Coronavirus Modellrechnung: Bis zu 80 Prozent immunisiert

In Deutschland sind vermutlich bereits mehr Menschen gegen das Corona-Virus immun als angenommen: Bis zu 80 Prozent der Bevölkerung könnten geschützt sein. Das liege daran, dass es zusätzlich zu den Geimpften Millionen Genesene gebe. Außerdem gebe es mehr Geimpfte als in den Statistiken auftauchen. Allerdings sei auch eine Immunisierungsquote von 80 Prozent noch nicht ausreichend, um die Pandemie in den Griff zu bekommen.

Eine aeltere Person bekommt eine Impfung gegen Corona im Impfzentrum in Schoenefeld,
Aktuell sind rund 65 Prozent der Deutschen gegen das Coronavirus geimpft. Bildrechte: imago images/photothek

Die Bevölkerung in der Bundesrepublik ist wahrscheinlich schon viel besser vor Corona geschützt als angenommen. Das zeigt eine Modellierung, die das Institut für Medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie der Universität Leipzig für MDR AKTUELL vorgenommen hat. Demnach könnten bereits bis zu 80 Prozent gegen das Virus immun sein, erklärt Professor Markus Scholz. Denn: "Zur Herdenimmunität zählt natürlich nicht nur die Impfung rein, sondern auch die Menschen, die genesen sind – also eine natürliche Immunisierung haben."

Die Genesenen spielen eine wichtige Rolle bei der Frage der Immunisierung der Bevölkerung. Laut Robert-Koch-Institut haben reichlich fünf Prozent – also etwa vier Millionen – Menschen in Deutschland bereits eine Coronainfektion durchgemacht. In Wahrheit sei diese Zahl aber viel größer, weil viele die Infektion gar nicht mitbekommen haben, erklärt Scholz. Er schätzt, dass schon rund 15 Prozent – also zwölf Millionen – Menschen infiziert waren.

Gesamtimmunisierung in Deutschland unklar

Jedoch: Nicht alle 12 Millionen lassen sich einfach so in die Immunisierungsstatistik hineinrechnen. Denn manche sind geimpft und tauchen daher schon in der Impfstatistik auf. Laut Scholz ist es demnach relativ schwierig einzuschätzen, wie hoch die Gesamtimmunisierung in der Bevölkerung ist. "Wir sind ungefähr bei 65 Prozent Impfungen. Wir wissen, dass 15 Prozent grundimmunisiert sind. Aber das addiert sich nicht, weil das nicht alle wissen und auch welche immunisiert sind durch eine Infektion und durch eine Impfung", erläutert Scholz. Die genaue Summe sei nicht klar, da die Studienlage in Deutschland sehr schlecht sei.

Scholz schätzt aber, dass die ungeimpften Genesenen etwa zehn Prozentpunkte ausmachen könnten. Rechne man die dazu, hieße das, "dass wir dann ungefähr bei 75 Prozent wären." Das sei aber nur eine grobe Abschätzung, sagt Scholz.

80 Prozent Immunisierungsquote nicht ausreichend

Diese Zahl wird noch größer, wenn man berücksichtigt, dass es eigentlich mehr Geimpfte gibt als gedacht. In der Statistik des Robert-Koch-Instituts fehlten nämlich rund 350.000 Impfungen aus Arztpraxen, die in der Erfassung schlicht vergessen wurden. Das schätzen Expertinnen und Experten. Summa summarum heißt das also: Bis zu 80 Prozent der Deutschen könnten schon immun sein.

Das klinge gut, reiche aber immer noch nicht aus, um eine vierte Welle möglichst flach zu halten, sagt Markus Scholz. Vor allem in Ländern mit einer besonders niedrigen Impfquote wie Sachsen und Thüringen.

Schlechte Datenlage in Deutschland

Das Problem sei allerdings eine schwache Datenlage, kritisiert Professor Scholz. Denn es gebe kaum Studien über die Frage, wie viele Menschen wirklich genesen seien. Darüber ärgert sich auch Gerd Antes, Medizinstatistiker der Uni Freiburg: "Wir haben ungefähre Vorstellungen und Schätzungen", sagt Antes. Man sei aber "weit davon entfernt, zuverlässig zu sagen, wie groß eigentlich die Summe von Geimpften und Genesenen ist, um den Immunstatus zu beschreiben".

Das Robert-Koch-Institut hat kein Ziel formuliert, wann die deutsche Bevölkerung als immun gelten kann. Das RKI hat lediglich ein Impfziel von 85 Prozent bei den 12 - 59-Jährigen gesetzt. Auf die Frage, warum ein Immunisierungsziel fehlt, konnte eine Sprecherin keine Auskunft geben.

Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 29. September 2021 | 08:25 Uhr

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