Hörer machen Programm Warum investiert Deutschland nicht in Forschungen zur kalten Kernfusion?

Lydia Jakobi, Autorin und Reporterin
Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Wenn es um die Frage geht, nach der Ära der Kohle genug Energie zu erzeugen, schaut mancher Forscher sehnsüchtig in die Sterne, wo Atomkerne miteinander verschmelzen und Unmengen Wärme freisetzen. Wenn das bei Zimmertemperatur gelänge, ohne immense Energiezufuhr, ohne CO2-Ausstoß, wäre ein Problem der Menschheit gelöst. MDR AKTUELL-Hörer Thomas Lützow fragt, warum Deutschland nicht in Forschungen zur sogenannten kalten Fusion investiert?

23. März 1989: In einem rot verhangenen Saal des Campus von Salt Lake City haben sich zahlreiche Journalisten versammelt. Die Universität von Utah will eine Sensation verkünden.

Den beiden Chemikern Stanley Pons und Martin Fleischman soll es gelungen sein, Wasserstoffkerne zu Helium zu verschmelzen. Ohne besonderen Energieeinsatz – aber mit großem Energiegewinn: "Bei diesem Prozess gibt es eine beträchtliche Energiefreisetzung und wir haben gezeigt, dass diese von alleine aufrechterhalten werden kann. Es kommt viel mehr Energie raus, als wir reingesteckt haben", erklärt Pons.

Das, was Pons 1989 beschrieb, ging als kalte Fusion in die Wissenschaftsgeschichte ein. Später beschrieb man das Phänomen etwas vorsichtiger als "Low Energy Nuclear Reaction" (LENR) – bzw. als bislang unbekannte Kernreaktion. Während eigentlich hoher Druck und Temperaturen, wie sie nur im Inneren von Sternen vorherrschen, nötig sind, um Atomkerne zu verschmelzen, sollte die Kernfusion nun mit einer simplen Apparatur gelingen.

Experiment konnte nie wiederholt werden

Doch keines der internationalen Forscherteams konnte den Effekt reproduzieren. Matthias Englert, Nuklearforscher beim Öko-Institut: "Bei den Experimenten hat man einen Energiegewinn gesehen in der Reaktion und man konnte sich diesen Energiegewinn, der sich in Wärmeentwicklung ausgedrückt hat, nur erklären, indem man angenommen hat, dass da zwei Atomkerne in dem Experimentalaufbau verschmolzen wurden. Aber diese Experimente konnten nicht wiederholt werden und dann kann man natürlich auch daraus keine Maschine bauen."

Für das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik führte Hans Stephan Bosch in den 90er-Jahren Experimente zur LENR-Theorie durch: "Es war nur leider nichts dran. Es ist auch heute noch nichts dran. Es kamen dann viele Leute auf die Idee, das zu versuchen und plötzlich entstand eine ganze Kultur von Leuten, die was gefunden hatten. Die meisten haben es widerrufen und eigentlich ist das ganze Gebiet ziemlich tot."

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Forschungsinteresse heute: heiße Kernfusion

2019 veröffentlichte eine von Google zusammengestellte Forschergruppe nochmal neue Ergebnisse. Beweise für die kalte Kernfusion hätten sie nicht gefunden, schrieben sie, plädierten aber für weitere Experimente. Doch die Gelder fließen größtenteils woanders hin: in die heiße Fusion.

So leitet auch Hans-Stephan Bosch inzwischen eine Experimentieranlage zur Kernfusionstechnik in Greifswald: "Um solche Kerne zu fusionieren, müssen sie mit hoher Energie zusammenstoßen. Deswegen brauchen wir diese großen Fusionsapparaturen, um heiße Gase oder Plasmen zu machen, in denen die Kerne dann so schnell sind, dass sie trotz der Abstoßung fusionieren können."

Die weltweit größte Anlage dieser Art entsteht derzeit übrigens in Frankreich. Sie soll zeigen, dass mit Kernfusion womöglich klimaneutrale Energie entstehen kann.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 28. September 2021 | 06:23 Uhr

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