Kommentar Leg doch mal das Handy weg! Wehr- und Dienstpflicht sind notwendig

Der Krieg in der Ukraine führt auch in Deutschland zu einer großen Verunsicherung. Die Gewissheiten von dauerndem Frieden und selbstverständlicher Freiheit sind dahin. Allerdings sind wir mental nicht auf die neuen Gefahren eingestellt. Das erfordert ein Umdenken.

 Tim Herden und Forderung nach Wehrpflicht
Wir brauchen die Wehrpflicht wieder und eine Dienstpflicht, meint Berlin-Korrespondent Tim Herden. Bildrechte: Collage: MDR/Tanja Schnitzler / Bundeswehr

  • Die Bundeswehr braucht neben besserer Ausrüstung auch gut ausgebildete Wehrpflichtige.
  • Eine Dienstpflicht wäre ein wichtiger Beitrag für den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft.
  • Wir müssen besser auf Kriegsgefahr und Katastrophen vorbereitet sein, nicht nur mit Waffen, sondern auch als Menschen.

"Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann - fragt, was ihr für euer Land tun könnt." Gern wird dieser Satz von John F. Kennedy zitiert, nur leben wir kaum danach. In den täglichen Debatten geht es oft nur darum, was der Staat für einen tun kann oder sollte. Schon die Steuerpflicht wird von vielen nur als notwendiger Zwang empfunden und immer Wege gesucht, sie zu umgehen. Auch jetzt, während des Krieges zwischen Russland und der Ukraine steht oft nur im Vordergrund, wie viel uns die Sanktionen gegen Russland an Zapfsäule und Gaszähler kosten. Aber das ist zu wenig.

Wir sind nicht auf die Kriegsgefahr vorbereitet

Die Angst vor einem Krieg geht um. Wir sind darauf nicht vorbereitet, plötzlich unser Land verteidigen zu müssen. Für die junge Generation war ein Leben ohne Wehrpflicht oder Zivildienst selbstverständlich geworden. Aber nun haben sich die Zeiten geändert. Jetzt muss das allgegenwärtige Mobiltelefon mal für ein Jahr zur Seite gelegt werden!

Die mangelnde Ausrüstung der Bundeswehr ist nur die eine Seite der Medaille. Dass wir für die Bedienung der neuen Waffen auch ausgebildete Soldaten brauchen, ist die andere Seite. Ich selbst hätte nie gedacht, mich für die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht in Deutschland auszusprechen, in einer gleichberechtigten Gesellschaft für Frau und Mann. Doch der Krieg direkt vor unserer Haustür erfordert es – und nicht nur das. Für alle Jugendlichen ab 18 Jahren, die den Wehrdienst aus Gewissensgründen verweigern, sollte als Alternative eine Dienstpflicht im Gesundheits- und Pflegebereich, bei Feuerwehr oder THW eingeführt werden.

Ein Gewinn für den Gemeinsinn

Eine allgemeine Wehr- und Dienstpflicht würde dem sozialen Zusammenhalt und Gemeinsinn der Gesellschaft dienen. Der wichtigste Gewinn meines Wehrdienstes nach dem Abitur war, mit jungen Männern mit anderen Lebenswegen und aus anderen sozialen Schichten anderthalb Jahre auf engstem Raum zusammenzuleben. Ich habe dabei Tugenden wie Zusammenhalt und Solidarität auf eine ganz neue und andere Art und Weise erlebt als in der Schule. Der Umgang hat mich für mein Leben geprägt. Nun geht es aber auch darum, dass wir unsere Freiheit nicht nur mit Kerzen, Gebeten und Demonstrationen verteidigen können, sondern es wieder lernen müssen, es auch mit Waffen zu tun. Wir müssen unsere Einstellung zur Bundeswehr ändern und sie nicht, wie in der Vergangenheit, nur als notwendiges Übel betrachten oder vollständig ablehnen. So erging es meinem Sohn, als er nach dem Wehrdienst nach einem WG-Zimmer in Berlin suchte. Erwähnte er seine Armeezeit, war er als Bewerber durchgefallen.

Für Wehrdienstverweigernde muss es eine sinnvolle Alternative geben. Viele Abiturientinnen und Abiturienten zieht es nach dem Schulabschluss in Ausland. Statt "work and travel" in Australien oder ein Jahr als "au pair" oder besser gesagt "Kindermädchen" in Frankreich oder den USA werden helfende Hände junger Menschen in unseren Krankenhäusern und Pflegeheimen dringend gebraucht. Nicht zuletzt die Corona-Pandemie hat die Arbeitskräftenot in beiden Bereichen gezeigt.

Einsatz im Sozialbereich wird auch benötigt

Zwischen Abitur und Studium könnte eine Erfahrung mit dem realen Leben außerhalb von Klassenraum und Hörsaal nützlich sein, gerade wenn man in dieser Zeit noch auf der Suche nach dem eigenen Lebenssinn ist. Neurologische Studien zeigen, dass Menschen, die anderen helfen, die gleiche Gehirnaktivität aufweisen, wie Menschen, die umarmt oder gelobt werden, Sex haben oder Schokolade essen.

Mit Wehr- und Dienstpflicht würde unsere Gesellschaft insgesamt bei der Bewältigung von Krisen, wie jetzt der Kriegsgefahr oder zu erwartende Naturkatastrophen durch den Klimawandel, widerstandsfähiger machen. Es geht aber auch darum, dass man für Jahre weitgehend kostenloser Bildung etwas zurückgibt. Immerhin mit Bezahlung. Winston Churchill hat gesagt: "Wir bestreiten unseren Lebensunterhalt durch das, was wir bekommen, und leben von dem, was wir geben."

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 01. März 2022 | 19:30 Uhr

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