Coronavirus Ärzte fordern härteres Durchgreifen gegen Hass im Netz

Die österreichische Ärztin Lisa-Maria Kellermayr hatte in den sozialen Medien über das Coronavirus und die Impfungen dagegen aufgeklärt. Pandemie-Leugner und Impfgegner haben sie deswegen viele Monate lang bedroht. Vergangene Woche beging die Ärztin Suizid. Nun fordern viele Kolleginnen und Kollegen erneut härtere Konsequenzen für Hass im Netz.

Auf dem Bildschirm eines Smartphones sieht man die Hashtags (#) Hass und Hetze in einem Twitter-Post.
Seit der Pandemie wurden viele Ärztinnen und Ärzte, die beispielsweise gegen Corona geimpft haben, im Internet bedroht. Bildrechte: dpa

Sieben Jahre lang hat Natalie Grams-Nobmann täglich in den sozialen Medien über Medizin-Themen aufgeklärt, auch übers Impfen. Seit dieser Woche ist damit Schluss. Ihren Account bei Twitter hat die Medizinerin und Autorin gelöscht. Anlass war der Tod ihrer österreichischen Kollegin Lisa-Maria Kellermayr.

Grams-Nobmann habe das sehr betroffen und erschreckt: "Ich ertrage es nicht mehr in diese Hölle zu blicken, wie Menschen wirklich den Suizid eines Menschen regelrecht feiern. Ich habe nicht gewusst, wie ich damit umgehen soll und natürlich hat mir das auch Angst gemacht. Ich denke, mein Tod würde genauso gefeiert werden und das finde ich einfach menschlich furchtbar erschreckend."

Auch sie habe über die Jahre unzählige Formen von Hass erlebt, sagt Grams-Nobmann. Beleidigungen, Verleumdungen, Bedrohungen. Ihre Vorträge fanden teils unter Polizeischutz statt. Dabei hat sie schon seit Jahren dafür gesorgt, dass man keine Telefonnummern, Mail-Kontakte oder Adressen von ihr finden kann: "Man kommt quasi nicht an mich heran. Und wie muss das für die Kolleginnen und Kollegen sein, die die Möglichkeit mit einer Praxis und einer Niederlassung oder auch in der Klinik nicht haben? Das ist teilweise, denke ich, wirklich eine lebensbedrohliche Angst, die man da aushalten muss", erzählt Grams-Nobmann.

Drohungen und Hass gegenüber Ärzten

Auch Erik Bodendieck, Präsident der Sächsischen Landesärztekammer, blickt mit Sorge auf diese Entwicklung. Die Sitten würden immer rauer, sagt er. Auch er hat bereits Drohungen erhalten: "Natürlich sind da E-Mails gekommen, wo drinsteht, dass ich auf der Erschießungsliste stehe und Ähnliches." Er mache sich aber viel mehr Sorgen um sein Personal und um seine Familie, erzählt Bodendieck. Ähnliches höre er allerorten von Kolleginnen und Kollegen.

So teilt auch die Kassenärztliche Vereinigung Thüringen auf Anfrage von MDR AKTUELL schriftlich mit: "Gerade in den Hochphasen der Impfkampagne wurden Impfärztinnen und -ärzte auch in Thüringen Opfer von Anfeindungen und Drohungen."

Von der Ärztekammer Sachsen-Anhalt heißt es ebenfalls, man nehme ein zunehmend raues Klima wahr, könne das aber nicht an Zahlen festmachen. Das deckt sich mit einer Mitteilung des Bundeskriminalamts: Es gebe in der Statistik keine Auswertung nach Berufsgruppen wie etwa Ärztinnen und Ärzte.

Kritik an Strafverfolgung und Plattformen

Sachsens Ärztekammer-Präsident Bodendieck ist enttäuscht von Politik und Strafverfolgung. Man habe vieles zur Anzeige gebracht, meist ohne Erfolg: "Auf der einen Seite ist die Strafverfolgung entweder überfordert oder nicht gewillt, solchen Anzeigen nachzugehen." Es habe eine sehr lasche Strafverfolgung gegeben vonseiten der Behörden, beklagt Bodendieck. "Das muss ich an dieser Stelle in der Tat so anmerken. Wir haben als Landesärztekammer wenig Unterstützung bekommen."

Diese Erfahrungen hat auch Natalie Grams-Nobmann in den sozialen Medien gemacht. Beschwerden bei Plattformen und Anzeigen bei der Polizei liefen oft ins Leere. Das müsse sich ändern, fordert Grams-Nobmann. Schließlich sei das Internet kein rechtsfreier Raum.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Das Nachrichtenradio | 03. August 2022 | 06:00 Uhr

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