Pro und Contra Contra: Warum eine Impfpflicht weder umsetzbar noch hilfreich ist

Markus Reher
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Seit ein paar Tagen diskutiert ganz Deutschland über eine Impfpflicht – auch immer mehr Politiker positionieren sich dafür. Ist sie das beste Mittel gegen die vierte Welle der Corona-Pandemie? Auch in unserer Redaktion gehen die Meinungen Pro und Contra Impfpflicht dazu auseinander. Markus Reher stellt sich klar gegen eine Impfpflicht.

Eine Plakatkampagne wirbt für eine Impfung gegen das Corona-Virus
Das Coronavirus bleibt. Doch eine Impfpflicht würde nicht helfen, kommentiert Markus Reher. Bildrechte: dpa

Was muss denn eigentlich noch passieren?! Das denke auch ich immer häufiger, wenn ich verzweifelt bin. Wenn ich jeden Tag aufs Neue die steigenden Infektionszahlen sehe. Ja, gut, meinetwegen, denke ich dann, es hilft ja nichts: Möge die Impfpflicht endlich kommen! Und nicht nur für bestimmte Berufsgruppen, für Beschäftigte in Pflege- und Altenheimen zum Beispiel oder für Lehrkräfte. Nein. Impfpflicht für alle! Es hilft ja alles nichts. Sogar mit Bratwürsten haben sie es schon versucht, um die Leute zum Impfen zu locken. Das erzählt Markus Söder gern. Nur eine allgemeine Impfpflicht führe uns aus dieser Pandemie heraus, so der bayerische Ministerpräsident.

Recht hat er, denke ich, wenn ich gerade mal wieder verzweifelt bin wegen der Infektionszahlen – und wenn ich daran denke, was sie für uns bedeuten: Wieder nicht ins Café gehen können, in den Club, ins Kino oder Theater, nicht auf die Eisbahn, nicht ins Schwimmbad, nicht reisen, monatelang. Schlimmer noch: Wieder überfüllte Krankenhäuser und ausgebrannte Intensivpfleger, wieder Meldungen über Triage und Patientenverlegungen – Lebensretter zwei Stunden lang auf der Suche nach einer Notaufnahme für einen Schlaganfallpatienten. Weil die Pandemie einfach immer noch da ist, stärker als je, weil sich einfach nicht genug haben impfen lassen bis jetzt.

Impfpflicht vertieft Misstrauen in die Politik

Doch halt, denke ich dann. Ist denn eine für alle geltende Impflicht wirklich die Lösung? Oder nur das letzte Instrument aus dem Notfallkasten politischer Verzweiflung? Wer jetzt noch immer nicht von einer "Corona"-Impfung überzeugt ist, der wird sich durch eine allgemeine Impfpflicht doch erst recht in die Ecke gedrängt fühlen, der wird sich doch erst recht bestätigt sehen in seinem Eindruck, hier laufe ein Komplott der Eliten aus Forschung, Pharma-Wirtschaft und Politik gegen große Teile der Bevölkerung – Stichwort "Querdenker".

Klar, um die vielschichtige Sammlung der Abstands-, Masken- und Impfgegner ist es still geworden hierzulande. Doch Rotterdam, Den Haag oder Brüssel zeigen, wie schnell eine solche Stimmungslage auch kippen kann. In Deutschland gaben die Hunderten, die im Sommer vergangenen Jahres auf die Treppen des Reichstagsgebäudes rannten, davon eine Ahnung. Oder auch die, die in Leipzig vergangenen November die Polizeiketten durchbrachen und auf den Ring zogen. Sie sind mit ihrem Misstrauen und ihrer Verbitterung ja nicht verschwunden, nur weil sie gerade nicht lauthals protestieren.

Maßnahme kaum durchsetzbar

Und dann: Wer will, wer kann denn eine solche Impfpflicht überhaupt durchsetzen? Hier könnte es zu einer weiteren Politik-Enttäuschung kommen, zu noch mehr Vertrauensverlust: "Schaut her, die können ja eh nichts!"

Die Debatte um die Verlängerung oder Nichtverlängerung der so genannten "epidemische Lage von nationaler Tragweite", das "Finger-Pointing" zwischen Noch- und Noch-Nicht-Regierung hat dem Ansehen der Politik bestimmt nicht genützt. Und dabei braucht es doch gerade jetzt ein Gefühl von Zusammenhalt, damit wir diese Pandemie bewältigen. Es braucht alle, auch die, die sich partout nicht impfen lassen wollen. Wir müssen wohl weiter reden, argumentieren, versuchen, sie zu überzeugen. Gerade das macht doch eine demokratische, freie Gesellschaft aus.

Ach, übrigens: Ich bin geimpft gegen das Coronavirus, vollständig, schon lange. Ich konnte es kaum abwarten. Und jetzt versuche ich, einen Booster-Termin zu bekommen. Ich vertraue auf die Schulmedizin und die moderne Impfforschung. Und das nicht erst, seit ich einige Jahre als Korrespondent in Russland und den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion arbeiten durfte. Ohne Impfungen hätte ich mich da wohl so manches Mal in Lebensgefahr gebracht, wo man sie hierzulande schon gar nicht mehr vermuten würde.

Lesen Sie hier die Gegenmeinung von Tim Herden:

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