Statt Lockdown Immer mehr Bundesländer setzen auf 2G

Vor einem Jahr steckte Deutschland im zweiten Corona-Lockdown: Theater, Kinos, Restaurants und Bars waren geschlossen, Arbeit im Homeoffice, Schule ohne Präsenz. Bis Weihnachten sollten so die hohen Corona-Zahlen gesenkt werden – bekanntlich ohne Erfolg. Diesen Herbst sind die Zahlen vielfach höher als vergangenes Jahr, ein Lockdown soll aber zwingend vermieden werden. Um das Infektionsgeschehen trotzdem zu senken, schwenken immer mehr Länder auf einen 2G-Kurs.

Ein Schild weist auf die 2G-Regel hin
Ungeimpfte müssen demnächst mit mehr Einschränkungen rechnen, denn viele Länder weiten ihre 2G-Regel aus. Bildrechte: dpa

Vor dem Hintergrund der rasant steigenden Corona-Neuinfektionen beschließen immer mehr Länder eilige Regelverschärfungen. Vielerorts läuft es auf einen Lockdown für Ungeimpfte hinaus.

Baden-Württemberg

So haben in Baden-Württemberg schon ab diesem Mittwoch nur noch Geimpfte und Genesene (2G) Zugang zu Museen, Restaurants und vielen Veranstaltungen. Wie Ministerpräsident Winfried Kretschmann sagte, wird Baden-Württemberg die "Alarmstufe" erreichen. Sie greift, wenn die Zahl der Corona-Patienten auf den Intensivstationen am zweiten Werktag in Folge den kritischen Wert von 390 überschreitet. Bislang galt schon die "Warnstufe", die für viele Ungeimpfte Beschränkungen bedeutete.

Hamburg

In Hamburg dürfen Ungeimpfte ab Samstag unter anderem nicht mehr in Bars, Restaurants und Clubs. Das Ende der bisherigen 3G-Regel (geimpft, genesen und negativ getestet) gilt auch für Theater und Kinos. "Wir hoffen, dass damit die Lage in Hamburg sich weiter stabil entwickelt, dass wir gut durch den Winter kommen", sagte Bürgermeister Peter Tschentscher.

Thüringen

Auch Thüringen hat bereits eine 2G-Pflicht für weite Teile des öffentlichen Lebens beschlossen. Die neuen 2G-Regeln sollen noch in dieser Woche von den Kommunen umgesetzt und später in einer Verordnung verankert werden. Zugang zu Gastronomie, Beherbergungsbetrieben und Veranstaltungen haben dann nur noch Geimpfte und Genesene (2G).

Nordrhein-Westfalen

In NRW soll die 2G-Regel flächendeckend für Erwachsene im Freizeitbereich kommen. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst hat sich für möglichst bundesweit einheitliche Zugangsbeschränkungen für Nichtgeimpfte im öffentlichen Leben ausgesprochen. Viele unterschiedliche Details in den Ländern führten nur wieder zur Verunsicherung.

Berlin

Auch Berlin erwägt weitere Verschärfungen der bisherigen Corona-Regeln. Es werde für die nächste Woche vorbereitet, über 2G hinaus die Möglichkeit von 2G+ umzusetzen, sagte der Regierende Bürgermeister Michael Müller. Dies könnte etwa heißen, dass auch Geimpfte und Genesene negative Tests vorgelegen müssten. Erst seit Montag gelten in der Hauptstadt verschärfte Vorgaben in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens.

Auf Bundesebene ist das Regelwerk derzeit äußerst uneinheitlich. Ideen gibt es viele, aber die Situation mit einer abgewählten aber noch geschäftsführenden Regierung im Amt und einer noch verhandelnden Ampelkoalition macht eine Umsetzung offenbar kompliziert.

Bund-Länder-Treffen soll Klarheit schaffen

An diesem Donnerstag wollen die geschäftsführende Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten über eine einheitliche Linie beraten. Zuvor soll der Bundestag am Donnerstag Gesetzespläne der voraussichtlichen Regierungspartner SPD, FDP und Grüne beschließen. Demnach sollen die Länder - nach einem Votum des Landesparlaments - weiterhin Kontakte beschränken und Freizeitveranstaltungen untersagen können. Geplant ist 3G im öffentlichen Nah- und Fernverkehr sowie am Arbeitsplatz. Ausgangs- oder Reisebeschränkungen und Schließungen von Schulen, Läden oder Gaststätten sollen aber nicht mehr möglich sein.

Debatte um Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen

SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz befürwortete eine Debatte über eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen. Eine Einführung sei nur in einem Konsens möglich, "dass viele mitmachen wollen", sagte der geschäftsführende Vizekanzler am Montagabend beim Wirtschaftsgipfel der "Süddeutschen Zeitung". Er fügte hinzu: "Wenn der erreicht ist, fände ich das gut."

SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil sagte bei RTL/ntv: "Wir werden in den nächsten Wochen schauen, ob wir eine Impfpflicht auf den Weg bringen oder nicht." Diese Diskussion solle als künftige Koalition und gesellschaftlich geführt werden. Auch die Grünen hatten angekündigt, die Ampel-Parteien wollten über eine Impfpflicht etwa für Beschäftigte in Pflegeheimen sprechen. FDP-Fraktionsvize Michael Theurer sagte im ZDF, er persönlich könne sich eine Pflicht für bestimmte Berufsgruppen "durchaus vorstellen".

Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) lehnt eine solche Impfpflicht ab, wie die Vorsitzende Maike Finnern dem Redaktionsnetzwerk Deutschland am Dienstag sagte. AfD-Fraktionschefin Alice Weidel kritisierte die Ampel-Pläne für Beschränkungen. "Statt den Bürgern wieder die Eigenverantwortung zurückzugeben, greifen auch Rot-Grün-Gelb zu überzogenen Maßnahmen, wie willkürliche Kontaktbeschränkungen und eine Impfpflicht durch die Hintertür", sagte sie nach Angaben eines Sprechers.

Kekulé: 2G-Regel ist keine Lösung

Auch die flächendeckende Umsetzung von 2G-Regelungen oder die Idee eines generellen Lockdowns für Ungeimpfte, wie er in Österreich seit Wochenbeginn gilt, findet Kritik. So bezeichnete der Virologe Alexander Kekulé solche drastische Maßnahmen als nicht wirksam im Kampf gegen die vierte Welle. Im Interview bei RTL/n-tv sagte Kekulé: "Dieses sogenannte 2G-Modell ist ja Teil des Problems und nicht Teil der Lösung. [...] Auch die Geimpften und die Genesenen infizieren sich zu einem erheblichen Teil. Dadurch haben wir eine unsichtbare Welle. Genauso ist es auch in Österreich, und deshalb ist das der falsche Weg, dieses Konzept jetzt noch zu verstärken."

Auch die Geimpften und die Genesenen infizieren sich zu einem erheblichen Teil. Dadurch haben wir eine unsichtbare Welle.

Alexander Kekulé | Virologe

Kekulé fordert, die Kontakte insgesamt zu reduzieren zum Beispiel mit soviel Homeoffice wie möglich und einer Obergrenze für 2G-Veranstaltungen. Ab 50 bis 100 Personen könnten dann wieder Maskenpflicht und Abstandsregeln greifen.

Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL RADIO | 16. November 2021 | 14:00 Uhr

Mehr aus Panorama

Viele Rettungsssanitäter bei einer Übung mit vielen Verletzten auf einer Wiese 1 min
Azubis der Johanniter trainieren für den Ernstfall Bildrechte: MDR

Mehr aus Deutschland