Corona, Krieg - und dann? Angst, Spaltung und Humor: Wie Corona die deutsche Sprache beeinflusst hat

Rund 2.300 Neuschöpfungen hat die Sprachforscherin Annette Klosa-Kückelhaus bereits gezählt - Neologismen, also neue Begriffe, aus der Corona-Zeit. Darunter finden sich Wörter wie Geister-Meister, Öffnungsorgien, Munaschus oder auch mütende Eltern. Nicht alle Neuschöpfungen werden vermutlich die Pandemie überleben, doch bereits jetzt hat ein Großteil Eingang in deutsche Wörterbücher gefunden.

Illustration - Deltacron mit Corona-Test 23 min
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Sprachwissenschaftlerin Dr. Annette Klosa-Kückelhaus erklärt, wie die Corona-Pandemie Einfluss auf die deutsche Sprache genommen hat.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Sa 14.05.2022 06:00Uhr 23:05 min

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Für Wissenschaftler ist es etwas Besonderes - Phänomene zeitgleich mit ihrer Entstehung zu untersuchen und zu beschreiben. Genau das haben Forscher am Leibniz-Institut für Deutsche Sprache in Mannheim gemacht. Mit dem Aufkommen der Pandemie vor zwei Jahren begannen sie, die Veränderung der deutschen Sprache zu untersuchen. Die hohe Anzahl an neuen Wörtern habe sie überrascht, sagt Annette Klosa-Kückelhaus.

Witzig finde sie die besonders bildhaften Neuschöpfungen. Etwa die Lockdown-Locken, die eine herausgewachsene Frisur kennzeichneten. Von Kreativität zeugten auch Reimwörter wie Geister-Meister. Damit sei der deutsche Fußballmeister Bayern München gemeint, der sich trotz sogenannter Geisterspiele in leeren Stadien die Meisterschaft sicherte. Daneben registrierten die Forscher eine Vielzahl von neuen Abkürzungen (beispielsweise Munaschu = Mundnaseschutz), Adjektiven (mütend = müde + wütend) oder Umschreibungen (Nasenbohrertest = Corona-Schnelltest).

Ein Mann mit Maske und Corona-Test.
Haben Sie schon einmal von Munaschu, mütend und Co. gehört? Diese Wörter entstanden in den vergangenen zwei Jahren. Bildrechte: dpa

Unter den neuen Begriffen seien auch solche, die Politiker in Umlauf brächten, unbewusst oder gezielt. Bereits zu Anfang der Pandemie habe die damalige Kanzlerin Angela Merkel die neue Variante einer Orgie geprägt - nämlich die Öffnungsdiskussionsorgie. Medien hätten das Wort aufgegriffen und es so in Umlauf gebracht. Merkel habe mit den Orgien auf etwas Negatives angespielt, Diskussionen um Öffnungen angesichts der Corona-Gefahren seien unmäßig gewesen.

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Die Welle wird zum Tsunami

Das Beispiel zeige, sagt Annette Klosa-Kückelhaus, die Bedeutung von Sprache und deren Möglichkeiten für die Politik. Ein anderes Beispiel sei der "Corona-Tsunami". Üblicherweise, so die Forscherin, werde bei Infektionskrankheiten von "Wellen" gesprochen, etwa wie in Grippewelle. Doch unter Corona sei die Welle zum Tsunami dramatisiert worden. Persönlich finde sie eine solche Wortwahl nicht gut, denn derartige Begriffe riefen unter den Menschen bestimmte Angst machende Gefühle auf und dienten damit bestimmten politischen Intentionen.

Auch die immer wieder diskutierte Spaltung in der Gesellschaft habe sich in der Sprache ausgedrückt. So seien Begriffe wie Coronazis oder Covidioten entstanden - als Zuschreibung für Corona-Nichtleugner.

Ein "ganz extremes Wort" sei, sagt Klosa-Kückelhaus, das sogenannte Schlafschaf. Damit beschrieben Verschwörungstheoretiker Personen, die an wissenschaftliche Erkenntnisse zu Corona glauben und damit als "dumme Schafe" eine angebliche Wahrheit verschlafen.

Begriffe aus dem Militärbereich oft verwendet

Unabhängig davon habe die Pandemie ein weiteres Phänomen gezeigt - die Verwendung militärischer Begriffe. Besonders in der Anfangszeit hätten Politiker von Ärzten und Pflegepersonal im Kampf "an vorderster Front" gesprochen, als Bollwerk gegen das Virus. Auch damit seien bewusst bestimmte Ziele verfolgt worden. Man wolle, so sagt Klosa-Kückelhaus, bestimmte Bilder und Gefühle aufrufen, um so das eigene Volk oder Wähler hinter sich zu bringen.

Ein bisschen reflektierterer Sprachgebrauch, präzisere Ausdrucksweisen wären extrem wünschenswert.

Annette Klosa-Kückelhaus, Sprachforscherin vom Leibniz-Institut für Deutsche Sprache

Ähnliches geschehe jetzt angesichts der russischen Invasion in der Ukraine. Während Putin von Entnazifizierung spreche, habe die ukrainische Seite für den Krieg rasch die Bezeichnung Genozid verwendet. Das Phänomen der Kriegsrhetorik sei nicht neu. Jedoch gehe es ihr nicht nur als Sprachwissenschaftlerin, sondern auch "als wache Sprachteilhaberin oder als Bürgerin dieses Landes" gegen die Hutschnur, dass in der politischen Auseinandersetzung eine Tendenz zur Verschleierung bestehe.

Zu erleben sei das, wenn Politiker davon sprächen, dass der Himmel über der Ukraine geschlossen werden müsse oder wenn trotz Milliardenausgaben für Waffen nicht von Aufrüstung, sondern von Ausrüstung gesprochen werde.

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Demo auf dem Domplatz.
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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Morgen | 14. Mai 2022 | 06:10 Uhr

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