Totgesagte leben länger Die Zukunft des Fernsehens ist live

Das Totenglöckchen läutete vor mehr als zehn Jahren niemand Geringeres als der amerikanische Computer-Milliardär Bill Gates. "In fünf Jahren wird das Fernsehen tot sein - wir werden darüber lachen", sagte der Gründer des US-Softwaregiganten Microsoft 2007 beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Doch davon kann keine Rede sein. Seit Gates’ düsterer Prognose ist die TV-Nutzung sogar noch gestiegen.

Alter Mann im Sessel - Beine sind hochgelegt - schaltet mit Fernbedienung seinen Fernseher um. An einigen Stellen im Raum sind Spinnweben zu sehen.
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Durchschnittlich 211 Minuten pro Tag saß Deutschland 2019 vor dem Fernsehgerät. Nach ersten Auswertungen für 2020 ist dieser Wert im Jahr eins der Corona-Pandemie sogar noch einmal auf 220 Minuten - also über dreieinhalb Stunden pro Tag - gestiegen.

Netflix startet in Frankreich eigenen TV-Kanal

Nein, das so genannte lineare Fernsehen mit seiner festgelegten Programmabfolge ist alles andere als tot. Nichts zeigt das besser als die Strategie des Streaming-Dienstes Netflix. Der ist Ende 2020 in Frankreich mit einem klassischen TV-Kanal gestartet.

"Das traditionelle Fernsehen ist nach wie vor sehr beliebt bei Menschen, die sich einfach nur 'zurücklehnen' wollen, ohne sich für eine bestimmte Sendung entscheiden zu müssen", erklärte das US-Unternehmen zu Begründung. Was Netflix allerdings auch reizen dürfte: Als französisches TV-Angebot hätte der Konzern auch Zugang zu Fördermitteln für Filme und Serien.

Junge Menschen nutzen eher Streamingdienste

Denn das so genannte lineare Fernsehen hat einen ganz entscheidenden Vorteil. Es bietet seinen Zuschauerinnen und Zuschauern ein vorsortiertes, umfangreiches Programmangebot, das einfach konsumiert werden kann. Wie beliebt das lineare Fernsehen (noch) ist, hängt in Deutschland dabei stark vom Alter ab. Im Gesamtpublikum liegt das klassische TV klar vorn. Wer in der Altersgruppe aller Menschen über 14 Jahren bewegte Bilder schaut, tut das zu 72 Prozent "linear", also nutzt das von den Sendern angebotene TV-Programm in der klassischen Form. 28 Prozent entfallen auf so genannten "zeitsouveräne Nutzungsformen" wie Sendermediatheken, Video-Streamingdienste oder Youtube. Bei den 14- bis 29-Jährigen ist das Verhältnis dagegen genau umgekehrt: Sie nutzen nur zu 28 Prozent das lineare Fernsehen, die restlichen 72 Prozent werden zeitsouverän geguckt. Zu diesem Ergebnis kommt die Langzeitstudie Massenkommunikation ARD und ZDF (PDF).

Bei Krisen hilft das klassische TV

Doch es sind nicht nur ältere "Couchpotatoes", die dem klassischen Fernsehen aktuell eine Renaissance bescheren, sagt Kerstin Niederauer-Kopf von der Arbeitsgemeinschaft Videoforschung (AGF), die im Auftrag der deutschen TV-Sender Marktanteile und Quoten misst. In der Corona-Pandemie zeigte sich, wie nachhaltig das große alte Leitmedium noch wirkt. "Beim ersten Lockdown im März 2020 ist etwas passiert, was mich total überrascht hat. Vor allem junge Menschen haben auf einmal angefangen, TV zu nutzen", so Niederauer-Kopf. "Es gab feste Einschaltpunkte, man wollte informiert sein. Nachrichtensendungen wie die Tagesschau oder regionale Formate waren auf einmal furchtbar interessant und sind auch von den Jüngeren genutzt worden."

Senderimage spielt eine Rolle

Manchmal kommt es auch bloß darauf an, wo eine Sendung läuft. Der Kommunikationswissenschaftler Uwe Hasebrink vom Hans-Bredow-Institut für Medienforschung an der Universität Hamburg berichtet von einer ZDF-Serie, die im als Senioren-Fernsehen verschrienen Zweiten kaum junge Menschen schauten. Als dieselbe Serie später beim Privatsender RTL2 ausgestrahlt wurde, sah man, dass sie "mit einem sehr viel jüngeren Publikum auch lief", so Hasebrink im Interview mit MDR MEDIEN360G: "Der Unterschied war nicht die Serie, der Unterschied war das Programmumfeld. Es ging um das Image des Senders und damals meinten die Jüngeren eben, es ist weniger peinlich dabei erwischt zu werden, wenn ich RTL2 gucke, als unter Gleichaltrigen erwischt zu werden, wenn ich ZDF gucke."

Bei Live-Ereignissen ist TV im Vorteil

"Das klassische Fernsehen hat sich in der Corona-Pandemie als Leitmedium bewährt", sagt auch Klaudia Wick, Leiterin des Bereichs Audiovisuelles Erbe der Deutschen Kinemathek, Museum für Film und Fernsehen in Berlin. Aber auch im "Normalzustand" habe das lineare Programm immer dann einen entscheidenden Vorteil, "wenn es um live-Berichterstattung oder entsprechende Events gehe." "Ich habe mit einem Lehrer gesprochen und ihn gefragt, was für seine Schüler Fernsehen heute überhaupt ausmacht", so Wick im Interview mit MDR MEDIEN360G. "Und er hat gesagt: 'Alles was live ist'. Das ist die große Unterscheidung, glaube ich." Denn natürlich mache es keinen Sinn, die Tagesschau vom Vortag erst am nächsten Tag zu gucken. "Und das Spezial über Corona mit den neusten Zahlen ist am nächsten Tag auch schon wieder veraltet." Von Fußballspielen, bei denen schon bekannt ist, wie es ausgeht, ganz zu schweigen: "Grauenvoller geht gar nicht", so Wick. Zustimmung kommt von Kerstin Niederauer-Kopf von der AGV: "Klassisch lineares TV hat Kernkompetenzen im Bereich der Unterhaltungsshows, der Live-Berichterstattung, der Nachrichtenformate. Wir haben das im Corona-Jahr gesehen, in dem die Nachrichtenkanäle ihre Marktanteile mehr als verdoppelt haben."

Auch Bild-TV will vom Netz ins klassische Fernsehen

Apropos live: Auch die Bild-Zeitung plant, mit ihrem bislang nur im Netz verfügbaren Angebot bild.live zu einem ganz normalen Fernsehsender zu werden. "Live-Erzählen kann auch im Fernsehen stattfinden. Denn da sind weiterhin große Reichweiten", sagte im September 2020 Bild-Chefredakteur Julian Reichelt im Medien-Fachdienst kress. "Das Marktumfeld diktiert leider, dass sich gewisse Reichweiten und vor allem Erlöse weiter im Fernsehen befinden." Und daran, Bill Gates hin oder her, wird sich vermutlich auch in den kommenden fünf Jahren wenig ändern.