Erste Therapieerfolge Medikament gegen Long Covid vor dem Durchbruch?

Erste Heilerfolge gibt es bereits, doch eine Studie zu dem Medikament, das Long Covid-Patienten helfen könnte, steht noch aus. Es handelt sich um ein Präparat, das zur Heilung von Herzkrankheiten entwickelt wurde. Doch wie kamen die Forscher darauf, dass es auch bei Long Covid helfen könnte? Wir erklären es.

Mann reibt sich die Augen
Wenn alles gut läuft, könnte es noch dieses Jahr eine Studie zu dem Medikament geben, das Long Covid-Patienten helfen könnte. Bildrechte: Colourbox.de

Jeden zehnten Corona-Patienten trifft es schätzungsweise: Rund 400.000 Menschen leiden aktuell schätzungsweise in Deutschland unter Langzeitfolgen einer COVID-19-Erkrankung. Verschiedene Organe können durch das Virus beeinträchtigt sein, die Symptome sind vielfältig. Über 200 wurden bereits von Patienten beschrieben, sagte Professor Hubert Wirtz, leitender Lungenfacharzt in der Post-COVID Ambulanz am Universitätsklinikum Leipzig, in der MDR-Sendung "Hauptsache Gesund". Die meisten Betroffenen haben mit chronischer Müdigkeit und Abgeschlagenheit, bekannt als Erschöpfungssyndrom Fatigue, zu kämpfen. Doch noch immer werden sie mit ihrer Leidensgeschichte oft nicht ernst genommen, sei es privat, sei es von medizinischem Personal.

Hoffnungen liegen auf einem Herzmedikament

"Weltweit erster Heilversuch eines Patienten mit Long-COVID-Syndrom an Erlanger Augenklinik erfolgreich durchgeführt", erklärte das Universitätsklinikum Erlangen Anfang Juli in einer Pressemitteilung. Ein 59-Jähriger mit Long-Covid-Syndrom sei in der dortigen Augenklinik individuell mit einem Herzmedikament behandelt worden, das ihm über drei Tage per Infusion verabreicht wurde. Seine Beschwerden seien innerhalb weniger Stunden merklich zurückgegangen. Der Erfolg sei zurückzuführen auf den Wirkstoff BC 007.

Erster Heilerfolg im Juli veröffentlicht

Das Medikament kam bei dem 59-Jährigen zum Einsatz, weil das Uniklinikum zuvor in einer Studie (Name: ReCOVer) mit weiteren Kliniken zu dem Ergebnis gekommen war, dass auch mehrere Monate nach einer Corona-Erkrankung die Durchblutung der Augen beeinträchtigt sein kann. Die Mediziner der Erlanger Augenklinik gingen davon aus, dass diese Veränderung als "beispielhaft für den gesamten Körper gesehen werden kann".

Im Blut von ehemaligen Corona-Patienten wurden Eiweißstoffe entdeckt, die auch bei einer Glaukom-Erkrankung (Grüner Star) nachweisbar sind. Genauer: Autoantikörper gegen G-Protein-gekoppelte Rezeptoren. Autoantikörper bekämpfen die körpereigene Immunabwehr. Die Durchblutung der Kapillaren habe sich bei dem 59-jährigen Patienten, der seit Jahren an einem Glaukom litt, "deutlich verbessert", so die Erlanger Ärzte. Es sei davon auszugehen, "dass die Long-COVID-Beschwerden des Patienten dank der verbesserten Durchblutung verschwunden sind". Das Medikament war ursprünglich zur Behandlung einer schweren Herzerkrankung entwickelt worden.

Heilerfolge bei zwei weiteren Patienten verkündet

Vor wenigen Tagen, am 25. August, erklärten die Erlanger Ärzte, zwei weitere Patienten mit Long Covid-Syndrom mit dem Wirkstoff BC 007 geheilt zu haben: einen 51-jährigen Mann und eine 39-jährige Frau. Beide erhielten dem Bericht zufolge jeweils eine 75-minütige Infusion und wurden drei Tage stationär überwacht. Auch bei ihnen hätten sich die Beschwerden schnell und stark minimiert. "Die verbesserte Leistungsfähigkeit und Lebensqualität ist bei beiden Betroffenen deutlich spür- und messbar", heißt es in der Pressemeldung. Beide seien weiter unter ärztlicher Kontrolle. Der zuerst behandelte 59-Jährige habe derzeit gar keine Beschwerden mehr.

Studie noch in diesem Jahr?

Nach einem inzwischen vierten durchgeführten Heilversuch sind keine weiteren mehr geplant. "Jetzt wird es keine weiteren Heilversuche bei Patientinnen oder Patienten mit Long COVID mit dem Medikament BC 007 mehr geben. Wir haben beim Bundesministerium für Bildung und Forschung einen Antrag auf Fördergelder gestellt und hoffen, dass er bewilligt wird. Dann könnten wir vielleicht noch dieses Jahr mit einer klinischen Studie starten", sagt Prof. Dr. Christian Mardin, der leitende Oberarzt der Augenklinik. Betroffene können sich für die Studie anmelden. Wer dafür ausgewählt wird, wird dann von den Forschern über den Start informiert.

Prof. Dr. Andreas Stallmach, Klinikdirektor Innere Medizin, Universität Jena 10 min
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Professor Andreas Stallmach leitet die in Thüringen einzigartige Post Covid-Ambulanz am Uniklinikum Jena. Im Interview erklärt er, die besonderen Herausforderungen bei der Covid-Nachsorge.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Mo 11.01.2021 15:21Uhr 10:04 min

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MDR-Reportage gibt an Long Covid-Leidenden ein Gesicht

In "Long COVID – Leiden unter Langzeitfolgen" sprechen Patienten offen über ihr Leben nach Corona und mit Long-Covid-Symptomen: unter anderem ein Leistungssportler, dem nun jegliche Kraft fehlt und eine an COVID-19 erkrankte Ärztin, die von ihren Kollegen und Kolleginnen belächelt wurde, wenn sie von ihren Beschwerden sprach.

Die Reportage des MDR-Gesundheitsmagazins "Hauptsache Gesund" blickt auch in die Post-COVID-Ambulanz am Universitätsklinikum Jena und zeigt, wie den Betroffenen dort geholfen wird. Dort arbeiten unter Leitung von Prof. Dr. Andreas Stallmach Experten unterschiedlicher Fachrichtungen zusammen, um für jeden einzelnen Patienten ein individuell zugeschnittenes Therapiekonzept zu erstellen.

Mediatheks-Tipp Die MDR-Reportage "Long COVID – Leiden unter Langzeitfolgen" ist ab 16. September ein Jahr lang in der ARD-Mediathek zu sehen.

Quelle: MDR Hauptsache Gesund

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