Bevölkerungs- und Katastrophenschutz Cell Broadcast: So kommt die Probewarnung aufs Handy

Carolin Voigt, Autorin, Redakteurin und Sprecherin
Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Nach dem miserabel verlaufenen bundesweiten Warntag 2020 und der tödlichen Flutkatastrophe im Sommer 2021 im Ahrtal zieht Deutschland Konsequenzen und führt ein neues System zur Warnung der Bevölkerung vor Katastrophen ein. Es trägt den Namen Cell Broadcast und soll auf allen Mobiltelefonen funktionieren – ohne spezielle App.

Im Bild eine Ortschaft an der Straße zwischen Dernau und Walporzheim, die von den Fluten auf einem Abschnitt einfach mitgerissen wurde.
Ganze Ortschaften wurden von dem Wassermassen mitgerissen im Ahrtal im Juli 2021 - wie hier zwischen Dernau und Walporzheim. Ein funktionierendes Warnsystem hätte wohl viele Menschenleben retten können. Bildrechte: imago images/Future Image

Um Menschen bei Katastrophen effektiver zu warnen, wird in Deutschland ein neues Warnsystem eingeführt. Die Mobilfunkanbieter Vodafone, Deutsche Telekom und Telefónica haben bereits alle Besitzer eines Mobiltelefons mit einer SMS über das neue Warnsystem Cell Broadcast (CB) informiert. Am geplanten bundesweiten Warntag, dem 8. Dezember soll das neue System erstmals in allen Landkreisen und kreisfreien Städten in Deutschland getestet werden. Ein halbes Jahr später als ursprünglich vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) angedacht.

Cell Broadcasting als Lehre aus Versagen bei Flutkatastrophe

Deutschland ist damit spät dran. In anderen EU-Ländern ist Cell Broadcast längst im Einsatz. Bereits seit 2018 gibt es eine EU-Richtlinie, die die Mitgliedsstaaten zur Einführung umfassender digitaler Warnsysteme für den Bevölkerungsschutz verpflichtet. Deutschland ging jedoch zunächst einen Sonderweg mit diversen Warnapps wie Nina, Nora und Katwarn. Mit mäßigem Erfolg. So kamen die Test-Warnungen beim letzten Warntag 2020, wenn überhaupt, eine halbe Stunde zu spät bei Nutzerinnen und Nutzern an. Im Katastrophenfall eine halbe Stunde, die über Leben und Tod entscheiden kann. Auch bei der Hochwasserkatastrophe 2021 haben die Warnsysteme versagt. Apps und Sirenen-Systeme haben nicht ausgereicht. Mehr als 180 Menschen kamen bei der verheerenden Flut im Ahrtal ums Leben.

So funktioniert Cell Broadcast

Doch wie funktioniert das System Cell Broadcasting? Bei dem System werden Nachrichten wie Rundfunksignale an alle kompatiblen Geräte geschickt, die in einer Zelle eingebucht sind – daher der Name Cell Broadcast. Im Gegensatz zu anderen Warnsystemen wie Nina oder Katwarn muss man keine App haben, um alarmiert zu werden. Man muss auch keine Mitteilungs-App für das Lesen von SMS öffnen, da der Warntext ohne Zusatz-Anwendung als Push-Meldung auf dem Bildschirm erscheint. Mit dem Eintreffen des Warntextes ertönt auch ein lautes Tonsignal und der Vibrationsalarm wird aktiviert – unabhängig davon, ob das Telefon stumm geschaltet ist oder nicht.

Für den Versand der Nachrichten wird der Standard SMS-CB verwendet, der wenig Ressourcen verbraucht und die Netze so nicht überlasten soll. Da nur Textinhalte übermittelt werden, spielt es keine Rolle, wie schnell oder langsam die Verbindung ist. Ein Haken bleibt jedoch: Wer gar keinen Netzempfang hat und im Funkloch sitzt, bekommt auch keine Warnmeldung. Auch ein leerer Akku, der Flugmodus oder eine fehlende SIM-Karte können das Warnsystem zum Stottern bringen.

Technische Voraussetzungen für Empfang der Warnmeldungen

Um die Warnmeldungen via Cell Broadcast zu bekommen, muss das Handy oder Smartphone mit CB kompatibel, eingeschaltet und empfangsbereit sein. Wer ein iPhone von Apple besitzt, benötigt als Betriebssysteme mindestens die Versionen iOS 16, 15.7.1 oder 15.6.1. Geräte mit dem Google-Betriebssystem Android sind ab Version 11 kompatibel. Das BBK empfiehlt, regelmäßig die Softwareupdates zu installieren.

Außerdem lohnt sich ein Blick in die Einstellungen. iPhone-User finden unter "Mitteilungen" ganz unten Einstellungen zu Cell Broadcast Warnungen. Warnungen für "Extreme Gefahr" und "Gefahreninformationen" sind standardmäßig aktiviert, "Testwarnungen" jedoch nicht. Wer auch Testwarnungen erhalten möchte, kann hier den Schalter umlegen. Auf den Testlauf am 8. Dezember hat diese Einstellung laut BBK jedoch keinen Einfluss. Auf Anfrage von MDR AKTUELL teilt die Behörde mit:

Für den bundesweiten Warntag wird dieser Testbetrieb in den Realbetrieb umgeschaltet, bei dem die Probewarnung der Stufe 1 (EU-Alert Level 1) ausgesandt wird. Diese Warnstufe ist bei ertüchtigten Endgeräten standardmäßig vorausgewählt und kann nur mit besonderem technischem Aufwand abgewählt werden, was das BBK ausdrücklich nicht empfiehlt.

Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe

Mit anderen Worten: Auch wenn "Testwarnungen" auf dem Smartphone deaktiviert ist, werden User die Probewarnung am 8. Dezember erhalten.

Um Datenschutz muss man sich keine Sorgen machen. Je nachdem, in welcher Funkzelle ich gerade eingeloggt bin, verschickt ein Verteiler die Meldungen anonym an alle eingebuchten Geräte. Der Verbraucherzentrale Bundesverband erklärte hierzu: "Die Warnnachrichten werden so ausgestrahlt, wie zum Beispiel das Programm eines Radiosenders. Da senden die Moderator:innen auch 'ins Blaue hinein' und wissen nicht, wer ihnen im Einzelnen zuhört." So unterscheidet sich Cell Broadcasting auch von der SMS, wo der Absender die Handynummer kennen müsste.

Zum 23.02.2023 soll Cell Broadcast in Deutschland laut BBK in den Regelbetrieb übergehen. Allerdings weiterhin in Kombination mit anderen Warnkanälen wie Rundfunk oder Sirenen.

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Ronny Thieme ist zuständig für Katastrophenschutz im Altenburger Land.

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Quelle: dpa, (cvt)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL RADIO | 10. November 2022 | 09:30 Uhr

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