Zwei Jahre Pandemie Der stete Wandel der Corona-Zahlen

Manuel Mohr
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Verdopplungszeit und ein Inzidenz-Grenzwert von 50: Im bisherigen Verlauf der Corona-Pandemie in Deutschland kamen und gingen so einige Kennzahlen. Andere blieben, ihr Stellenwert änderte sich allerdings. Welche Zahlen aktuell noch – oder wieder – wichtig sind und was es zu beachten gilt.

Schwarzes Graffiti eines Mund-Nasen-Schutzes auf einer weißen Wand.
7-Tage-Inzidenz, Hospitalisierungsrate, Reproduktionszahl: Im Verlauf der Corona-Pandemie gab es bereits eine Vielzahl von Kenngrößen, mithilfe derer die Dimensionen der Infektionen und ihrer Auswirkungen dargestellt wurde. Bildrechte: MDR/Unsplash/Adam Nieścioruk

Am 27. Januar 2020 wurde in Bayern der erste Fall mit dem neuen Coronavirus Sars-CoV-2 in Deutschland nachgewiesen. Zwei Jahre später beläuft sich die Zahl der offiziell registrierten Infektionen deutschlandweit auf mehr als neun Millionen, allein am Donnerstag kamen erstmals über 200.000 neue Fälle hinzu.

Zu Beginn der Pandemie waren diese Dimensionen unvorstellbar, bereits eine zweistellige Anzahl neuer Fälle innerhalb eines Tages sorgten für Aufregung. Doch je weiter sich das Virus in Deutschland ausbreitete und Anfang März 2020 schließlich in allen Bundesländern nachgewiesen wurde, umso klarer wurde, dass die reine Meldung neuer Fälle allein nicht ausreicht, um das Ausmaß des Infektionsgeschehens abzubilden.

Tempo des Infektionsgeschehens

Insbesondere das exponentielle Wachstum der Infektionen, das zunächst klein beginnt und dann immer schneller immer größere Ausmaße annimmt, rückte im Verlauf der ersten Infektionswelle zunehmend in den Fokus. Darstellen ließ sich dieses Wachstum mit der Verdopplungszeit. Gemeint war damit die Zeit, die vergeht, bis sich die Fallzahlen verdoppeln. Verkürzt sich dieser Zeitraum, bedeutete dies ein stärkeres Wachstum der Fallzahlen.

Abgelöst wurde die Verdopplungszeit von der Reproduktionszahl R. Vereinfacht gesagt zeigt dieser Schätzwert an, wie viele Menschen eine infizierte Person das Virus weitergibt. Liegt R über 1, steigen die Fallzahlen an. Liegt R hingegen unter 1, sinken die Fallzahlen in der Folge wieder. Aktuell spielen beide Kenngrößen sowohl in der medialen Berichterstattung als auch auf politischer Ebene keine entscheidende Rolle mehr.

Infektionen in Relation zur Bevölkerung

Stattdessen gesellte sich ab Mai 2020 eine weitere Corona-Kennzahl in den Kanon der täglichen Berichterstattung, die bis zum heutigen Tag geblieben ist: die 7-Tage-Inzidenz. Errechnet wird der Wert für eine Region als Summe aller neuen Corona-Fälle innerhalb einer Woche, umgerechnet auf eine Bevölkerung von 100.000 Menschen. Damit ist es möglich, das Infektionsgeschehen auch überregional vergleichen und Maßnahmen zu dessen Eindämmung beschließen können.

Allerdings ist der Inzidenzwert allein auch nur bedingt aussagefähig, da damit lediglich veranschaulicht wird, wie viele positive PCR-Tests es in einer Region innerhalb von sieben Tagen gab. Ändert sich die Teststrategie, hat das auch Auswirkungen auf die Inzidenz. Jüngstes Beispiel: Bund und Länder haben beschlossen, bei künftig auftretenden Engpässen von PCR-Tests eine Priorisierung für vulnerable Gruppen und Beschäftigte, die diese betreuen und behandeln, vorzunehmen.

Die Anpassung der Nationalen Teststrategie wird zur Folge haben, dass nicht mehr wie bislang alle Corona-Verdachtsfälle mittels PCR-Test untersucht werden können. Die Folge: Die 7-Tage-Inzidenz wird sinken bzw. ab einem bestimmten Wert nicht weiter steigen, weil die Zahl der durchführbaren Tests nicht mehr erhöht werden kann. Daraus folgt aber auch, dass mehr Infektionen unentdeckt bleiben und die Dunkelziffer der unerkannten Fälle steigt.

Belastung des Gesundheitssystems

Aus der Inzidenz lässt sich ebenfalls nicht ablesen, wie stark das Gesundheitssystem belastet ist. Denn insbesondere jene Menschen mit vollständigem Impfschutz sind bei einer Infektion einem deutlich geringeren Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf ausgesetzt – tauchen also in der Inzidenz-Statistik auf, müssen jedoch nicht im Krankenhaus behandelt werden.

Die Belastung des Gesundheitssystems wird in erster Linie durch das DIVI-Intensivregister abgebildet. Seit Mitte April 2020 sind die Kliniken bundesweit verpflichtet, ihre Auslastung im Allgemeinen und die zu versorgenden Corona-Intensivfälle zu melden. Um etwa zwei bis drei Wochen zeitversetzt zu einer Infektionswelle zeigt diese Statistik bis heute zuverlässig an, wie sich steigende oder sinkende Fallzahlen auf das Gesundheitssystem auswirken.

Ein weiterer Parameter, der die Situation auf den Normalstationen der Krankenhäuser abbilden soll, ist die Hospitalisierungsrate (H-Rate). Vergleichbar mit der 7-Tage-Inzidenz gibt die H-Rate an, wie viele Menschen mit positiven Corona-Test – in Relation zu 100.000 Einwohnern – innerhalb einer Woche in einer bestimmten Region ins Krankenhaus aufgenommen wurden. Allerdings wird der Wert systematisch zu niedrig ausgewiesen und ist deshalb nur sehr bedingt aussagekräftig.

Deutlich aussagekräftiger und schonungsloser ist die Statistik der Corona-Sterbefälle. In Deutschland sind seit Beginn der Pandemie über 117.300 Menschen im Zusammenhang mit einer Covid-19-Erkrankung verstorben. Seit Bekanntwerden des ersten Todesfalls im März 2020 waren das durchschnittlich 170 Sterbefälle, jeden einzelnen Tag.

Der Weg aus der Pandemie

Je älter die Menschen sind und je mehr Vorerkrankungen sie haben, umso höher ist ihr Risiko, in Folge einer Covid-19-Erkrankung zu sterben. Ende 2020 gehörte diese Bevölkerungsgruppe folgerichtig zu den Ersten, die mit Start der Impfkampagne in Deutschland eine Impfung erhalten konnten. Während die ersten Monate geprägt waren von einem Mangel an Impfstoff, ist seit dem Sommer 2021 die Lage umgekehrt.

Impfstoff ist ausreichend vorhanden, allerdings ist die Bereitschaft zum Impfen – besonders in den neuen Bundesländern – nicht so hoch, dass ein ausreichender Teil der Bevölkerung immunisiert werden kann.

Auch in den kommenden Monaten wird der Blick auf die Impfquoten daher wichtig bleiben, insbesondere wenn es darum geht, wann und in welchem Maße die aktuellen Eindämmungsmaßnahmen gelockert werden können.

Gesamt- statt Einzelbetrachtung, Wochen- statt Tagestrends

Die vergangenen zwei Jahre haben gezeigt, dass es je nach Phase der Corona-Pandemie notwendig ist, immer wieder neue Betrachtungsweisen einzunehmen. Zu Beginn einer Welle steht eher das Wachstum der Fallzahlen im Fokus, im Verlauf ist es dann vor allem die Belastung des Gesundheitssystems.

Wichtig waren, sind und bleiben vor allem folgende zwei Erkenntnisse:

  1. Eine Kennzahl allein kann niemals alle Dimensionen abbilden. Die 7-Tage-Inzidenz beispielsweise dient zwar als guter und schneller Gradmesser für die Intensität des Infektionsgeschehens, sagt aber nichts über die Belastung in den Kliniken aus. Daher ist es unerlässlich, alle zur Verfügung stehenden Kennzahlen in der Gesamtschau zu betrachten.
  2. Wiederholt hat die Vergangenheit gezeigt, dass Wochenenden, Feiertage oder Schulferien die Corona-Fallzahlen massiv beeinflussen. Große Sprünge in den Zahlen von einem Tag zum nächsten sind daher nicht ungewöhnlich, oftmals aber irreführend. Wichtig ist daher, die Entwicklung der Fallzahlen im Wochenverlauf zu betrachten und den Meldeverzug als Einflussfaktor nicht zu unterschätzen.

MDR (Manuel Mohr)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 27. Januar 2022 | 07:00 Uhr

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