E-Mobilität und ÖPNV Große Unterschiede bei der Verteilung von E-Autos und Ladestationen

Große Distanzen – wenige Alternativen: Auf dem Land fährt die Bevölkerung vor allem mit dem eigenen Pkw. Doch der Umstieg zur E-Mobilität verläuft langsamer als in der Stadt. Grund dafür ist auch die Ladeinfrastruktur.

E-Auto
Während in Leipzig 1,8 Prozent aller gemeldeten Pkw elektrisch unterwegs sind, sind es im Landkreis Görlitz nur 0,7 Prozent. Bildrechte: imago images / Jan Huebner

Den großen Distanzen auf dem Land stehen kleine Distanzen mit viele Alternativen in der Stadt gegenüber: In der Stadt fährt die Bevölkerung mit den "Öffis", nimmt das Rad oder geht zu Fuß. Auf dem Land werden dagegen 86 Prozent aller zurückgelegten Kilometer mit dem Auto absolviert. Die Landbevölkerung nutzt damit überwiegend ein Verkehrsmittel, dessen CO2-Emissionen deutlich gesenkt werden müssen. "Durch einen deutlichen Ausbau des ÖPNV- sowie des Carsharing-Angebots soll bis Mitte des Jahrhunderts die mit privaten Pkw gefahrenen Kilometer auf 48 Prozent des derzeitigen Wertes sinken", so Philipp Kosok vom Think Tank Agora-Verkehrswende. "Das Auto wäre dann auf dem Land immer noch das vorherrschende Verkehrsmittel – anders als in der Stadt."

Der Umstieg auf elektrisch angetriebene Fahrzeuge müsse daher vor allem auf dem Land vorangetrieben werden, so eine Empfehlung des wissenschaftlichen Think Tanks. "Es könnte sogar leichter funktionieren, als in der Stadt, denn auf dem Land hat man einen großen Vorteil: Freie Flächen sind nicht knapp", sagt Philipp Kosok von Agora-Verkehrswende. Auf dem Land wohnten viele in einem eigenen Haus und könnten vor der eigenen Haustür ihr Auto laden. Außerdem gäbe es auch mehr Platz für öffentliche Ladestationen. Die Voraussetzungen wären also da. Dennoch zeigen aktuelle Daten des Kraftfahrtbundesamtes (Stand: 1. Oktober 2021), dass in den Städten deutlich mehr elektrisch angetriebene Pkw unterwegs sind. Das gilt auch für Mitteldeutschland.

Weimar mit großem Anteil an elektrisch angetriebenen Pkw

Während in Leipzig 1,8 und in Dresden 1,7 Prozent aller dort gemeldeten Pkw elektrisch angetrieben werden (dazu zählen E-Autos und Plug-in-Hybride), sind es im Landkreis Görlitz nur 0,7 Prozent. Weimar hat mit 5,7 Prozent nicht nur in Thüringen, sondern auch im bundesweiten Vergleich einen sehr hohen Anteil an E-Autos und Plug-in-Hybridfahrzeugen. Das kann zum Teil auch mit Elektrofahrzeugen erklärt werden, die ein Carsharing-Unternehmen in Weimar gemeldet hat. Das Schlusslicht ist in Thüringen der Kyffhäuserkreis mit nur 0,8 Prozent an Autos mit Elektromotor. Auch in Sachsen-Anhalt liegt eine Stadt an der Spitze: Die Landeshauptstadt Magdeburg mit 1,5 Prozent elektrisch angetriebenen Autos. Nur 0,8 Prozent davon gibt es dagegen im Landkreis Mansfeld-Südharz.

Ganz Ostdeutschland hat im Vergleich zu Westdeutschland einen geringeren Anteil an elektrisch angetriebenen Pkw und liegt unter dem Bundesdurchschnitt von 2,1 Prozent (Stand Oktober 2021). Sachsen-Anhalt belegt mit einem Anteil von 1 Prozent den vorletzten Platz. In Sachsen und Thüringen fahren jeweils 1,2 und 1,3 Prozent Autos mit Elektromotor.

Fehlende Ladestationen wirken sich auf Kaufverhalten von E-Autos aus

Auf Anfrage des MDR verweist das Ministerium für Infrastruktur und Digitales in Sachsen-Anhalt auf die Anschaffungskosten eines Kraftfahrzeuges, die für die meisten Haushalte im Bundesland trotz Kaufprämie eine hohe Investition darstellten. Eine große Herausforderung für die E-Mobilität seien jedoch auch die fehlenden öffentlichen Ladesäulen. Das sehen auch die zuständigen Ministerien in Thüringen und Sachsen so. "Die geringe Anzahl an Elektrofahrzeugen ist nicht Anreiz genug, öffentlich zugängliche Ladeinfrastruktur für den fahrenden Verkehr zu schaffen, was wiederum die Bereitschaft zur Anschaffung von Elektrofahrzeugen mindert", so das Ministerium in Sachsen-Anhalt. Eine Zwickmühle. Ohne ausreichend Ladesäulen werden auch nicht mehr E-Autos gekauft. Diesen Effekt bestätigt eine Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung vom Februar dieses Jahres: Mehr Ladestationen führten demnach zu mehr E-Autos. Dies gelte für Stadt und Land, allerdings wirkten sich mehr Ladestationen in dicht besiedelten Gebieten – also in der Stadt – noch positiver auf das Kaufverhalten aus.

Laut Bundesnetzagentur gibt es 886 öffentliche Ladepunkte in Sachsen-Anhalt, in Sachsen sind es 2.003, in Thüringen 1.087 (Stand: November 2021). Damit müssen sich in Sachsen-Anhalt rein rechnerisch 13,8 in Sachsen 13 und in Thüringen 14,4 Elektro- bzw. Plug-in-Hybridfahrzeuge einen Ladepunkt teilen. In Mitteldeutschland müssen sich also im bundesweiten Vergleich die wenigsten E-Autos einen Ladepunkt teilen.

Öffentliche Ladeinfrastruktur auf dem Land schlechter als in der Stadt

Daten aus dem Landatlas des Thünen-Instituts zeigen jedoch auch, dass es nirgendwo sonst länger zur nächsten Ladestation dauert als im Jerichower Land in Sachsen-Anhalt (Stand: 2019). Durchschnittlich 16,5 Minuten mit dem Pkw sind dafür nötig. Das ist bundesweit die längste Wegstrecke, die zurückgelegt werden muss. Insgesamt 20 öffentliche Ladepunkte gibt es hier laut Bundesnetzagentur (Stand: 1.10.21). In Magdeburg dagegen dauert es durchschnittlich 5 Minuten zur nächsten öffentlichen Lademöglichkeit. 106 Ladepunkte hat die Landeshauptstadt. In Sachsen-Anhalt befinden sich rund 20 Prozent aller Ladepunkte in den Städten Magdeburg, Halle und Dessau-Roßlau. In Thüringen verteilen sich rund 30 Prozent auf die Städte Eisenach, Erfurt, Gera, Jena, Suhl und Weimar. In Sachsen machen die Ladepunkte in den Städten Chemnitz, Dresden und Leipzig rund 40 Prozent aus.

Auf die Unterschiede zwischen Stadt und Land verweist auch das Ministerium in Sachsen-Anhalt selbst. Während in den Städten eine gute Versorgung mit öffentlichen Ladepunkten vorhanden sei, sei dies in den ländlichen Regionen nicht der Fall. Daher habe das Land vor allem hier mit Fördergeld nachgeholfen, so das Ministerium für Infrastruktur und Digitales.

Noch nicht genug, findet dagegen Cornelia Lüddemann von den Grünen, Fraktionsvorsitzende im Landtag von Sachsen-Anhalt. Sie sieht den Dreh- und Angelpunkt bei der Mobilitätswende auf dem Land in der Umstellung auf E-Autos. Sie fordert mehr Subventionen – nicht nur vom Land, auch von der neuen Bundesregierung.

Wir müssen die Unsicherheit ausräumen, die beim Kauf abschrecken kann: Schaffe ich es noch bis zur nächsten Ladesäule?

Cornelia Lüddemann, Fraktionsvorsitzende Bündnis 90/Die Grünen Landtag Sachsen-Anhalt

Sie fordert mehr Subventionen – nicht nur vom Land, auch von der neuen Bundesregierung. Lüddemann hatte im Sommer eine Kleine Anfrage zum aktuellen Stand des Ausbaus der Ladeinfrastruktur gestellt. Die Landesregierung hatte sich das Ziel gesteckt, dass im Umkreis von 15 Autominuten ein öffentlich zugänglicher Ladepunkt erreicht werden soll. Kein hoch gestecktes Ziel, findet dagegen Lüddemann. 15 Autominuten seien immer noch lang. Laut Antwort der Landesregierung sei dieses Ziel zu 86 Prozent erreicht.

Öffentliche Einrichtungen sollen Vorbild werden

Lüddemann fordert außerdem, dass Fuhrparks von Verwaltung und anderen öffentlichen Einrichtungen auf elektrische Fahrzeuge umgestellt werden und mit positivem Beispiel voran gehen sollten. Das Saubere-Fahrzeuge-Beschaffungsgesetz legt seit August dieses Jahres sogar feste Quoten für die Beschaffung emissionsarmer Fahrzeuge fest. Eine Studie des Think Tanks Agora Verkehrswende zeigt, dass ein gutes Fünftel der kommunalen Flotten bereits elektrifiziert ist. Die niedrigste E-Pkw-Quote hat Sachsen mit unter acht Prozent Elektrifizierung, gefolgt von Sachsen-Anhalt mit zwölf Prozent. Zahlen aus Thüringen sind nicht bekannt. Auf Anfrage des MDR antwortet das Umweltministerium in Sachsen, dass die Landesverwaltung eine Vorbild- und Vorreiterrolle einnehmen wolle und die Elektrifizierung des Landesfuhrparks vorangetrieben werden soll. Das Ministerium verweist zudem auf Bundesförderprogramme an die sich der Freistaat maßgeblich orientiere.

Thüringen setzt unter anderem auf Schnellladepunkte

Das Umweltministerium in Thüringen dagegen weist auf eigene Förderprogramme hin. So unterstütze das Ministerium beispielsweise Kommunen und Unternehmen bei der Beschaffung von E-Fahrzeugen (ausgenommen Plug-in-Hybridfahrzeuge). Seit Mitte 2019 wären bislang rund 2,4 Millionen Euro aus Landesmitteln für die Beschaffung von E-Fahrzeugen und öffentlicher Ladeinfrastruktur durch die Thüringer Aufbaubank bewilligt worden. Auch speziell in ländlichen Räumen habe das Ministerium Projekte gefördert. In der Kommune Werther im Landkreis Nordhausen fährt beispielsweise ein E-Auto auf Anfrage der Bewohner zum Arzt oder Einkaufen – ähnlich eines Taxis. Elektrobusse seien außerdem mit europäischen Fördermitteln beschafft worden. Sogenannte "E-Lotsen" sollen in Kommunen Fachwissen zur Elektromobilität einbringen. Mit bestehenden Förderprogrammen des Landes sollen Schwerpunkte auf Schnellladepunkte und Lademöglichkeiten in Wohnquartieren gelegt werden. Projekte sollen in Greiz, Weida, Bad Salzungen und Erfurt im nächsten Jahr umgesetzt werden.

Dass sich gerade Schnellladepunkte positiv auf die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen auswirken können, belegt eine weiterführende Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung. "Eine Chance für die ländlichen Regionen könnte der Ausbau von Schnellladepunkten sein", sagt Stephan Sommer, der an der Studie beteiligt war. Da es auf dem Land eine größere Verbreitung von privaten Ladestationen gebe, wären öffentlich zugängliche Schnellladepunkte attraktiver.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt - Die Story | 13. Oktober 2021 | 20:45 Uhr

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