Europäisches Zentrum für Presse- und Medienfreiheit Studie: Höchststand bei Angriffen auf Journalisten – Schwerpunkt Corona-Proteste

Im vergangenen Jahr hat es in der Bundesrepublik einen Höchststand an Angriffen auf Journalisten gegeben. Gefährlich war vor allem die Berichterstattung über Corona-Proteste.

Die Ausrüstung eines Kamerateams liegt nach einem Übergriff zwischen Alexanderplatz und Hackescher Markt auf dem Boden. Eine Kamera, Mikrofon, Kopfhörer und andere Dinge eines ZDF-Teams liegen auf dem Boden.
Die Ausrüstung eines Kamerateams liegt nach einem Übergriff am Boden. Bildrechte: dpa

Die Zahl der Angriffe auf Journalistinnen und Journalisten in Deutschland ist im vergangenen Jahr weiter gestiegen und hat einen Höchststand erreicht: Das Europäische Zentrum für Presse- und Medienfreiheit (ECPMF) in Leipzig verzeichnete deutschlandweit 83 tätliche Angriffe, 14 mehr als noch im Jahr 2020. Das geht aus der ECPMF-Studie "Feindbild Journalist – Hass vor der Haustür" hervor, die dem MDR vorliegt. Von der Gewalt betroffen waren der Studie zufolge insgesamt 124 Medienschaffende – von manchen Angriffen waren also mehrere Medienschaffende betroffen – wobei die Forscher von einer hohen Dunkelziffer ausgehen.

Risiko Corona-Proteste

Besonders gefährlich war im vergangenen Jahr die Berichterstattung über die Corona-Proteste: 75 Prozent der Angriffe ereigneten sich demnach auf Demonstrationen von Gegnern der Corona-Maßnahmen. "Demonstrationen und Proteste bilden auch im Jahr 2021 den gefährlichsten Arbeitsplatz. Durch tätliche Angriffe und Bedrohungen entsteht hier das größte Berufsrisiko für Journalist:innen in Deutschland", heißt es in der Studie.

Die Forscher begründen die wachsende Gewalt gegen Journalisten mit einem Aufstieg populistischer Bewegungen. Diese rekrutierten sich aus einer Minderheit in allen Teilen des Landes, die sich vom politischen System, seinen Institutionen und auch den Medien entfremdet habe. Aus diesem "Kreis der von Demokratie und Medien Entfremdeten" sei die Fortsetzung der Hasstaten unter neuen Empörungsbewegungen wahrscheinlich.

"Der Hass zieht westwärts"

Regional betrachtet verzeichnet Sachsen mit 23 Fällen wie in nahezu allen Jahren seit 2015 die meisten Übergriffe. "Die Angriffe in Westdeutschland nehmen jedoch deutlich zu", heißt es in der Studie. Der Hass ziehe westwärts. Die breite ideologische Anschlussfähigkeit von "Querdenken" für verschiedene politische Lager macht "Lügenpresse"-Vorwürfe anschlussfähiger für bisher wenig radikalisierte Milieus und trägt den Pressehass damit auch verstärkt in die westdeutschen Bundesländer.

So folgt unmittelbar auf Sachsen Niedersachsen mit 21 Fällen, dann Berlin mit 14, Bayern mit zehn, Baden-Württemberg mit sechs Fällen. Thüringen und Hessen zählen drei Fälle sowie Nordrhein-Westfalen, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein jeweils einen Fall. Zuletzt verzeichnete das ECPMF einen gewaltvollen Winter, wie es in der Studie heißt: Im Dezember seien 19 Fälle und im Januar dieses Jahres 18 Fälle erfasst worden – so viele Fälle wie nie zuvor binnen zwei Monaten.

Mehr Lokaljournalisten betroffen

Und noch einen Trend haben die Forscher beobachtet: Von Gewalt sind zunehmend auch Lokaljournalisten betroffen. "Waren es im gesamten Jahr 2021 nur vier Fälle, und damit etwa fünf Prozent aller Vorfälle, die sich gegen die Lokalpresse richteten, stieg dieser Anteil in den ersten beiden Monaten des Jahres 2022 auf sechs von 22 Fällen beziehungsweise 27 Prozent", heißt es. Die Ursache liege möglicherweise in einer generellen Verlagerung des Protestgeschehens von der Stadt aufs Land.

Betroffen war laut Studie unter anderem im Mai 2021 eine Fotografin der Zeitung Dresdner Neueste Nachrichten in der sächsischen Landeshauptstadt. Mehrere Männer hätten die Frau im Umfeld der Krawalle nach dem Dynamo-Dresden-Aufstieg angegriffen, sexistisch beleidigt und ihre Kamera zerstört.

Anfang Dezember sei eine Reporterin der Südwestpresse im baden-württembergischen Rottenacker gleich zweifach angegriffen worden, als sie von einer sogenannten Mahnwache berichten wollte: "Einer der Teilnehmer, der 15 Meter weg stand, kam her und hat gesagt ich soll abhauen. Dann hat er mir mein Handy weggenommen, mir die Maske vom Gesicht gerissen und hat gesagt ‚aufhängen sollte man Sie‘. Zwei weitere Teilnehmer der Mahnwache hielten mich fest, sodass ich dem Mann mit meinem Handy nicht folgen konnte. Ich habe es später im Gebüsch wiedergefunden", berichtete die betroffene Lokalreporterin laut Studie.

Angriffs-Folgen: Berichterstattung erschwert

Insgesamt sehen die ECPMF-Autoren in dem Negativrekord bei Angriffen auf Journalisten das Ergebnis einer sich ab 2015 langfristig etablierenden Pressefeindlichkeit – und das hat Folgen. Eine wachsende Zahl von Medienschaffenden habe nach Jahren der Anfeindungen keine Kraft und keinen Willen mehr, die nahezu kontinuierlichen Bedrohungen zu ertragen. In einigen Fällen sei die Berichterstattung im Lokalen nicht mehr in vollem Umfang möglich. Dadurch würden nicht nur die betroffenen Journalisten leiden. Auch die Absicherung der Berichterstattung könne erschwert werden.

Eine Sozialberaterin des Hessischen Rundfunks sagte laut Studie: "Viele der Kolleg*innen, die den Weg in die Beratung suchen, sind schwer belastet durch die teils massiven Grenzverletzungen. Einzelne Mitarbeiter*innen haben in den vergangenen Jahren im Außendienst und am Telefon so massive Bedrohungen erlebt, dass sie in diesen Einsatzfeldern nicht mehr arbeiten können. Massive Traumatisierungen habe ich vereinzelt erlebt, die einhergehen mit Panikattacken, Schlafstörungen, psychosomatischen Störungen und Depressionen. Häufig sind die Auswirkungen mit langer Arbeitsunfähigkeit oder Berufsunfähigkeit verbunden."

Das ECPMF verifiziert seit 2015 tätliche Angriffe auf Journalisten in Deutschland. Inzwischen summieren sich diese auf insgesamt 265 Fälle: 44 im Jahr 2015, 19 in 2016, 10 in 2017, 26 in 2018, 14 in 2019, 69 in 2020 und 83 in 2021.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSENSPIEGEL | 02. Mai 2021 | 19:00 Uhr

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