SED-Unrecht Schwierige Aufarbeitung von Zwangsadoptionen in der DDR

Jan Kröger, Moderator und Redakteur
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Die Bundesregierung will DDR-Zwangsadoptionen genauer untersuchen. Im Sommer soll eine Studie starten. Bislang war es schwierig, Fälle von politisch motivierter Adoption nachzuweisen. MDR AKTUELL-Hörer Andreas Leyh möchte wissen, warum gerichtliche Verfahren zu Zwangsadoptionen abgelehnt werden. Er verlor sein Kind zu DDR-Zeiten durch eine Adoption. Als Betroffener fühlt er sich von Behörden im Stich gelassen.

Bei einer Kundgebung für die Opfer von Zwangsadoptionen der DDR, 2014 hält ein Mann ein Plakat mit der Aufschrift 'Wo sind unsere Kinder?' hoch.
Es gibt hunderte Verdachtsfälle für Zwangsadoptionen, aber bislang wenig belastbare Daten. Bildrechte: dpa

Es ist unbekannt, wie viele Eltern in DDR-Zeiten ihre Kinder unter politischem Druck zur Adoption freigeben mussten. Eine Vorstudie aus dem Jahr 2018 hatte ergeben, dass kein System hinter politisch motivierten Adoptionen steckte.

Thomas Lindenberger war Mitautor dieser Vorstudie. Der Dresdner Historiker sagt: "Von systematischen Zwangsadoptionen würde ich dann sprechen, wenn man zentrale Anweisungen dafür finden würde. So wie es beispielsweise bei der Stasi eine Richtlinie dafür gab, politische Gegner zu zersetzen und psychologisch zu zermürben."

Bisher keine Hinweise über systematische Zwangsadoptionen

Für Lindenberger und sein Team waren politisch motivierte Adoptionen Einzelfälle. Doch sie stellten Muster fest. Viele betroffene Eltern wurden in der DDR strafrechtlich verfolgt und verhaftet – wegen sogenannten "asozialen Verhaltens".

Der Leipziger Andreas Laake verlor sein Kind nach gescheiterter Republikflucht. 2013 hat er seinen Sohn zum ersten Mal gesehen – nach fast 30 Jahren Suche. Wenn er von Ämtern wissen wollte, was aus seinem Sohn geworden war, fühlte er sich nicht ernst genommen. "Selbst mit Unterlagen mussten wir Ansprechpartner finden, die uns zuhören. In der Stadt Leipzig habe ich vor Jahren in der zentralen Adoptionsstelle eine Dienstaufsichtsbeschwerde eingereicht, weil genau die Mitarbeiterin, die damals im Jugendamt meine Unterlagen bearbeitet hat, heute noch tätig war", erzählt Andreas Laake.

Betroffenen bekommen Hilfe bei der Suche

Heute leitet Andreas Laake die "Interessengemeinschaft gestohlene Kinder der DDR". Er hilft anderen bei der Suche nach ihren Kindern oder Eltern und trägt das Thema in die Parlamente. Mittlerweile fühlt er sich gehört, sagt er: "Wir haben jetzt wieder Gespräche im Bundestag. Wir haben Gespräche im Berliner Senat. Wir arbeiten eng mit der Landesregierung in Sachsen zusammen. Wir stehen im engen Kontakt mit Politikern, die uns schon seit Jahren unterstützen. Sonst gäbe es diese Studie gar nicht."

Das Datenschutz-Recht wurde so geändert, dass für die neue Studie deutlich mehr Akten eingesehen werden können als 2018 für die Vorstudie. Als weiteren Erfolg nennt Laake die Einrichtung einer zentralen Beratungsstelle in Berlin. Doch vor Gericht kann er Betroffenen keine Hoffnungen machen.

Keine Chance auf juristische Gerechtigkeit

Mit dem Einigungsvertrag ist das Adoptionsgesetz gleichgesetzt worden. Andreas Laake erklärt: "Zu diesem Zeitpunkt war das Wissen über Zwangsadoptionen noch nicht so hoch. Es gab kaum ein Bewusstsein dafür, wie viele Menschen betroffen sind." So blieb in der Bundesrepublik nur der Straftatbestand der Entziehung Minderjähriger. Doch die Tat verjährt fünf Jahre, nachdem das Kind volljährig geworden ist. Und alle in der DDR geborenen Kinder sind inzwischen älter.

Was bleibt, ist die wissenschaftliche Aufarbeitung. Andreas Laake hofft, dass die neue Studie auch erstmals belastbare Zahlen bringt: Denn als er noch nach seinem Sohn suchte, war er sich sicher, ein Einzelfall zu sein. Heute kümmert sich sein Verein um rund 3.000 Eltern, Kinder und Angehörige.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 10. Mai 2022 | 06:24 Uhr

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