den Mediatheken und bei den Streamingdiensten? Oder gucken wir alle nur noch YouTube?

Bildcollage: Eine Büste mit altägyptischem Kopfschmuck (Nemes-Kopftuch) blickt auf einen nicht zu erkennenden Punkt vor sich. Statt der Uräusschlange trägt die Büste einen stilisierten Fernseh-Apparat als Stirnschmuck.
Bildrechte: MDR MEDIEN360G

Der Fernsehmarkt ist im Umbruch. Die privaten Anbieter wie RTL und ProSieben setzen im Wettbewerb um die Aufmerksamkeit des Publikums plötzlich wieder auf Nachrichten und Informationen und holen sich dafür Personal von den öffentlich-rechtlichen Sendern. Die geben offen zu, sich gern mal von den privaten Wettbewerbern inspirieren zu lassen.

Wie die Programmplanung der Zukunft aussehen könnte, diskutierten Programmverantwortliche der großen Sender auch bei den Mitteldeutschen Medientagen 2021 in Leipzig. Sie stehen durch die neuen Player wie Netflix, Amazon und viele andere mehr unter Druck. Noch machen die größten acht öffentlich-rechtlichen und privaten TV-Kanäle erfolgreich Programm und damit rund 50 Prozent des Zuschauermarkts aus. Doch der Trend ist klar: Vor einigen Jahren konnten diese acht Programme noch rund drei viertel aller Zuschauerinnen und Zuschauer an sich binden.

Pro Sieben will 2023 wieder eigenen Nachrichten senden

Von "Fernseh-Dinos" sprach denn in Leipzig auch der Medienforscher Prof. Dr. Hans-Jürgen Weiß aus Potsdam. Er untersucht seit Jahren, was in den privaten wie den öffentlich-rechtlichen Kanälen läuft - vor allem mit Schwerpunkt Nachrichten und Information. Was hier auffällt: Die Privatsender setzen spätestens seit Beginn der Corona-Pandemie wieder auf Information. Das war nicht immer so. Vor ein paar Jahren wollte die ProSiebenSat.1-Sendergruppe auf keinen Fall mehr Geld für Nachrichten ausgeben. Doch als so genanntes Vollprogramm muss ProSieben natürlich ein Mindestmaß an Nachrichten senden. Das schreibt die Sender-Lizenz vor, die in Deutschland jeder klassische TV-Kanal braucht. Aktuell werden die Nachrichten aber zugeliefert. Jetzt kündigte der für Inhalte zuständige Geschäftsführer von ProSieben, Henrik Pabst, an, dass sich das bis 2023 ändern soll.

"ProSieben baut wieder eine eigene Nachrichtenredaktion mit 60 Stellen auf", sagte Pabst in Leipzig. Überhaupt hat sich bei der in Unterföhring bei München sitzenden ProSiebenSat.1-Sendergruppe im Programm einiges getan. Da engagieren sich die Komiker Joko und Klaas gegen den Pflegnotstand und ProSieben zeigt sechs Stunden lang ungeschönt den Alltag in deutschen Krankenhäusern zu Pandemiezeiten. Und auch das erste lange Interview mit Annalena Baerbrock, der Kanzlerkandidatin der Grünen, lief bei ProSieben.

Personalwechsel von "Tagesschau" und "Tagesthemen" zu RTL und ProSieben

Außerdem werben die Privatsender gerade Personal bei der ARD ab - "Tagessthemen"-Moderatorin Pinar Atalay arbeitet ab August für RTL , von der "Tagesschau" wechselte Linda Zervakis zu ProSieben.

"Wir wollen kein öffentlich-rechtlicher Sender werden und erfinden uns auch nicht komplett neu", kommentierte das Pro7-Inhaltegeschäftsführer Pabst bei der Diskussion in Leipzig. Aber ProSieben wisse, "dass wir aufgrund unserer Reichweite eine gesellschaftliche Verantwortung haben."

Auf dem Podium diskutierten (von links) Norbert Himmler, Programmdirektor des ZDF, Stephan Schmitter, Geschäftsführer RTL NEWS GmbH, Moderatorin Vera Linß, ARD-Programmdirektorin Christine Strobl, Henrik Pabst, Chief Content Officer Seven.One Entertainment Group (zugeschaltet) und der Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Hans-Jürgen Weiß.
Auf dem MTM-Podium diskutierten (von links) Norbert Himmler, Programmdirektor des ZDF, Stephan Schmitter, Geschäftsführer RTL NEWS GmbH,  Moderatorin Vera Linß, ARD-Programmdirektorin Christine Strobl, Henrik Pabst, Chief Content Officer Seven.One Entertainment Group (zugeschaltet) und der Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Hans-Jürgen Weiß. über künftige Programmschwerpunkte der privaten und der öffentlich-rechtlichen Sender. Bildrechte: Viktoria Conzelmann | MTM

Öffentlich-rechtliche Programme lernen auch von den Privaten

Bereitet dieser Trend ARD und ZDF sorgen? Nein, sagte die neue Programmdirektorin des Ersten, Christine Strobl. "Ich finde das gut, wenn sich die Privaten aufmachen, ihren Informationsanteil zu erhöhen". Damit reagierten sie auf ein Grundbedürfnis der Gesellschaft, so Strobl: "Es geht auch um neue Ansätze. Ich schaue ganz gern mal bei den Privaten rein und gucke, was die anders machen und nehme davon auch etwas für uns mit." Denn die ARD wolle über das Erste hinaus jüngere Zielgruppen und mit Blick auf die Bundestagswahl im September Erstwählerinnen und -wähler ansprechen. "Es geht um eine Mischung aus klassischer Berichterstattung und Befragung der Kanzlerkandidaten, aber auch darum, neue Formen zu finden und neue Angebote zu schaffen, um die Leute, die kein klassisches Fernsehen mehr schauen, zu erreichen", sagte Strobl. Dabei käme dem jungen Angebot funk und den Mediatheken eine entscheidende Bedeutung zu.

Für Stefan Schmitter, der bei RTL für alles rund um Information und Nachrichten zuständig ist, liegt der Vorteil der Privatsender bei ihrer Fähigkeit, Nachrichten auch mit einem "Human Touch" versehen zu können. Dazu habe sich gerade auch bei der Corona-Berichterstattung gezeigt. Anders als ProSieben stehen bei der RTL-Senderfamilie (RTL, Vox, RTL II,) Nachrichten schon immer höher im Kurs. Zur Sendergruppe gehört auch der News-Kanal n-tv.

RTL mit künftig neun Stunden Information am Tag

"Bei uns machen jeden Tag 750 Journalistinnen und Journalisten Programm", so Schmitter. RTL wolle sein Informations- und Nachrichtenangebot von aktuell sieben auf neun Stunden am Tag ausbauen, kündigte er in Leipzig an. "Das ist ein Rieseninvestment unsererseits."  Aber RTL habe gerade in der Pandemie erkannt, dass man etablierte Programme aufbrechen und tagesaktueller arbeiten müsse.

Das Jahr 2020 war dabei ein Sonderfall, so Medienforscher Weiß. "Die gesamte Fernsehberichterstattung war im Grunde Corona-Berichterstattung", so Weiß: "45 bis 55 Prozent der Nachrichtensendungen haben sich mit Corona beschäftigt. Zu Spitzenzeiten zu Beginn der Krise waren es bis zu 85 Prozent – etwas, was ich in meiner ganzen Zeit als Programmforscher nicht erlebt habe. Das ist wirklich einmalig."

Neue Formate durch die Pandemie

Corona veränderte aber auch das gesamte Programm. ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler verwies in Leipzig auf neue Formate wie: "Instant Fiction". "Da ist ganz schnell fiktionales Programm unter Pandemie Bedingungen entstanden. Unser Kulturmagazin 'Aspekte' wurde aus einer Sendung mit Publikum plötzlich zu einem Reportage-Format."

Auch was den Human Touch angeht, wollte er den Ruhm nicht allein bei den Privatsendern wissen: "Wir haben seit 12 Jahren Markus Lanz, der hat sich in den letzten anderthalb Jahren auch deutlich verändert", so Himmler über den Moderator, der in der TV-Kritik gerade als der beste Polit-Moderator Deutschlands gilt.

Doch auch wenn Corona in den kommenden Monaten keine so große Rolle mehr spielen dürfte, steht die Fernsehwelt vor großen Herausforderungen. "Wir erleben gerade die spannendste Phase seit der Gründung des Privatfernsehens vor knapp 40 Jahren", ist sich RTL-Mann Schmitter sicher: "Der Wettbewerb wird uns alle besser machen." Ob die Rekrutierungs-Strategie der Privaten dabei aufgeht, sieht zumindest ZDF-Programmchef Himmler kritisch: "Es geht darum, neue, junge Köpfe aufzubauen und nicht unbedingt 'Tagesschau'-Moderatoren abzuwerben."

So ist sie, die schöne neue Fernsehwelt: Um weiter erfolgreich zu bleiben, wildern die Privaten plötzlich in der Domäne der Öffentlich-Rechtlichen – und holen sich dafür deren Gesichter. Und ARD und ZDF entdecken mal wieder die jungen Zielgruppe, die bislang eher bei den privaten Sendern zu Hause ist.