Weihnachtsfrieden trotz Pandemie Bei Familientreffen: Wie mit unterschiedlichen Meinungen zu Corona umgehen?

Trifft sich zu Weihnachten die Familie, treffen oft auch unterschiedliche Meinungen zur Corona-Impfung aufeinander. Schnell ist der Frieden dahin. Tipps für den Umgang mit unterschiedlichen Ansichten zur Impfung gibt Cornelia Betsch, Expertin für Gesundheitskommunikation.

Streit am Essenstisch
Trifft sich die Familie, treffen oft auch unterschiedliche Meinungen zur Corona-Impfung aufeinander. Bildrechte: Colourbox.de

Zunächst sollte man wissen, dass nicht alle, die an der Corona-Impfung zweifeln, grundsätzliche Impfgegner sind, wie die Professorin Cornelia Betsch sagt. Sie hat an der Universität Erfurt die Professur für Gesundheitskommunikation inne und erhebt regelmäßig mit der "Cosmo"-Studie Daten zu Corona. So wird festgestellt, was die Pandemie mit uns macht.

Vor Corona lag die Zahl der Impfgegner demnach zwischen zwei und fünf Prozent. Bei den COVID-Impfstoffen ist die Ablehnung höher, sie lag schon bei neun bis zehn Prozent der Befragten, die gesagt haben, sich auf keinen Fall impfen zu lassen. Aktuell sind es sechs bis sieben Prozent, sagen die Umfragen. Der Rest, der noch ablehnend ist oder unentschlossen, führt im Wesentlichen fünf verschiedene Gründe an.  

Häufige Gründe für die Ablehnung der Corona-Impfung

  1. Fehlendes Vertrauen in die Sicherheit von Impfungen.
  2. Das Krankheitsrisiko wird nicht wahrgenommen.
  3. Es ist aufwendig, sich in einem vollen Alltag impfen zu lassen.
  4. "Ich bin ja geschützt, wenn genügend andere geimpft sind."
  5. Das Bedürfnis, aktiv selbst Informationen zu suchen, führt oft zu mehr Falschwissen.

Prof. Betsch nimmt dabei als Quelle für Falschwissen Buchveröffentlichungen nicht aus. Einige zweifelhafte Werke schafften es sogar auf Bestsellerlisten. Es ist also nicht nur das Internet, das die Menschen mit Falschinformationen versorgt. Mit ihrem Kommunikationshandbuch zum COVID-19-Impfstoff will sie da ein wenig gegensteuern. Und sie weist auch darauf hin, dass mit diesen Fake-News sehr gutes Geld verdient wird. Die Ritter der Gerechtigkeit, die Bill Gates so verteufeln, machen also genau das, was sie ihm vorwerfen: Profit mit der Pandemie.

Wer sind eigentlich die Wissenschaftler, denen man glauben kann?

Grundsätzlich sollte sich jeder die Mühe machen zu verstehen, wie Wissenschaft funktioniert. Dann kann man eigentlich gar nicht auf die Idee kommen, sozusagen Abtrünnigen mehr Glauben zu schenken als einem System, dass diverse Kontrollebenen hat. Dabei geht es darum, welche international gültigen Regeln es gibt, wie Daten erhoben und verarbeitet werden, wie Studien entstehen und überwacht werden, wie Überwachungsbehörden arbeiten, die - der Steuerfahndung gleich - unangekündigt vorbeischauen, um sich zum Beispiel Patientenakten anzuschauen.

Und nicht zuletzt: Wie und wo werden Studien veröffentlicht und wie überprüfen die Wissenschaftler ihre Arbeiten gegenseitig, welche Transparenzregeln gelten hier und wie wichtig ist die Nachvollziehbarkeit von Studien? Dieses Gesamtsystem ist dermaßen transparent, dass es nahezu ausgeschlossen ist, dass unwissenschaftlicher Unsinn quasi unwidersprochen durchrutscht.

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MDR THÜRINGEN - Das Radio Fr 17.12.2021 15:50Uhr 28:04 min

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Medien sollten in der Pandemie sachlich berichten

So kommt es, dass beim Betrachten der Erde aus vielleicht unterschiedlichen Blickwinkeln niemals die Schlussfolgerung herauskommen kann: Die Erde ist eine Scheibe. Kollegen, die sich aus welchen Gründen auch immer, von diesem Prozess entfernt haben, gibt es. Aber es sind wenige und sie haben die schlechteren Argumente. Diese sind genau genommen so schlecht, dass sie andere Fachkollegen nicht überzeugen, obwohl die Gier der Wissenschaftler nach neuen Erkenntnissen und Ansätzen groß ist. Deshalb ist es auch für Medien völlig falsch, bei Wissenschaftsthemen immer die Gegenmeinung einzuholen.

Letztlich bedeutet das etwas, wenn man keinen ernstzunehmenden Wissenschaftler findet, der eine andere Meinung hat. Dann sollte man den Konsens berichten.

Prof. Cornelia Betsch Universität Erfurt

Gerade in der Pandemie sollten Medien nicht so funktionieren, dass möglichst viel Aufregung generiert wird.

Bestes Beispiel: Die Nebenwirkungen von Impfungen

Der Fehler, der gerade in den sozialen Netzwerken immer wieder gemacht wird, ist es, Einzelfälle als Beweise anzuführen. Aber das ist wissenschaftlich auf dem Niveau des Hundes, der glaubt, weil er den Mond anbellt, verschwindet der hinter den Wolken. An diese Frage kann man eben nur genau mit den erprobten wissenschaftlichen Methoden herangehen. Dazu darf man sich eben nicht nur die Daten von vielen geimpften Menschen ansehen, sondern diese Daten mit denen vergleichen, die in dieser Altersgruppe allein durch Zufall zu erwarten sind.

Wenn wir zum Beispiel zehn Millionen Menschen impfen und der Impfstoff keinerlei Nebenwirkungen hat, dann können wir in den folgenden zwei Monaten trotzdem erwarten, dass:

  • 4.025 der Geimpften einen Herzinfarkt erleiden werden,
  • 3.975 einen Schlaganfall erleiden werden,
  • 9.500 eine neue Krebsdiagnose erhalten werden,
  • 14.000 leider sterben werden.

Mythen über das Impfen sind so alt wie die Impfungen selbst. Als diese vor rund 200 Jahren erstmals Anwendung fanden, ging es um die Pocken und den Ansatz, mit Kuhpocken zu impfen. Dass die damalige Angst unbegründet war, zum Tier zu werden, beziehungsweise, dass kleine Kühe aus der Haut hervorbrechen, das sollte heute als wissenschaftlich erwiesen gelten.

Quellenangaben fehlen oft bei Horrormeldungen

Heute geistern andere Horrormeldungen durch die sozialen Netzwerke, Videos von zuckenden Menschen, Bilder von Hautausschlägen et ceterea, bei denen oft jede Quellenangabe und auch die wissenschaftliche Überprüfung fehlen. Hinzu kommen völlig falsche Erwartungen an die Impfungen. Das ist eine Technik, die von den Impfgegnern immer wieder angewandt wird, also die Erwartung eines hundertprozentigen Schutzes aufzubauen. Dass die enttäuscht werden muss, das weiß jeder ernstzunehmende Wissenschaftler.

Einfache Antworten auf komplexe Fragen sollten stutzig machen

Eine weitere Technik ist es, falsche Experten ohne Expertise in diesem Fachbereich zu platzieren. Und je einfacher die Antworten sind auf ein komplexes Thema, möglicherweise sogar noch schneller gegeben, als wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen, umso stutziger sollte man werden. Und auf diese Methoden kann man durchaus auch mal hinweisen, wenn die Diskussion beginnt.

Was mache ich nun zu Weihnachten mit der Corona-Diskussion?

Möglichkeit Nr. 1: Vereinbaren Sie, dass das Thema ausgespart wird. Thematisieren Sie die Impfungen einfach nicht. Das ging bei anderen Themen auch schon: Fußball mit Großmutter zu besprechen, war bisher auch nichts Alltägliches. Trotzdem: Auch wenn das Thema ignoriert wird, sollten die nötigen Schutzmaßnahmen, wie zum Beispiel Tests besonders von Ungeimpften, regelmäßiges Lüften und so weiter, aber nicht ignoriert werden.

Wenn das Zusammentreffen vielleicht sogar dafür genutzt werden soll, sich einmal auszusprechen, dann bitte nach den Grundsätzen bisheriger Begegnungen. Hier fiel gewöhnlich auch niemand dem anderen ständig ins Wort, wenn Erlebnisse ausgetauscht wurden oder der Enkel von der Schule erzählt. Reden lassen, vor allem ausreden lassen und zuhören und durchaus nach Gemeinsamkeiten suchen. Es ist ja nicht so, dass die Geimpften keine Ängste hatten. Niemand freut sich darauf, am nächsten Tag vielleicht etwas matt auf der Couch zu liegen. Und an dem Tag fällt es auch schwer, die Impfreaktion als wunderbares Zeichen anzusehen.

Aber man kann es als Warnung interpretieren nach dem Motto: Also mir hat der eine Tag gereicht, das ganze über Tage und Wochen und dann auch viel heftiger - lieber nicht. Was nicht gelingen wird und auch gar nicht erst versucht werden sollte, ist, den anderen sozusagen bei Tische umzudrehen, vom Gegenteil zu überzeugen. Man kann Hinweise geben, wo man nachschauen kann, an wen man sich wenden kann, beispielsweise an einen vertrauten Arzt, mehr nicht. Auch das Vertagen ist erlaubt, also die Diskussion zu beenden oder zu verschieben. Im wahrsten Sinne des Wortes auf einen anderen Tag oder die Zeit nach einem Spaziergang bei frischer Luft oder nach dem Nachschlagen.

Man kann sagen, guck du hier noch mal nach, ich schaue bei einem anderen Punkt noch einmal nach, und dann reden wir noch einmal drüber.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 17. Dezember 2021 | 16:50 Uhr

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