Vierte Corona-Welle Wenn Pflegekräfte ihren Job aufgeben

In der vierten Corona-Welle wird in vielen medizinischen Einrichtungen am Rande der Belastungsgrenze gearbeitet. Einige Pflegekräfte – besonders auf den Intensivstationen – halten diesem enormen Druck nicht stand und werfen das Handtuch. Doch was machen die betroffenen Pflegerinnen und Pfleger anschließend? Und was unternehmen Krankenhäuser und Kliniken, um ihr Personal zurückzugewinnen?

Eine Krankenpflegerin versorgt in einem Patientenzimmer eines abgetrennten Bereichs für Covid-19 Patienten einer Intensivstation eines Klinikums, einen Covid-19-Patienten, der im künstlichen Koma liegt und beatmet wird.
Viele Pflegekräfte geraten in der Corona-Pandemie an ihre Belastungsgrenzen. Bildrechte: dpa

Infektionszahlen in Rekordhöhe, Intensivstationen am Limit, eine neue Virusvariante im Umlauf – die vierte Welle der Corona-Pandemie stellt Deutschland noch einmal vor gewaltige Herausforderungen. Und nicht alle können sie bewältigen. Immer häufiger erscheinen Berichte über Pflegekräfte, die wegen Überarbeitung für längere Zeit ausfallen, in andere Bereiche des Gesundheitswesens wechseln oder ihre Tätigkeit sogar ganz aufgeben.

Pflegekräfte wechseln Beruf oder reduzieren Arbeitszeit

Der Vorsitzende des Pflegerates Sachsen, Michael Junge, bestätigt diesen Eindruck: "Genau das ist die Situation. Aufgrund der sehr belastenden Arbeitsbedingungen sehen leider immer mehr Kollegen keine andere Wahl, als den Beruf, den sie lieben, zu verlassen oder die Arbeitszeit deutlich zu reduzieren." Die Konsequenzen spüre man gerade deutlich. Man habe wesentlich weniger Intensivbetten zur Verfügung als in der letzten Welle. "Das hat einen einzigen Grund: fehlendes Pflegepersonal, um die verfügbaren Betten und Beatmungsmaschinen zu betreiben."

Ein wichtiger Faktor bei der Lösung des Problems sei Geld. Junge hebt in diesem Zusammenhang die Entscheidung zur Ausgliederung der Pflegepersonalkosten lobend hervor. Aber: "Die grundsätzliche Pflegepolitik des letzten Jahrzehnts war nicht auf Förderung von Pflegenden und Nutzung deren Kompetenzen angelegt, so dass es leider nun einen Zustand gibt, der keine schnellen Lösungen mehr zulässt." Viel zu oft fänden sich Pflegende in einem überreglementierten System wieder, in dem ihre Arbeit sehr eng kontrolliert und überwacht werde, aber ihre Kompetenzen nicht angemessen eingesetzt würden.

Laut Umfragen verstärkte Abkehr vom Pflegeberuf in diesem Jahr

Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) verweist auf Anfrage von MDR AKTUELL auf eine interne Umfrage, die zeigt, dass bereits im vergangenen Jahr knapp ein Drittel der befragten Mitglieder häufig daran gedacht hat, den Pflegeberuf aufzugeben. Die Geschäftsführerin des DBfK Südost, Marliese Biederbeck, warnt: "Die Lage spitzt sich weiter zu, derzeit vor allem in Bayern, Sachsen und Thüringen."

Auch die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage des Deutschen Krankenhausinstituts zu Abwanderungen aus der Intesivpflege zeichnen ein besorgniserregendes Bild. Demnach haben derzeit 72 Prozent der befragten Krankenhäuser durch Kündigungen, interne Stellenwechsel oder Verkürzungen der Arbeitszeit weniger Intensivpflegepersonal zur Verfügung als noch am Ende des vergangenen Jahres.

Von kompletten Umschulungen bis zur Rückkehr in die Pflege

Doch wohin gehen Pflegerinnen und -pfleger, die nicht nur den internen Bereich sondern die ganze Branche wechseln? Meggy Steinert hatte fast zwei Jahre im Pflegeheim gearbeitet. Die Zustände dort während der Corona-Pandemie beschreibt sie als "menschenunwürdig aufgrund von mangelndem Personal und Überlastung". Zu Beginn des Jahres hing sie deshalb den Pflegekittel zwischenzeitlich an den Nagel und stieg als Automobilverkäuferin ein.

Nach ein paar Monaten kehrte sie allerdings ins Gesundheitswesen zurück und arbeitet nun als Pflegehilfskraft in einer Demenz-WG. Ein Grund dafür sei die Angst vor Kurzarbeit in ihrem neuen Metier gewesen. Und: "Schlussendlich liegt es mir einfach am Herzen und ich weiß, dass die Pflege unterbesetzt ist. Deswegen ist es auch eine Sache von Solidarität, dass ich sage: Ich bleibe in diesem Beruf."

Verschiedene Versuche zur Rückgewinnung

Doch nicht alle Pflegekräfte kehren aus eigenem Antrieb zurück in die Krankenhäuser, Kliniken und Heime. Das Problem der Personalrückgewinnung sei deshalb auch schon vor der Pandemie eine wichtige Aufgabe gewesen, erklärt Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG). "In vielen Krankenhäusern gibt es dafür spezialisierte Mitarbeiter, die zum Beispiel versuchen, Berufswechsler wieder in die Pflege zurückzugewinnen oder für Teilzeitbeschäftigte passende Arbeitszeitmodelle zu entwerfen, um deren Einsatzzeit erhöhen zu können."

In einigen Regionen ist der Pflegenotstand bereits so hoch, dass sogenannte Helferpools gegründet werden, um Freiwillige für die Unterstützung in der Pflegearbeit anzuwerben. Auch das Uniklinkum Dresden wolle davon Gebrauch machen, sagt Pflegedirektorin Jana Luntz: "Wir suchen ausgebildete Pflegekräfte und Krankenpflegehelfer, die vielleicht derzeit in einem anderen Beruf arbeiten und uns in der Krise auf Intensiv- und Normalstationen unterstützen wollen. Außerdem suchen wir Helfer, die uns bei administrativen Aufgaben unterstützen." Wichtig sei dabei, dass die Helfer geimpft oder genesen sind.

Uneinigkeit bei Frage nach der richtigen Lösung

Was jedoch langfristig geschehen muss, um die Situation von Pflegekräften sowohl während als auch nach der Pandemie zu verbessern, und wer dafür verantwortlich ist – dazu gibt es unterschiedliche Meinungen. Der sächsische Pflegeratsvorsitzende Michael Junge sieht die Verantwortung bei der Politik: "Wir benötigen tatsächlich sehr schnell mutige politische Entscheidungen, die einen spürbaren Rückenwind für Pflegende geben und an den Arbeitsbedingungen in der direkten Versorgung von Patienten und Bewohnern unmittelbar und spürbar etwas verbessern."

Anders sieht es jedoch die Geschäftsführerin vom Bundesverband Pflegemanagement, Sabrina Roßius. "Die Politik hat einiges probiert: Corona-Prämie, Tarifanpassungen, 40 Tage Urlaub, Gehaltserhöhungen, Pflegepersonaluntergrenzen." Die Situation werde sich jedoch nicht ändern, wenn sich nicht bei den Führungskräften und auch bei den Mitarbeitern selbst etwas ändere. "Es wäre ja die echte harte Konsequenz, wenn ich sage: 'Das kotzt mich hier alles so an, dass ich kündige'." Stattdessen würden sich die meisten Pflegekräfte bei Überlastung nur für ein paar Tage krankschreiben und zu früh wegen schlechten Gewissens zurückkehren. "Dann schaffen sie wieder ein bisschen was – und dann klappen sie wieder zusammen."

Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 29. November 2021 | 19:30 Uhr

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