Journalismus für die Gesellschaft Zwischen Mensch und Medien kriselt's

In der Beziehung zwischen Mensch und Medien kriselt's. Das zeigen wissenschaftliche Studien und die Antworten von MDR-Nutzenden auf unsere Fragen nach ihren Erfahrungen mit Medien während der Corona-Pandemie. Vertrauen ist verloren gegangen. Wie kommen die Medien da wieder raus?

Porträt von Prof. Dr. Michael Steinbrecher 17 min
Bildrechte: Institut für Journalistik TU Dortmund

Für den Dortmunder Journalistik-Professor Michael Steinbrecher liegt eine ganz praktische Antwort im Hinterfragen von Aktualität um jeden Preis. "Wenn zu viel Wert auf Schnelligkeit gelegt wird, kann darunter die Richtigkeit leiden", so Steinbrecher im Interview mit MDR MEDIEN360G. Außerdem gebe es vor allem in den Online-Angeboten zu viel Zuspitzung und Skandalisierung.

Klicks und das digitale Dilemma

Die Verlage stünden hier vor einem Dilemma, sagt Steinbrecher: "Ich habe mit vielen Chefredakteurinnen und Chefredakteuren gesprochen. Die benennen klar dieses Dilemma. Wer im Online-Journalismus und auch in den sozialen Netzwerken erfolgreich sein will, muss schnell sein." Für Steinbrecher liegt darin ein Grundsatzproblem, dem sich vor allem viele Zeitungsverlage stellen müssen. "Es geht um die Frage, ob sie für den kurzfristigen Erfolg in den sozialen Netzwerken mittel- und langfristig die Glaubwürdigkeit des Journalismus gefährden wollen." Die eigentlich simple Antwort darauf lautet Entschleunigung und sich weniger von Social Media und Klicks treiben lassen. Doch mehr Klicks bedeuten nach der Logik der Online-Welt mehr Geld. Gerade bei der angespannten finanziellen Situation besonders bei den Zeitungsverlagen fehlt oft der Mut, neue Wege zu gehen.

Trennung von Nachricht und Kommentar

Schwieriger wird es bei der Kritik, viele Medien nähmen es mit der Trennung von Nachricht und Meinung nicht mehr so genau und würden ihren Nutzerinnen und Nutzern eine Meinung unterjubeln wollen. "Ganz oben auf der Liste der Erwartungen an die Medien steht die neutrale Berichterstattung, also die Trennung von Nachricht und Meinungen", so Steinbrecher. 90 Prozent der Befragten der Studie "Journalismus und Demokratie", die das Verhältnis von Medien und Gesellschaft untersucht, gaben dies an. "Und genau hier gab es den größten Bruch: Nur gut die Hälfte der Befragten glaubt, dass die Trennung von Nachricht und Kommentar auch oberste Priorität bei den Journalistinnen und Journalisten hat." Viele Menschen hätten so den Eindruck, dass "nicht mehr neutral und unvoreingenommen berichtet wird - und ich glaube schon, dass sich da etwas verschoben hat." Es gebe immer mehr Journalistinnen und Journalisten, denen es wichtig ist, Position zu beziehen und Haltung zu zeigen. "Das gehört ja auch zum Journalismus und dafür gibt es Kommentare", so Steinbrecher. Hier sollte jede Redaktion seiner Meinung nach "zumindest mal nachdenken, ob die Vermischung von Nachricht und Kommentar in bestimmten Beiträgen oder Darstellungsformen tatsächlich der Fall ist - und ob man wieder klarer trennen sollte".

Mehr Transparenz und neue Fehlerkultur

Eine weitere Forderung, die Steinbrecher auch oft von seinen Studierenden hört, lautet: Mehr Transparenz. "Wir kennen doch alle die alte Situation, dass sich Redaktionen abschotten." Die Medien müssten aber viel stärker offenlegen, wie sie arbeiten. "Also beispielsweise zeigen, welche Informationen Grundlage eines Beitrags sind - natürlich bei Wahrung des Quellenschutzes. Denn das schafft Vertrauen".

Dazu gehöre in jedem Fall auch eine neue Fehlerkultur und "mehr Selbstkritik", so Steinbrecher: "Journalistinnen und Journalisten müssen Fehler eingestehen und offenlegen, statt mit Fehlern beleidigt umzugehen." Wenn Medien dagegen Erklärungsansätze lieferten, wie solche Fehler zustande gekommen sind, würden ihnen diese viel eher verziehen, "als wenn man sie später den Medien nachweist. Und die im Nachhinein so tun, als wäre da nie was gewesen".

Der Journalismus muss sich besser erklären

Dazu gehört laut Steinbrecher unbedingt der Dialog mit dem Publikum. "Wir müssen als Medien in die Diskussion auch mit unseren Kritikern gehen. Wir dürfen den Dialogfaden nicht abreißen lassen, sondern müssen offensiv erklären, wofür der Journalismus da ist und nach welchen Prinzipien wir arbeiten." Dabei sei tabu - wie in der Corona-Berichterstattung aber oft geschehen - andere Positionen per se abzustempeln oder ins Lächerliche zu ziehen. Grundsätzlich müssten sich alle Journalistinnen und Journalisten daher viel häufiger fragen: "Wofür sind wir denn eigentlich da? Und für wen sind wir da?", so Steinbrecher. "Denn wir machen Journalismus nicht für uns. Wir machen ihn für die Gesellschaft".

In Redaktionen mangelt es an Diversität

Hier habe sich in den letzten Jahren bei vielen Menschen aber ein Gefühl der Entfremdung breitgemacht, weil sie sich mit ihren Alltagserfahrungen, Ängsten und Anliegen nicht mehr in den Medien wiederfinden. Dies liege auch an der Zusammensetzung der Redaktionen, so Steinbrecher: "Natürlich müssen wir uns auch selbstkritisch beobachten und fragen: Wer wird Journalist? Wer wird kein Journalist?" Wie bei vielen anderen Berufen kämen die meisten Journalistinnen und Journalisten heute aus Akademikerhaushalten. Es gelte zu prüfen, "Wie sind die Redaktionen aufgebaut? Wie groß ist die Diversität?", so Steinbrecher. Die zentrale Frage in Sachen Akzeptanz laute: "Bilden wir die Themen dieser Gesellschaft wirklich ab?"

Steinbrecher ist dabei optimistisch, dass der Journalismus diese Herausforderungen meistert. "Ich mache mir eigentlich keine Sorgen, dass der Journalismus seine Position behält und vielleicht sogar wieder ausbaut. Allerdings wird sie anders sein, weil sich unsere Gesellschaft verändert. Und der Journalismus muss schon bereit sein, sich mit zu verändern."