Holocaust-Gedenktag Juden: Viele Kontingentflüchtlinge leben in Armut

Nach dem Zerfall der Sowjetunion kamen viele jüdische Zuwanderer nach Deutschland. Sie bekamen einen Aufenthaltstitel aus humanitären Gründen und mussten kein Asylverfahren durchlaufen. Allerdings lebt ein Großteil von ihnen in Armut, weil die Bundesrepublik die beruflichen Abschlüsse nicht anerkannte und die Arbeitsleistung in der Sowjetunion nicht bei der Rente berücksichtigte.

Vor dreißig Jahren kamen die ersten jüdischen Zuwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland. Insgesamt wurden 220.000 sogenannte jüdische Kontingentflüchtlinge aus humanitären Gründen aufgenommen. Etwa 65.000 von ihnen erhalten nun im hohen Alter die Grundsicherung. Die Bundesrepublik hatte die beruflichen Abschlüsse nicht anerkannt und berücksichtigt die Arbeitsleistung in der Sowjetunion nicht bei der Rente .

Das Alexej Heistver noch lebt, gleicht einem Wunder. Der 80-Jährige hat seine Eltern nie kennengelernt und wurde als jüdischer Junge 1941 im Ghetto von Kaunas in Litauen geboren. Als er zwei Jahre alt war, hat ihm ein SS-Arzt das Gaumenzäpfchen herausgeschnitten. Er wurde nach dem Krieg adoptiert und hat erst als Neunjähriger seine ersten Worte gesprochen. Später studierte er und arbeitete als Historiker.

Keine Anerkennung als Historiker oder Professor

Alexej Heistver, Kinderbild
Alexej Heistver hat als Kind den Holocaust überlebt - doch seine Eltern nie kennengelernt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Judenfeindschaft zunahm, plante er mit seiner Familie die Auswanderung nach Deutschland. Vier Jahre lang musste er den deutschen Behörden beweisen, dass er tatsächlich Jude ist. Bevor die Genehmigung zur Ausreise kam, wurde sein jüngster Sohn bei einem antisemitischen Überfall erschlagen.

"Wäre es früher geschehen, könnte unser jüngster Sohn noch leben", sagt Alexej Heistver. Doch es war ein sehr komplizierter bürokratischer Vorgang, um als Jude emigrieren zu können. "Echt als Jude oder nicht, weiter und weiter bis zur dritten oder vierten Generation." 1997 konnte er mit seiner Frau nach Deutschland kommen – ebenso Hundertausende weitere Juden aus der ehemaligen Sowjetunion. Ihre Aufnahme war eine humanitäre Geste aus historischer Verantwortung. Allerdings mussten sie hier wieder bei null anfangen.

Heistver: Viele wissen nicht, was der Holocaust ist

"Unsere Diplome, unsere Berufsabschlüsse wurden hier nicht anerkannt", sagt Alexej Heistver. Es war egal, welchen Beruf man erlernt oder welchen Studienabschluss man erreicht hatte. Er war dann als Wächter in seiner neuen Heimat in Wismar in Mecklenburg-Vorpommern tätig.

Nun bekommt Alexej Heistver zusammen mit seiner Frau 660 Euro pro Monat als Grundsicherung im Alter. Dazu kommen 200 Euro von der Jewish Claims Conference, weil er ein anerkanntes Holocaustopfer ist. Das Sozialamt bezahlt Miete und Krankenkasse.

Dafür muss Alexej Heistver regelmäßig seine Kontoauszüge vorlegen und seine finanzielle Situation offenbaren. Dabei sei das Unwissen in den Behörden besonders demütigend: "Diese Leute haben sehr oft keine Ahnung, was Holocaust ist." Als er einer Bearbeiterin im Sozialamt Wismar erklärt habe, dass er eine Entschädigung als Holocaust-Opfer erhalte, habe diese gefragt: Was ist das? "Ich brachte ihr unser Buch und als sie das gelesen hatte, sagte sie: 'Es ist ein Wunder, dass solche Leute noch leben'."

Viele jüdische Kontingentflüchtlinge leben von Grundsicherung

Die Verfolgung hat auch der 92-jährige Leonid Berezin überlebt. Als Kind hatte er 1941 die zweieinhalbjährige Blockade von Leningrad erlebt, den ständigen Beschuss der deutschen Wehrmacht, den nagenden Hunger und den Tod von nahen Familienangehörigen.

Das Schwerste war der Tod von geliebten Menschen. Das Schrecklichste war, dass wir unser Wohnhaus aus Holz verlassen mussten.

Leonid Berezin

Das Haus wurde zu Brennholz verarbeitet. Alles andere sei in Leningrad schon verbrannt worden. Später, in der Sowjetunion, war Leonid Berezin eine Koryphäe auf dem Gebiet der Funkwellentechnik und lehrte bis zur Rente als Professor an der Universität. Auch bei ihm wurden diese Berufsjahre nicht für die Rentenberechnung anerkannt. Deshalb lebt er heute in einer kleinen Einraum-Wohnung in Berlin und bezieht ebenfalls Grundsicherung: 426 Euro im Monat. Große Sprünge sind nicht drin, seine Lebensmittel kauft er beim Discounter, ins Theater oder Kino geht er nicht.

Derzeit leben 65.000 bis 70.000 jüdische Zuwanderer in Altersarmut, schätzt Günter Jek, der sich bei der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden um Menschen wie Alexej Heistver und Leonid Berezin kümmert. "Ich denke, dass das Versäumnis der Vergangenheit, hier nicht für eine ausreichende soziale Absicherung der Zuwanderer zu sorgen, endlich ausgeglichen werden soll." Die Zeit brenne, denn die Leute würden immer älter. "Und es ist wirklich so, wenn wir jetzt nicht schnell eine Lösung finden, eine pragmatische Lösung, werden Leute sterben, die eigentlich anspruchsberechtigt sind."

Finanzierung für geplanten Härtefallfond nicht geklärt

Dabei hatte sich schon die letzte Bundesregierung im Koalitionsvertrag vorgenommen, das Problem der Altersarmut der jüdischen Zuwanderer zu lösen. Arbeitsgruppen wurden gebildet, Lösungsvorschläge erörtert und alles verkompliziert. Zu Verzögerungen habe auch geführt, dass die Frage der Altersarmut der jüdischen Kontingentflüchtlinge in einer Verwaltungsvorlage, mit einer Problematik des Übergangs in der Rentenversicherung von ehemaligen DDR Rentnern verknüpft wurde, sagt Günter Jek.

Jetzt soll ein Härtefallfonds geschaffen werden. Die Bitte um ein Interview mit MDR exakt wird beim zuständigen Bundessozialministerium abgelehnt. Stattdessen heißt es schriftlich: "Die Abstimmungen zwischen Bund und Ländern sind nicht abgeschlossen. Bislang ist insbesondere die Frage der Finanzierung des geplanten Fonds nicht geklärt."

"Wir sterben von Jahr zu Jahr", sagt Alexej Heistver. Die Hoffnung sterbe zuletzt. "Zuerst sterben wir und dann vielleicht unsere Hoffnung." Ob er, Leonid Berezin und die anderen Betroffenen noch eine Verbesserung ihrer Situation erleben werden, ist fraglich. Es ist eine bittere Ironie der Geschichte: Als Kinder erlebten sie die Grausamkeiten der deutschen Besatzung, im hohen Alter sind sie in Deutschland Bittsteller.

Quelle: MDR exakt/ mpö

Mehr zum Thema

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 12. Januar 2022 | 20:15 Uhr

Mehr aus Deutschland

Netzwerktreffen "Dritte Generation Ost" 3 min
Bildrechte: mdr
3 min 01.10.2022 | 05:00 Uhr

Menschen, die zur dritten Generation Ost gehören, haben die DDR kaum oder nur kurz erlebt. Trotzdem spielt für sie ihre Ost-Sozialisierung eine große Rolle. Im Netzwerk "Dritte Generation Ost" tauschen sie sich aus.

Fr 30.09.2022 15:09Uhr 03:11 min

https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/gesellschaft/deutsche-einheit-dritte-generation-jugend-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video
Hauptstadtkorrespondent Torben Lehning 1 min
Bildrechte: mdr
1 min 01.10.2022 | 05:00 Uhr

Im Osten sind nur noch 39 Prozent der Bürgerinnen und Bürger mit der Demokratie zufrieden. Das sollte der Politik in Berlin und den Landeshauptstädten zu denken geben, kommentiert Torben Lehning.

Fr 30.09.2022 11:51Uhr 01:10 min

https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/politik/videokommentar-lehning-stand-der-einheit-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video
Josef Trabert musste sein Dorf in Thüringen nahe der innerdeutschen Grenze 1952 verlassen 4 min
Bildrechte: mdr
4 min 01.10.2022 | 05:00 Uhr

"Aktion Ungeziefer" hieß im Stasi-Jargon die Zwangsevakuierung von Menschen, die im Bereich der innerdeutschen Grenze lebten. Tausende Menschen wurden ins Landesinnere gebracht, viele flohen.

Fr 30.09.2022 15:11Uhr 04:20 min

https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/gesellschaft/deutsche-einheit-zeitzeugen-zwang-evakuierung-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Mehr aus Deutschland

Ein Mann kauft Brötchen beim Bäcker. 4 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Leeres Fließband in einer Getränkeabfüllanlage 5 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK