Ausbildung Bundesweit fehlen über 10.000 Lehrkräfte an Berufsschulen

Tausende Unterrichtsstunden fallen an Berufschulen bundesweit aus, weil über 10.000 Lehrer und Lehrerinnen fehlen. Besonders betroffen sind die naturwissenschaftlichen und technischen Fächer, auch MINT genannt. Zudem scheiden perspektivisch auch noch mehr Lehrer und Lehrerinnen aus dem Beruf aus als ausgebildete nachrücken.

Eine Laborantin untersucht eine Probe.
Berufsschulen suchen händeringend Lehrkräfte vor allem für die Fächer Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (kurz: MINT). Erschwerend kommt hier noch dazu, dass diese von Frauen traditionell sowieso weniger nachgefragt werden. Bildrechte: Colourbox

Acht Prozent der Stellen nicht besetzt

Die Situation ist angespannt. Laut Pankraz Männlein, dem Bundesvorsitzenden des Bundesverbandes der Lehrkräfte für Berufsbildung e. V. (BvLB), fehlen deutschlandweit zwischen 10.000 und 15.000 Lehrkräfte an den berufsbildenden Schulen. Diese Zahl ist beträchtlich, denn bei insgesamt 125.000 Stellen ergibt das ein Defizit von acht Prozent. Folgt man den Ergebnissen einer Studie der Bertelsmann Stiftung, wird sich das in den nächsten Jahren nicht verbessern. Im Gegenteil: Unter anderem durch das Ausscheiden alter Arbeitskräfte aus dem Berufsleben könnte ein Ersatzbedarf von weiteren 40.000 Lehrern und Lehrerinnen entstehen. Das ist nach Einschätzung von Pankraz Männlein "weitaus höher als die Zahl der Lehramtsstudierenden, die nachrücken". Eine schnelle Lösung scheint nicht in Sicht.

Tausende Schulstunden ausgefallen

Die Personalnot hat Konsequenzen. Um sich durch diesen Flaschenhals zu zwängen, mussten auch Berufsschulen den Gürtel enger schnallen. Für fast alle bedeutete das: Klassen zusammenlegen, Aktivitäten streichen und Vertretungsstunden in Stillarbeit. Lehrer, die zeitgleich zwei Kurse unterrichten, sind keine Seltenheit.

Trotz der Bemühungen konnten die Schulen nicht verhindern, dass Stunden zum Teil ersatzlos gestrichen werden mussten. In welchem Maße, zeigen die Statistiken der Bundesländer. Diese erfassen mit Hilfe der Schulen den Anteil der ausgefallenen Schulstunden. Betrachtet man die Thüringer Ausfallstatistik, fällt schnell auf, wie prekär die Lage an den Berufsschulen wirklich ist. Allein im ersten Halbjahr des Schuljahres 2021/22 fielen dort in den Berufsschulen 10,2 Prozent der Stunden ersatzlos weg. Das bedeutet, dass von ca. 42.000 Schulstunden knapp 4.300 nicht abgehalten werden konnten. In den allgemeinbildenden Einrichtungen waren es neun Prozent.

Der Trend, dass Berufsschulen etwas mehr Ausfall haben als andere Schulformen, ist nicht neu. Vergleicht man das Mittel der letzten fünf statistisch erfassten Jahre, erkennt man ebenfalls das Muster: Knapp acht Prozent der Schulstunden fielen in den Berufsschulen aus, in den anderen Schulformen dagegen nur 6,8 Prozent. Nach Angaben der BvLB Sachsen-Anhalt liegt die angestrebte Ausfallquote, etwa unter Berücksichtigung von Ausfällen durch Krankheit, zwischen 0,1 bis 0,7 Prozent.

Ausfallstatistik fällt aus

Die Gesamtsituation lässt sich schwer beziffern. Aufgrund der Corona-Krise wurde in Sachsen und Sachsen-Anhalt, wie auch in weiteren Bundesländern, seit 2020 die Erhebung ausgesetzt.

Im Schuljahr 2019/20 belief sich die Stundenausfall-Quote in Sachsen bereits auf 5,9 Prozent. Wie es sich bis jetzt entwickelt hat, ist unklar. Nur in Thüringen ist die Statistik bereits wieder für das Schuljahr 2021/22 erschienen. Durchschnittlich 9,4 Prozent der Stunden sind in diesem Jahr den Berufsschülern und Berufschülerinnen verloren gegangen. Aber auch hier sind die Daten aus dem Vorjahr nicht bekannt. Zwei Jahre früher waren es bereits schon 8,6 Prozent. Um diesen Trend abzuwehren, braucht es mehr qualifizierte Lehrkräfte an den Bildungseinrichtungen. 

Mitteldeutschland fehlt der Nachwuchs

Es ist unklar, wie viele offene Lehrerstellen es in der Region insgesamt zu besetzen gibt. Laut den Verbänden ist das durch die hohe Fluktuation der Ausschreibungen schwer zu ermitteln. Der Berufsschullehrerverband Sachsen geht davon aus, dass die Ausbildung aber vorerst gesichert ist. Dirk Baumbach, Vorsitzender des Lehrerverbands Berufliche Schulen Sachsen e.V., versichert: "Aktuell sind Prüfungsanforderungen und Lehrplaninhalte noch nicht gefährdet. Hier arbeitet das Lehrpersonal engagiert und zum Teil an der Belastungsgrenze am Erreichen der Ziele im Sinne der Azubis." 

Diese Vorkehrungen werden aber in Zukunft nicht reichen, so Baumbach: "Jährlich scheiden ca. 150 bis 200 Personen aus, die schwer bis gar nicht (vollständig) zu ersetzen sind." Um das auszugleichen, werden zu wenig neue Lehrer ins System gebracht. Auch Quereinsteiger können nur bedingt die Lösung sein. In Sachsen-Anhalt ist die Situation laut Jörg Riemer vom Landesverband Sachsen-Anhalt ähnlich: "Zur Zeit genügen die Zahl der Studienabsolventen und Referendare nicht, um den Bedarf vollständig zu decken." In den meisten Fächern gibt es außerdem weniger Bewerber als freie Studien- und Referendariatsplätze.

Fachschüler brauchen Fachlehrer

Besonders betroffen sind die MINT-Berufe. Das sind Kernfächer für alle Handwerks- oder Industrieberufe. Sie beinhalten Mathematik, Informatik, die Naturwissenschaften und andere technische Fächer. Und das ist eine Herausforderung. Denn nur spezialisiertes Personal kann das nötige Know-How korrekt vermitteln.

Von solchen Lehrern werden immer weniger ausgebildet. "Wie bei den allgemeinbildenden Schulen ist es auch bei denjenigen, die sich für eine berufsschulische Laufbahn entscheiden so, dass MINT-Fächer eher gemieden werden", laut IHK Dresden. In Sachsen studieren gerade mal zehn Bautechnik-Studenten und -Studentinnen auf Lehramt. Das könnte langfristig ein Problem für die Qualität der Ausbildung bedeuten und im "Endeffekt dazu führen, dass bestimmte Berufe an Berufsschulstandorten mangels fachkundiger Lehrer nicht mehr angeboten werden können." Das würde auch die lokalen Betriebe treffen, denn Standorte ohne geeignete Berufsschule sind für neue Auszubildende weniger attraktiv.

Unternehmen bieten Nachhilfeunterricht an

Um das Bildungsniveau der jungen Fachkräfte weiterhin hoch zu halten und den Engpass an Lehrpersonal auszugleichen, packen laut IHK auch die Unternehmen mit an: "Was sich seit Jahren etabliert hat, ist, dass Unternehmen Nachhilfeunterricht anbieten, um fachliche Defizite ihrer Azubis (die auch auf Stundenausfall beruhen können) auszugleichen". Den Verbänden zufolge ist dies unverzichtbar. Die Unternehmen müssen auch in Zukunft mehr Verantwortung tragen.

Beruf muss attraktiver werden

Langfristig wird man immer mehr Lehrer ausbilden und einstellen müssen. Das ist leichter gesagt als getan. Denn einen Berufsschullehrer auszubilden, dauert je nach Ermessen – eingerechnet vorab notwendiger Praktika, etc.– mindestens acht Jahre. Um nur damit dem Mangel entgegenzutreten, sind wir gut ein Jahrzehnt zu spät dran.

Auch Quereinsteiger können das Problem nicht allein beheben. So oder so muss in Zukunft um die Lehrer von morgen gekämpft werden. "Da hilft letztlich nur, vom Ende her zu agieren, und den Lehrerberuf in all seinen Facetten möglichst attraktiv zu gestalten und entsprechend zu bewerben", meint Lars Fiedler (IHK Dresden). Um jetzt eine Lösung anzubieten, müssen dafür verschiedene Weichen gestellt werden. Zum einen muss der Lehrberuf an Berufsschulen, gerade in den MINT-Fächern stärker beworben und darüber informiert werden. Zum anderen sollen Quereinsteigern bessere Anreize gegeben werden, langfristig im System zu bleiben. Dazu müssten sie in Verantwortung und in finanzieller Sicht mit dem Fachpersonal auf Augenhöhe sein, egal ob alter Hase oder frischer Lehramtsstudent: Wichtig dabei ist es, Neuankömmlingen und Interessierten Perspektive und Anerkennung zu zeigen. 

MDR-Wirtschaftsredaktion

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | 14. Juni 2022 | 08:00 Uhr

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