Streiks Verdi fordert Entlastungstage für Sozialarbeiter

Ralf Geißler, Wirtschaftsredakteur
Bildrechte: MDR/Isabel Theis

An kommunalen Kitas wird seit Wochen immer wieder gestreikt. Die Gewerkschaft Verdi fordert einen neuen Tarifvertrag. Verhandelt wird nicht nur für Kita- Erzieher, sondern auch für alle Sozialarbeiter in kommunalen Einrichtungen.

Kugeln liegen auf einem Billardtisch.
Sozialarbeiter fordern mehr Geld und Ausgleichstage im neuen Tarifvertrag. Bildrechte: dpa

Beruflich hat Robert Sell viele Rollen: Er ist Ersatzvater, großer Bruder und guter Kumpel. Sell betreut als Sozialarbeiter in Leipzig eine Wohngruppe aus zehn Jungs zwischen 12 und 21 Jahren, die derzeit kein anderes Zuhause haben: "Wir haben minderjährige unbegleitete Flüchtlinge, wo es noch Gerichtsverfahren gibt, ob die Eltern nach Deutschland kommen können. Genauso Kinder aus Familien, die aus Problemlagen kommen. Oder, wo Eltern oder Mütter Probleme hatten und Hilfe gesucht haben, alleine mit der Erziehung nicht klargekommen sind. Und diese betreuen wir."

Kita Sozialarbeit 1 min
Bildrechte: MDR/Daniel George

Sell mag seinen Beruf. Auch wenn die Jungs, anders als vom Dienstplan vorgesehen, häufig nicht 22 Uhr im Bett liegen. Nur die Bezahlung könnte besser sein – und die Wertschätzung. Bei beidem will die Gewerkschaft Verdi für Sozialarbeiter etwas herausholen. Sie fordert für diverse soziale Berufe eine pauschale Höhergruppierung in der Tariftabelle.

Gewerkschaft fordert Entlastungstage

Auf einem Schild steht "Wir schaffen das so nicht".
Bildrechte: dpa

Das würde automatisch mehr Geld bedeuten, sagt Gewerkschaftssekretärin Manuela Schaar in Leipzig. Doch es gehe um noch mehr: "Wir haben die ganz dezidierte Erfordernis, dass wir Entlastungstage einbauen in der sozialen Arbeit."

Soziale Arbeit sei kein "Nine to five"-Job, oft werde nachts gearbeitet und nicht selten habe man mit einer schwierigen Klientel zu tun, erklärt Schaar. "Also wenn man gerade an Suchtproblematiken denkt oder an soziale Arbeit in besonderen Stadtteilen. Das sind alles besonders belastende Tätigkeiten, hier müssen auch Entlastungstage stattfinden."

Arbeitgeberverbände: Höhergruppierung überfordert Kommunen

Den Arbeitgebern gehen die Forderungen zu weit. Karin Welge ist Verhandlungsführerin der kommunalen Arbeitgeberverbände. Sie sagt, ein Sozialarbeiter verdiene zwischen 3.300 und 6.000 Euro brutto. Wenn man pauschal alle in die nächsthöhere Gehaltsklasse eingruppiere, überfordere das die Kommunen finanziell. "Das würde dann für die Arbeitgeber bedeuten bis zu 330 Euro mehr im Monat. Und das ist natürlich schon eine Hausnummer. Das haben wir in dieser Allgemeinheit natürlich abgelehnt", sagt die Verhandlungsführerin.

Urlaubsregelung müsse ausreichen

Doch auch bei den Entlastungstagen wollen die Städte und Gemeinden nicht mitgehen. Es gebe eine gute Urlaubsregelung, sagt Welge. Und wenn man den Sozialarbeitern das zugestehe, könnten auch andere das fordern, wie Feuerwehrleute oder der Katastrophenschutz: "Wir haben schon durchaus in der Struktur viele Bereiche, die auch intensiv belastet sind. Und wenn wir da die Debatte eröffnen und so überproportional viel Freizeit gewähren würden, dann würde uns das Gemeinwesen zusammenbrechen."

In einem Punkt signalisiert Welge Verhandlungsbereitschaft: Bei Sozialarbeitern mit sogenannter Garantenstellung, die zum Beispiel das Kindswohl schützen, könne man über eine Aufwertung in der Tariftabelle reden. Bislang verliefen die Verhandlungen zäh.

Frustration ist groß

Das hat auch Sozialarbeiter Robert Sell wahrgenommen und ärgert sich darüber: "Wenn ich zum Beispiel sehe, dass innerhalb kürzester Zeit der Wehretat der Bundesrepublik um Milliarden Euro in kürzester Zeit aufgestockt werden kann. Im sozialen Bereich kämpfen wir seit Jahren um mehr Anerkennung. Dies spiegelt sich auch in dem Gehalt wieder, das wir bekommen. Und es ist frustrierend zu erleben, dass es da keinen größeren Konsens gibt, dass wir mehr anteilig dafür bekommen."

Am Montag gehen die Verhandlungen weiter. Sollte es wieder kein Ergebnis geben, will Verdi erneut zu Streiks aufrufen. Bislang haben vor allem Kitaerzieher die Arbeit niedergelegt. Die Sozialarbeiter, sagt Sell, könnten nicht einfach streiken. Wenn er seine Arbeit niederlege, sei einfach keiner mehr da, der sich um seine Jungs kümmere.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 13. Mai 2022 | 06:00 Uhr

Mehr aus Panorama

Elbe führt nur noch Niedrigwasser 1 min
Elbe bei Magdeburg Bildrechte: StraussTV
1 min 24.06.2022 | 16:44 Uhr

Die Elbe führt immer weniger Wasser. An der Magdeburger Strombrücke fiel der Pegel unter 65 Zentimeter. Die "Weiße Flotte" stellte ihren Betrieb ein. In Dresden sieht es ähnlich aus. Noch aber fahren dort die Dampfer.

Fr 24.06.2022 15:41Uhr 00:51 min

https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/panorama/video-hitze-duerre-elbe-niedrigwasser-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Mehr aus Deutschland

Moderator vor Parteitagskulisse 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK