Corona-Langzeitfolgen Braucht Mitteldeutschland mehr Long-Covid-Ambulanzen?

Konzentrationsstörungen, Luftnot, ständige Erschöpfung: Von monatelangen Wartezeiten berichten Menschen, die nach einer Coronainfektion immer noch unter Beschwerden leiden und sich deshalb in einer Long-Covid-Ambulanz vorstellen wollen. Die Initiative "Long Covid Deutschland" fordert nun flächendeckende Ambulanzen zur Akut- und Nachbetreuung für alle Betroffenen. Eine sinnvolle Forderung?

Patientin bei einer Untersuchung.
Für Behandlung von Long-Covid-Patienten gibt es bisher nur eine begrenzte Zahl an Anlaufstellen. Bildrechte: imago images/Hans Lucas

Long Covid – die Infektion ist überstanden, aber gesund fühlen sich danach längst nicht alle. Auch Robert Brocke hat es erwischt. Fünf Tage lang war er in der Klinik, musste mit Sauerstoff versorgt werden. Probleme hat er bis heute: "Dass ich nicht volle Leistung bringen kann. Also ich merke das jetzt auf Arbeit, dass die Energie, die ich aufgebaut habe, sechs Stunden reicht."

Ein halbes Jahr Wartezeit bei Long-Covid-Ambulanzen

Andreas Stallmach geht nach aktuellen Studien davon aus, dass etwa zehn bis 15 Prozent der Genesenen unter dem Long-Covid-Syndrom leiden. Stallmach, Professor für Innere Medizin an der Uni Jena, war vor mehr als einem Jahr daran beteiligt, eine der ersten Long-Covid-Ambulanzen in Deutschland aufzubauen. Wer jetzt einen Termin haben wolle, müsse sich bis Dezember/Januar gedulden. Daher könne er einerseits den Wunsch nach mehr Ambulanzen nachvollziehen.

Und andererseits? "Auf der anderen Seite ist aber auch wichtig, dass in den Anlaufstellen eine Kompetenz vorhanden ist. Das heißt, die Kolleginnen und Kollegen müssen über eine Sachkompetenz verfügen, um dem Patienten auch gerecht zu werden." Die Lösung sieht Stallmach in den Hausarztpraxen. Einige Patienten legten einen bis zu vierstündigen Anreiseweg bis in die Jenaer Ambulanz zurück. "Das drückt aus, dass wir eine Struktur brauchen, die über die Fläche Ansprechstellen für Patienten garantiert und dann, wenn spezielle Probleme auftreten, die Patienten Spezialisten aufsuchen können. Und in der Fläche Ansprechstellen zur Verfügung zu stellen, das ist das Hausarztnetz."

Höherer Bedarf an Ambulanzen im ländlichen Raum

Auch sein Kollege von der Uni Leipzig, der Professor für Kardiologie Ulrich Laufs, setzt in Sachen Long Covid auf das Prinzip: erstmal in die Hausarztpraxis. Erst, wenn man dort nicht weiterkomme, solle der Patient in die Spezialambulanz überwiesen werden. Dieses System werde besser, je mehr Erkenntnisse an den Unikliniken gesammelt würden. Er wirbt eindringlich für klinische Forschung: "Dass möglichst alles, was wir tun, jetzt auch so getan wird, dass wir es wissenschaftlich auswerten können, damit wir uns dann eben von dieser Übergangszeit in die stabile Versorgung bewegen können."

Wissenschaft und Forschung seien ohne Frage wichtig – trotzdem müsse jetzt auch an die Versorgung der Patientinnen und Patienten außerhalb der Uniklinik-Städte gedacht werden. Daher geht Friedrich München, Vize-Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Sachsen, davon aus, dass weitere Long-Covid-Ambulanzen entstehen werden. "Also einen Bedarf sehen wir schon, aber der ist sicher nicht nur gegeben in den großen Städten, sondern auch im ländlichen Raum."

Finanzierung der Ambulanzen bislang ungeklärt

Gemäß der angesprochenen zehn Prozent geht Friedrich München von etwa 28.000 Long-Covid-Patienten aus – allein in Sachsen. Doch auch er sieht den Punkt Personal als limitierenden Faktor für ein enges regionales Ambulanz-Netz: "Also man hat dann einen Facharzt der Inneren, Neurologen, Psychiater. Also man braucht da schon einen gewissen fachlichen Hintergrund, auch fachliche Expertise, um das anbieten zu können."

Eine weitere offene Frage ist die Finanzierung. "Da bräuchte man eine belastbare Rechtsgrundlage, um solche fächerübergreifenden Ambulanzen auch angemessen finanzieren zu können. Also derzeit gibt es keine belastbare Finanzierungsgrundlage für die Krankenhäuser." Dafür müsse auf Bundesebene ein neues Gesetz her.

Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 11. August 2021 | 06:00 Uhr

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