Regionale Impfquoten Warum Impfdaten in den Landkreisen kaum ausgewertet werden

In Mitteldeutschland liegt die Impfquote besonders niedrig. Auf einige Regionen könnten im Herbst und Winter deshalb besonders hohe Infektionszahlen zukommen. Allerdings: Wie viele Menschen genau in den einzelnen Landkreisen geimpft sind, ist zumindest in zwei Bundesländern nicht bekannt.

Ein Arzt füllt im Impfzentrum der Landeshauptstadt, das sich in einer Halle der Messe Magdeburg im Elbauenpark befindet, mit einem Senior einen Fragebogen aus, bevor eine Impfung gegen das Coronavirus verabreicht wird.
Vor allem im Winter und Frühling wurde in den Impfzentren immunisiert – viele Menschen fuhren deshalb zum Impfen in anderen Landkreise. Bildrechte: dpa

Auch wenn die Inzidenz zuletzt stagnierte, in den Wochen davor stieg sie kontinuierlich. Virologe Christian Drosten warnte kürzlich sogar vor neuen Kontaktbeschränkungen im Herbst und mahnte dringend eine steigende Impfquote an. Und der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Marco Wanderwitz (CDU), warnte vor steigenden Infektionszahlen im Osten und ähnlich dramatischen Verhältnissen wie im vergangenen Herbst. Als Grund dafür nannte der die vergleichsweise hohe Zahl an Ungeimpften in Ostdeutschland.

Tatsächlich hinkt vor allem Mitteldeutschland bei der Impfquote hinterher. Laut RKI (Zahlen vom 14.9.) lag Sachsen bei den vollständig Geimpften – gezählt werden dort alle doppelt Geimpften – bundesweit an letzter Stelle (Impfquote 53,1 Prozent). Auch bei den einfach Geimpften (Impfquote 56,4 Prozent) liegt Sachsen auf dem letzten Platz. In Thüringen und Sachsen-Anhalt sieht es zwar etwas besser aus – aber auch dort ist die Impfquote niedrig.

Landkreise: Daten nur unzureichend ausgewertet

Um der Impfkampagne wieder mehr Schwung zu verleihen, läuft seit Montag (13. September) eine bundesweite Aktionswoche. Dennoch bleibt ein Problem: Bisher ist gar nicht genau bekannt, wie hoch die Impfquoten in den jeweiligen Landkreisen sind – wo also bisher besonders viele oder eben besonders wenig Menschen immunisiert sind. Zielgenaue Angebote könnten so schwierig bleiben.

Zwar veröffentlichen RKI und die einzelnen Bundesländer Daten zu den Impfquoten für Deutschland sowie die jeweiligen Bundesländer und Landkreise. Allerdings beziehen sich diese auf den jeweiligen Impfort – also etwa ein Impfzentrum oder eine Arztpraxis. Gerade im Winter und Frühling fand aber der überwiegende Teil der Immunisierungen in den Impfzentren statt. Dafür fuhren viele Menschen etwa aus Leipzig in einen anderen Kreis – und tauchen seitdem als geimpfte Person in eben diesem Kreis auf. Aufschluss darüber, wie viele Menschen in einem Landkreis wirklich immunisiert sind, geben diese Daten nicht.

Thüringen geht anderen Weg

Auf der Internetseite der sächsischen Regierung zum Coronavirus heißt es bei der betreffenden Statistik etwa: "Bitte unbedingt beachten: Die Impfungen beziehen sich auf die Impforte im Landkreis bzw. in der Kreisfreien Stadt, nicht auf den Wohnort des Geimpften. Eine valide Aussage über die Durchimpfung der Bevölkerung in einem bestimmten Landkreis ist damit nicht möglich."

In Sachsen-Anhalt findet sich bei der betreffenden Statistik gar kein solcher Hinweis. Einen anderen Weg geht Thüringen: Dort versucht die Kassenärztliche Vereinigung (KVT), bei den regionalen Impfquoten stärker den Wohnort der Geimpften zu berücksichtigen. Genutzt werden dafür die anonymisierten Daten aus dem Buchungssystem der Impfzentren und -stellen, die in Thüringen von der Kassenärztlichen Vereinigung betrieben werden.

Bei Impfungen bei den niedergelassenen Ärzten wiederum fließt – wie in den anderen Bundesländern – nur der Impfort in die Statistik ein. Die KVT räumt ein, dass es dadurch "zu leichten Unschärfen" kommen könne, falls etwa ein Patient einer Praxis in einem anderen Landkreis wohne. "Dies ist aufgrund der Meldeform zu Covid-19-Impfungen jedoch die genaueste Möglichkeit der Erhebung lokaler Daten", heißt es weiter.

Ärzte melden Wohnort-Daten nur jedes Vierteljahr

Doch warum werden zumindest die Daten der Impfzentren nicht auch in Sachsen und Sachsen-Anhalt nach Wohnort ausgewiesen? Das Sozialministerium in Sachsen-Anhalt verweist auf MDR-Anfrage darauf, dass die Daten vom RKI zugeliefert würden. Schreibt aber, dass derzeit an einer neuen Eindämmungsverordung für das Bundesland gearbeitet werde. Und: "Die Impfquote hat einen direkten Einfluss auf alle weiteren Parameter zur Bewertung des Pandemiegeschehens, da diese sowohl mit der Anzahl der Neuinfektionen als auch mit den später verfügbaren intensivmedizinischen Behandlungskapazitäten korrelieren."

Das Sozialministerium in Dresden wiederum verweist darauf, dass man sich bundeseinheitlich darauf geeinigt habe, die Daten nach Impfort zu verwenden, "da diese einheitlich und zeitnah verfügbar sind – im Gegensatz zu den Daten, die quartalsweise erhoben werden und somit mit zeitlichem Verzug vorliegen." Weiterhin sei zu beachten, dass die Impfzentren Ende September schließen und die überwiegende Anzahl der Impfungen bereits jetzt den Ärzten erfolgen würden.

Ähnlich sieht es das RKI: Die Impfquoten nach Wohnort seien für Impfungen im Impfzentrum zwar verfügbar, nicht aber für Impfungen bei niedergelassenen Ärzten. "Da inzwischen – bundesweit betrachtet – die meisten Impfungen bei niedergelassenen Ärzten stattfinden, wären die Wohnort-Daten nicht aussagekräftig und werden vom RKI daher nicht ausgewiesen." Heißt also: Die Daten wären teilweise vorhanden, werden aber nicht ausgewertet. Bei den niedergelassenen Ärzten wiederum werden die Daten nur quartalsweise ausgewiesen – für eine aktuelle Einschätzung der Pandemielage also viel zu spät.

Gesundheitsministerium: Regionale Impfquote nur ein Indikator

Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) sieht darin allerdings kein Problem – obwohl in der erst am Freitag vom Bundesrat beschlossenen Neufassung des Infektionsschutzgesetzes explizit auf die regionale Impfquote bei der Bewertung des Infektionsgeschehens eingegangen wird. Indikatoren mit Landkreisbezug könnten die Situation vor Ort am genausten abbilden, schreibt das BMG dem MDR.

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Dennoch sei es insbesondere bei Lockerungen oder Verschärfungen von Schutzmaßnahmen zentral, die Lage auf Bundes- oder zumindest auf Bundesland-Ebene ebenfalls zu berücksichtigen. So könne auch eine nicht-regionale Impfquote als Grundlage für Entscheidungen genutzt werden. Und: Für die Bewertung des Infektionsgeschehens sei die Nutzung eines einzelnen Indikators nicht ausreichend, heißt es vom BMG.

Kritik von den Grünen: "Eklatantes Defizit"

Janosch Dahmen (Bündnis 90/Die Grünen) während einer Sitzung des deutschen Bundestags
Janosch Dahmen (Bündnis 90/Die Grünen) sieht ein "eklatantes Defizit". Bildrechte: IMAGO / Christian Spicker

Kritik am derzeitigen Vorgehen kommt hingegen vom Grünen-Bundestagsabgeordneten Janosch Dahmen: "Dass nur die Impforte tagesaktuell erfasst werden und wir deshalb keine genauen regionalen Impfdaten haben, ist ein eklatantes Defizit. Denn ganz entscheidend ist, dass ich weiß, wo Menschen sind, die bisher überproportional nicht mit der Impfkampagne erreicht worden sind", sagte Dahmen, der auch Mitglied im Gesundheitsausschuss ist, dem MDR. "Ich habe das immer wieder im Gesundheitsausschuss gegenüber Gesundheitsminister Jens Spahn angemerkt in Hoffnung, dass zumindest die Erfassungsvorgaben für die Ärzte angepasst werden."

Bisher müssten diese tagesaktuell nur melden, ob die Geimpften über oder unter 60 Jahre sind. Besser wäre es laut Dahmen, noch Geburtsdatum und Postleitzahl zu melden. "Dann hätte man zwei einfach anzugebende Informationen, mit der sich die Steuerfähigkeit der Impfkampagne erheblich verbessern ließe", sagte er. Zu einem echten Lagebild würde zudem ein guter Überblick gehören. Wenn die Daten schon nicht umfassend erhoben werden, sollten nun repräsentative Studien durchgeführt werden, um herauszufinden, wo genau der größte Teil der ungeschützten Menschen zu finden sei.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 09. September 2021 | 13:00 Uhr

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