Gendern Was bringen Sternchen, Doppelpunkte und Glottisschlag?

Gendern spaltet die Gemüter. Für die einen sind Sternchen, Doppelpunkt und Glottisschlag unverständliche Worthülsen, für andere ein wichtiger Beitrag zur Geschlechtergerechtigkeit. Was bringt gendern wirklich?

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Geschlechtergerechte Sprache findet immer mehr Einzug in den Alltag. Sei es die flüchtige Email, die jetzt mit "Liebe Kolleginnen und Kollegen" beginnt oder das Schild an der Lieblingsbäckerei, auf dem "Mitarbeiter/-innen" gesucht werden. Aber was ist eigentlich dran?

Warum gendern?

Im Deutschen wird in der Regel das generische Maskulinum verwendet. Das heißt, wenn eine Gruppe aus mehreren Männern und Frauen besteht, wird nur die männliche Form benutzt. "Lehrer" bezeichnet dann nicht nur Männer, sondern alle, die in diesem Beruf arbeiten. Das generische Maskulinum hat also nichts damit zu tun, welches Geschlecht einzelne Personen haben.

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Podcast Cover MDR Investigativ 33 min
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33 min

Eine erfahrene Journalistin hat lange nicht verstanden, warum Gendern einigen so wichtig ist. Im Podcast erzählt sie ihrer jungen Kollegin , warum sie jetzt manchmal doch gendert und manchmal nicht.

MDR FERNSEHEN Mi 06.10.2021 20:15Uhr 32:38 min

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Sprache erzeugt aber immer auch Bilder im Kopf. Wenn über "Lehrer" gesprochen wird, dann denken die meisten Menschen an einen Mann. Und zwar nicht nur bei klassisch männlich besetzten Berufen, sondern auch bei Berufen wir zum Beispiel "Kosmetiker". Auch bei Kindern zeigt sich dieser Effekt. Mädchen können sich, wenn gegendert wird, besser vorstellen, Mechatronikerin zu werden.

Einen weiteren Effekt hat das Gendern, wenn mit Sternchen, Doppelpunkt oder Unterstrich gegendert wird. In der gesprochenen Sprache wird hier der sogenannte Glottisschlag eingesetzt, eine kurze Pause, wie sie auch in "Spiegelei" vorkommt. Dieser sogenannte Gendergap soll aufzeigen, dass es nicht nur Männer und Frauen gibt. Menschen, die sich weder als Mann oder Frau identifizieren, sollen in dieser Lücke sichtbar gemacht werden. 2017 hat das Bundesverfassungsgericht festgestellt, dass es möglich sein muss, im Personalausweis auch den Personenstand divers eintragen zu lassen. Seitdem greifen auch Behörden immer häufiger auf Sternchen, Doppelpunkt und Unterstrich zurück.

Wie gendern?

Diese drei Optionen werden unterschiedlich genutzt. Der Unterstrich in "Handwerker_in" zeigt, dass jeweils die männliche und die weibliche Form und die Ränder eines Spektrums sind.

Der Stern, in "Wissenschaftler*in" geht in verschiedene Richtungen und symbolisiert verschiedene Geschlechtsidentitäten.

In letzter Zeit wird häufig auch der Doppelpunkt verwendet. Zum einen, weil die Schreibweise "Schüler:innen" für viele Menschen leichter zu lesen ist. Zum anderen, weil er auch von Sprachausgabeprogrammen leichter zu lesen ist. Diese Programme werden von Menschen genutzt, die eine Sehbehinderung haben.

Um geschlechtergerecht zu schreiben und zu sprechen greifen manche Menschen auch auf das Partizip zurück. Aus "Studentinnen und Studenten" wird dann "Studierende". So vermeidet man lange, komplizierte Wortkonstruktionen.

Vorbehalte gegen das Gendern

Gendern stößt aber auch auf heftige Gegenwehr. Verschiedene Medien haben bisher Umfragen durchgeführt und das Ergebnis ist immer: Knapp 70 Prozent der Deutschen finden geschlechtergerechte Sprache überflüssig.

Und je älter man wird, desto schwieriger fällt es, sich auf neue Regeln in der Sprache einzulassen. Denn eine neue Sprache zu lernen, fällt mit zunehmendem Alter immer schwerer. Ein anderes Gegenargument gegen geschlechtergerechte Sprache ist, dass sie Geschlecht überbetont. Wenn eine Nachricht bei MDR Aktuell lautet: "Astronautinnen und Astronauten wollen den Mars besiedeln" dann könnte dadurch das Geschlecht in den Vordergrund und die Nachricht in den Hintergrund treten. Es gibt allerdings keine Studien dazu, welchen Effekt das hat.

Gendern oder nicht?

Manche Menschen gendern, und andere nicht. Ungerechtigkeiten, wie die schlechtere Bezahlung von Frauen, oder die Gewalt gegen queere Menschen lassen sich nicht durch gendern beseitigen. Geschlechtergerechte Sprache kann aber geschlechtlichte Vielfalt sichtbarer machen.

Sprache ist immer im Wandel. Neuere Formen irritieren zwar, aber man kann sich an sie gewöhnen. Je häufiger wir neue Formen nutzen, desto mehr neuronale Verknüpfungen bilden sich und umso einfacher fallen sie uns.

Quelle: MDR Investigativ

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt | 06. Oktober 2021 | 20:15 Uhr

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