Unter der Lupe – die politische Kolumne Corona infiziert uns mit dem Spalt-Virus

Unter der Lupe: Tim Herden
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Zwei Jahre beherrscht uns das Virus. Nachdem am Anfang die Deutschen weitgehend zusammen die Herausforderung annahmen, treibt die Corona-Krise einen Keil in die Gesellschaft. Besonders die AfD und rechtsextreme Gruppierungen versuchen, sich den Protest zunutze zu machen und zerstören mit Ablehnung der Impfungen und der Corona-Maßnahmen den Gemeinsinn der Gesellschaft. Ein Kommentar.

Querdenken Demonstration in München
Gegen die Corona-Maßnahmen wird in deutschen Städten immer wieder protestiert. Bildrechte: IMAGO / aal.photo

Was würde Alice Weidel tun, wenn sie jetzt in der Corona-Pandemie Gesundheitsministerin in Sachsen wäre und die Inzidenzzahlen sich immer um 1.000 auf 100.000 Einwohner bewegen? Würde sie dann weiter die Abschaffung aller Corona-Schutzmaßnahmen fordern? Wie würde sie mit überfüllten Intensivstationen umgehen? Würde sie dann die Triage anordnen, und nur noch denen eine Behandlung gewähren, die eine Überlebenschance haben? Würde sie sich dem Impfstreik anschließen, den Teile der Jungen Alternative und auch Bundestagsabgeordnete der AfD-Fraktion im Bundestag unterstützen? Immerhin ist sie wohl auch nicht geimpft. Ich würde darauf wetten, dass eine Gesundheitsministerin Weidel dann auch Kontaktbeschränkungen, Schließungen von Einrichtungen vornehmen und die Impfkampagne verstärken würde. Selbst wenn sie jetzt das Gegenteil behaupten würde. Politische Verantwortung kann ja auch heilsam sein.

AfD schürt Protest ohne eigenes Konzept

Momentan sind aber für die AfD noch die Oppositionsbänke ziemlich bequem. Wie schon in der Eurokrise und der Flüchtlingskrise kann sie immer schön das Pferd des Populismus reiten und den Protest gegen unbequeme Corona-Maßnahmen noch anheizen. Aber was ist das Konzept der AfD gegen die Pandemie? Ich habe bisher keine Antwort gefunden außer der Forderung nach dem Ende aller Maßnahmen. Dieses Experiment des "Freedom Day" ist allerdings in Großbritannien und Dänemark bereits gescheitert. Dort steigen gerade die Infektionsraten dramatisch an und viele Öffnungsschritte werden wieder zurückgenommen.

Minderheit der Impfgegner gegen die Mehrheit der Impfwilligen

Vielmehr verbünden sich gerade in Ostdeutschland Teile der AfD mit rechtsextremen Gruppen wie den "Freien Sachsen". Gemeinsam schürt man gerade in den AfD-Hochburgen wie dem Erzgebirge die Stimmung gegen die Corona-Maßnahmen und gegen das Impfen. Die Äußerungen in den verschiedenen Telegram-Kanälen der "Freien Sachsen" sind eine Mischung aus Racheaufrufen, Hang zur Lynchjustiz und dem Traum von Tribunalen gegen Mitglieder der Staatsregierung und Polizisten. Dafür waren schon ihre politischen Vorfahren von 1933 bis 1945 bekannt. Später sollte sich deshalb niemand herausreden, es nicht gewusst zu haben, wenn diese Gewaltfantasien auch in Gewalt enden.

Natürlich freuen sich AfD und die "Freien Sachsen", dass so viele Menschen ihren Aufrufen zum Protest gegen die Corona-Maßnahmen folgen. Die Bilder von den sogenannten Spaziergängen vermitteln den Eindruck, sie würden mit ihren Gefolgsleuten die Straße beherrschen und damit auch die Meinungshoheit haben. Doch das ist ein Fehlglaube. Die Gegendemonstrationen finden momentan tagtäglich vor den Impfzentren statt mit über einer Million Teilnehmer. Zudem nehme ich immer mehr wahr, dass viele Menschen genervt sind vom Selbstdarstellungsdrang der Corona-Leugner und Impfverweigerer. Und auch von ihrem Realitätsverlust. Man feiert auf Telegram niedrige Impfquoten als Erfolg und verschweigt die Folgen. Obwohl Sachsen nur vier Prozent der deutschen Bevölkerung stellt, verzeichnet das Land elf Prozent der 107.000 Coronatoten in ganz Deutschland. Vielleicht ist das noch nicht anschaulich genug. Am 15.12. 2021 wurden 174 der 522 bundesweiten Todesfälle durch Corona in Sachsen registriert. Das ist ein Drittel. Also lieber tot als geimpft?

Egoismus statt Solidarität

Bei den Bildern von demonstrierenden Corona-Leugnern ohne Maske und Abstand frage ich mich, wie es um die vielgelobte Solidarität unter den Sachsen, aber auch Thüringern steht. Offenbar ist es vielen der Demonstrierenden egal, so das Infektionsrisiko für die Menschen in ihrer Umgebung zu erhöhen. Wir sprechen hier von einem tödlichen Risiko. Aber es gibt noch einen anderen Aspekt. Umso länger die Infektionszahlen durch diese Unvorsichtigkeit hoch und Kontaktbeschränkungen notwendig sind, verdient der örtliche Einzelhandel immer weniger, dafür aber Amazon und Zalando. In Sachsen mussten die Gaststätten schließen. Dafür boomen die Lieferdienste. Touristen zieht es auch nicht in Hochrisikogebiete, wenn nicht sogar touristische Übernachtungen verboten sind. Unternehmen können durch hohe Corona-Krankenstände ihre Aufträge nicht erfüllen. Schon auf kurze Dauer werden Pleiten und Arbeitslosigkeit nicht ausbleiben.

Es ist nicht die Schuld des Staates, wie die AfD gern behauptet. Der Staat muss mit Maßnahmen seine Bürger vor den Gefahren einer Pandemie schützen. Es ist die Schuld derjenigen, die die Pandemie nicht ernst nehmen. Ist dieser Zusammenhang so schwer zu begreifen? Ist uns Deutschen der Gemeinsinn durch den Egoismus einer Minderheit verloren gegangen? Mir ist allerdings auch unklar, wie die AfD, die permanent Bekenntnisse für Deutschland einfordert, so wider die Vernunft handeln kann und mit ihrem Wirken die Spaltung der Gesellschaft vertieft: Müsste nicht gerade sie, die ständig den Patriotismus im Munde führt, sich nicht der Bekämpfung der Pandemie anschließen?

Ohnmacht der Politik

Unter der Lupe: Tim Herden
In der wöchentlichen Kolumne "Unter der Lupe" gibt Hauptstadt-Korrespondent Tim Herden seine persönliche Meinung zum politischen Geschehen ab. Bildrechte: MDR

Offenbar kommt man gegen die Ansichten der Corona-Leugner und Impfgegner nur schwer, eigentlich gar nicht an. Sie haben ihre Wahrheit, ich meine. Dazwischen tut sich ein tiefer, scheinbar unüberwindbarer Graben auf. Viele berichten von Brüchen in den Familien und zerstörten Freundschaften. Auch die Bilder aus den Intensivstationen, das Klagen der Ärzte und Pfleger prallen an den Corona-Leugnern ab. Die Erklärungsversuche für dieses Verhalten enden in Hilflosigkeit. Ostdeutsche hätten ein anderes Verhältnis zum Tod, würden mit ihrer Gesundheit nachlässiger umgehen, hat ein Umfrageinstitut ermittelt. In Sachsen wäre es der Widerstand gegen die Hauptstadt Berlin und alles Preußische, meinten Kollegen. Hinzu komme der Frust auf den Westen. Es sei das verlorene Vertrauen gegenüber der Politik, das viele zu einer Ablehnung von Corona-Maßnahmen treiben würde, kommentieren Politikwissenschaftler.

Nachdem es die Politik lange mit Zuhören, Reden und Appellen an die Eigenverantwortung versucht hat und trotzdem knapp ein Drittel der Bevölkerung von einer Impfung nicht überzeugen konnte, setzt man nun wie die Gegenseite auf Schuldzuweisungen, betont die gesellschaftliche Trennung zwischen Geimpften und Ungeimpften und denkt über Zwangsmaßnahmen wie eine Impfpflicht nach. Das verstärkt möglicherweise weiter die Radikalisierung der Minderheit der Corona-Leugner. Konfliktforscher schlagen stattdessen eine Doppelstrategie aus der Terrorismusbekämpfung vor. Für radikale und gewaltbereite Corona-Leugner und Querdenker eine Gefährderansprache durch die Polizei, für die Zweifler und Mitläufer niedrigschwellige Beratungs- und Ausstiegsangebote, mit denen sie das Gesicht wahren können. Einen Versuch wäre es wert.

Ich befürchte allerdings, erst wenn sich der Nebel der Pandemie lichtet, werden wir sehen und begreifen, wie sehr Corona unsere Gesellschaft zerstört hat.

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 19. Dezember 2021 | 06:00 Uhr

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