Modellsimulation von Epidemiologe Scheitelpunkt der vierten Welle noch nicht erreicht

Markus Scholz ist Professor am Institut für Medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie der Uni Leipzig. Er erstellt Modelle zum Verlauf von SARS-CoV-2 und betrachtet die aktuelle vierte Welle mit großer Sorge. Warum es sehr schwer werden wird, sie in den Griff zu bekommen, warum der Scheitelpunkt längst noch nicht in Sicht ist, wann eine Durchseuchung erreicht sein könnte und welchen Einfluss die "monatelange Untätigkeit der Politik" dabei hat, erklärt Scholz im Interview.

Das Buzzword der Zeit war "Social Distancing", also Abstand zwischen Personen bewahren. Die Illustration zeigt etwa 20 Personen, die sich an diese Regeln halten.
Mithilfe von Modellrechnungen können Epidemiologen den weiteren möglichen Verlauf der Corona-Pandemie berechnen. Bildrechte: dpa

In der laufenden, mittlerweile vierten Corona-Infektionswelle infizieren sich täglich Zehntausende. Anfang dieser Woche wurden bundesweit erstmals mehr als 65.000 Neuinfizierte innerhalb eines Tages gemeldet. Ist der Scheitelpunkt der Welle damit erreicht? Oder erwarten uns noch höhere Infektionszahlen?

Markus Scholz: Da die Replikationszahl (wie viele Menschen im Schnitt durch einen Menschen angesteckt werden Anm. d. R.) noch deutlich über 1 liegt, ist mit weiter steigenden Infektionszahlen zu rechnen. Auf Basis von Modellsimulationen erwarten wir den Scheitelpunkt der Welle erst Ende Dezember. Nicht berücksichtigt sind dabei mögliche neue Einschränkungen, eine Beschleunigung der Boosterimpfungen sowie weitere Abnahmen in der Wirkung der Zweitimpfungen.

Ist ein Ende der Pandemie überhaupt absehbar? Welche Faktoren spielen hierbei die größte Rolle?

Scholz: Es wird nicht möglich sein, das Virus ganz auszurotten, da der Schutz vor erneuter Ansteckung nach Impfung oder Infektion nachlässt. Das Virus zeigt zudem eine starke Saisonalität, so dass jährliche Auffrischungsimpfungen im Herbst z.B. zusammen mit den saisonalen Grippeimpfungen notwendig sein könnten, um hohe Infektionszahlen im Winter zu vermeiden. Auf diese Art wird das Problem perspektivisch beherrschbar.

Dass die aktuelle Welle noch einmal sehr heftig werden würde, hatten wir bereits im Juli prognostiziert. Gründe hierfür sind die niedrige Impfquote – vor allem bei Kindern und Jugendlichen, die fehlenden Boosterimpfungen und die bisher geringe Durchseuchung der Bevölkerung. Im Zusammenspiel mit den weitgehenden Lockerungen und der monatelangen Untätigkeit der Politik gegenüber der sich aufbauenden Welle ergibt sich die jetzt katastrophale Situation.

Zudem wurden in den letzten Monaten auch noch wichtige Mittel im Kampf gegen die Pandemie wie die aufgebaute Infrastruktur hinsichtlich Schnelltests und Impfungen verspielt und nun auch noch das wichtige Instrument der epidemischen Notlage nationaler Tragweite aus der Hand gegeben, sodass es jetzt voraussichtlich sehr schwer wird, das Problem wieder in den Griff zu bekommen.

Die drei mitteldeutschen Länder haben – abgesehen von Bayern – bundesweit die höchsten Inzidenzen, in mehreren Landkreisen liegt die Inzidenz bereits bei weit über 1.000. Müsste damit nicht in absehbarer Zeit eine Durchseuchung erreicht sein?

Scholz: Aktuell waren ca. 15 Prozent der Bevölkerung bereits infiziert, wenn man von einer Dunkelziffer 2 ausgeht. Weitere 70 Prozent sind geimpft, wobei es hier Überschneidungen mit der Dunkelziffer gibt. Bei Inzidenzen um die 1.000 würde jede Woche ein weiteres Prozent Infizierte dazukommen. Aber auch hier gibt es Überschneidungen mit den Geimpften. Nach unseren Modellsimulationen könnte eine weitgehende Durchseuchung innerhalb des nächsten halben Jahres zu erwarten sein, wenn keine Maßnahmen ergriffen werden.

Nach unseren Modellsimulationen könnte eine weitgehende Durchseuchung innerhalb des nächsten halben Jahres zu erwarten sein, wenn keine Maßnahmen ergriffen werden.

Markus Scholz Epidemiologe zu Lage in Mitteldeutschland

Sachsen hat am Freitagabend verschärfte Corona-Maßnahmen für alle bis 15.12. bekannt gegeben. Könnte das der "Wellenbrecher" im Freistaat sein?

Scholz: Kontakteinschränkungen sind überfällig, da eine Überlastungssituation in den Krankenhäusern bereits erreicht ist. Es wird jedoch sehr schwer, wieder von den hohen Zahlen herunterzukommen. In drei Wochen würde man einen deutlichen Effekt nur durch einen totalen Lockdown erreichen können.

Sie beraten die sächsische Regierung bezüglich neuer Corona-Schutzmaßnahmen. Wie wichtig sind Modelle zum Verlauf der Corona-Pandemie für die politische Entscheidungsfindung?

Wir teilen unsere Erkenntnisse zwar der sächsischen Regierung mit, inwiefern diese aber die politische Entscheidungsfindung beeinflussen, kann ich nicht sagen. Fakt ist, dass wir vor einer möglichen neuen schweren Welle bereits in unserem Juli-Bulletin gewarnt haben. Unsere Modellprognose vom September ist zudem ziemlich genau eingetroffen.

Wie genau kann man anhand der vorhandenen Daten den Verlauf der Pandemie vorhersagen oder berechnen? Welche Schwächen gibt es mitunter bei infektionsepidemiologischen Modellen?

Längerfristige Vorhersagen können mittels mathematischer Modelle zu Kontakten, Ansteckungen und Wirkungen von Maßnahmen getroffen werden. Diese stellen jedoch immer Vereinfachungen der Realität dar.

Wesentlicher Schwachpunkt ist die ungenaue Datenlage, etwa zur Anzahl tatsächlich Infizierter inklusive Dunkelziffer. Unsicherheiten bestehen zudem bezüglich der Abnahme des Impfschutzes. Auch die Wirksamkeit einiger Maßnahmen ist nicht genau bekannt. Wir kennen zum Beispiel mittlerweile sehr gut den Effekt von Großveranstaltungen, Schulschließungen und den saisonalen Effekt, aber können im Moment keine Aussage darüber treffen, welchen Unterschied 3G vs. 2G vs. 2G+ hinsichtlich der Infektionsdynamik machen würde. Da sich die Maßnahmen regelmäßig ändern, können Modellprognosen nur bezüglich bestimmter Szenarien (z.B. zur Entwicklung der Impfungen oder Kontaktbeschränkungen) durchgeführt werden. Man kann deshalb nicht erwarten, dass eine Modellprognose exakt eintrifft. Die aktuelle Welle vorauszusehen war jedoch sehr einfach, da seit Monaten keine wesentlichen eindämmenden Maßnahmen erfolgten.

Markus Scholz Professor Markus Scholz vom Institut für Medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie der Leipziger Uni forscht zu infektionsepidemiologischen Modellen von Erkrankungen. Für SARS-CoV-2 hat er ein eigenes Modell aufgesetzt, das er fortlaufend mit den Daten des sächsischen Sozialministeriums, des Robert Koch-Institutes und weiterer Quellen anpasst.

Quelle: MDR AKTUELL, iho

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 19. November 2021 | 19:30 Uhr

Mehr aus Panorama

Mehr aus Deutschland