Debatte um Raketenabwehr Warum ein umfassender Raketenschutzschild nur wenig realistisch ist

Aktuell-Redakteure - Lucas Grothe
Bildrechte: MDR/Markus Geuther

Die Bundesregierung erwägt den Kauf eines Raketenabwehrsystems. Doch Experten sind skeptisch, ob das finanziell und technisch machbar ist. Das israelische Schutz-System "Arrow 3" würde Deutschland nicht umfassend schützen. Die Israelis nutzen mehrere Systeme für Nah-, Mittel- und Langstreckenraketen.

Die vom israelischen Verteidigungsministerium herausgegebene Aufnahme zeigt den Start einer Rakete des Raketenabwehrsystems - Arrow 3
Start einer "Arrow 3"-Abfangrakete. Die Aufnahme wurde vom israelischen Verteidigungsministerium herausgegeben. Bildrechte: dpa

Ungewöhnlich offen wurde am Wochenende die Idee eines Raketenschutzschildes über Deutschland ins Spiel gebracht. Dabei geht es um den Kauf des Systems "Arrow 3", entwickelt von einem israelisch-US-amerikanischen Firmenkonsortium. Mehrere Verteidigungspolitiker des Bundestages wollten diese Woche nach Israel reisen, um das System zu begutachten.

Die Idee zu dem Schutzschild bei einem Gespräch von Generalinspekteur Eberhard Zorn mit Kanzler Olaf Scholz (SPD) in der vergangenen Woche auf. Dabei ging es um mögliche Anschaffungen für die Bundeswehr aus dem 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen. Opposition und Teile der Regierungsparteien zeigten sich nach MDR-Informationen allerdings überrascht von den Plänen.

Umfassenden Raketenschutzschirm wird es nicht geben

Und auch Experten sehen die Pläne der Bundesregierung skeptisch: Ulrich Kühn ist Leiter des Forschungsbereichs "Rüstungskontrolle und Neue Technologien" am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH). Das Institut wurde in den 70er Jahren vom damaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann gegründet und forscht zu internationaler Ordnung und Sicherheitspolitik. Kühn sagte dem MDR: "Einen umfassenden Raketenschutzschirm über Deutschland wird es nicht geben. Das ist eine Illusion." Ein Schutzschild, der alle Raketen abfange, sei finanziell und technisch nicht machbar.

Start einer Arrow- Rakete 2005 in Israel
So funktioniert das Abwehrsystem Arrow 3. Bildrechte: dpa

"Das geht alleine deshalb nicht, weil Russland über Hunderte, vielleicht sogar Tausende Kurz- und Mittelstreckenraketen verfügt und nuklear bewaffnet ist", so Kühn. Es sei zwar möglich, einzelne Bereiche, etwa eine Großstadt wie Berlin oder eine Militärbasis zu schützen, nicht aber ganz Deutschland. Der Begriff des "Schutzschirmes" führe deshalb in die Irre.

Ähnlich sieht es der renommierte Militärexperte Thomas Wiegold. In seinem Blog schrieb er: "Es deutet einiges darauf hin, dass in der Bundesregierung, im Verteidigungsministerium und in der Bundeswehr weitere Möglichkeiten der Raketenabwehr untersucht werden. […] Aber, pardon, bestimmt nicht für zwei Milliarden Euro, bestimmt nicht als 'Iron Dome', sehr wahrscheinlich nicht als Schutzschirm für das komplette Land und bestimmt nicht als rein nationale Lösung."

"Iron Dome" ist nicht "Arrow 3"

Auch der Begriff "Iron Dome" (Eisenkuppel) war in der Debatte um das Raketenschutzschild gefallen. Grundsätzlich muss aber unterschieden werden zwischen dem "Iron Dome"-System und "Arrow 3". Mit "Iron Dome" ist das eigentlich sehr erfolgreiche israelische Raketenabwehrsystem gemeint. Dieses richtet sich gegen Raketen mit sehr kurzer Reichweite und Artilleriemunition vor allem aus dem Gazastreifen. Das System wäre für Deutschland aufgrund der Funktionsweise aber wenig geeignet.

Das "Arrow 3"-System richtet sich gegen hoch und lang fliegende ballistische Raketen etwa vom russischen Typ Iskander, die auch im Ukraine-Krieg eingesetzt werden. Es zerstört anfliegende Raketen in bis zu 100 Kilometern Höhe. Iskanderraketen können mit konventionellen oder atomaren Sprengköpfen bestückt werden. Grundsätzlich könnte es also einen gewissen Schutz bieten. Der Waffen- und Osteuropaexperte Gustav Gressel vom European Council on Foreign Relations nannte es bei MDR AKTUELL denn auch eine gute Wahl, es sei sehr leistungsfähig.

"Arrow 3" erwischt nicht alle Raketen

Das Problem ist aber eben: "Arrow 3" könnte zwar einige anfliegende Raketen zerstören. Bei einem umfangreichen Angriff mit dutzenden Raketen wäre es – vor allem bei einem geographisch gesehen – relativ großen Land wie die Bundesrepublik aber wohl weitestgehend machtlos.

Ulrich Kühn sieht neben der reinen Anzahl der Raketen noch weitere Probleme: Zum einen soll Russland im Krieg gegen die Ukraine neuartige Hyperschallraketen vom Typ Kinschal eingesetzt haben. Diese könnten einer Raketenabwehr entgehen. Außerdem würde durch eine umfassende Raketenabwehr das System der nuklearen Abschreckung beeinträchtigt.

Heißt also: Wäre so eine umfangreiche Raketenabwehr vorhanden, wäre das nukleare Gleichgewicht gestört. Eine groteske Logik der gegenseitigen Abschreckung mit Atomraketen.

Ein Konvoi zum Transport des Flugabwehrraketensystems Patriot verlässt das Bundeswehr-Gelände der Flugabwehrraktengruppe 26 in Husum.
Eine Patriot-Einheit der Bundeswehr wurde kürzlich in die Slowakei verlegt. Bildrechte: dpa

Ulrich Kühn sagt, Berlin müsse sich nun zuerst Gedanken machen, wofür es eine Raketenabwehr genau wolle, wie hoch die Kosten dafür wären und wie sich das in bestehende Abwehrpläne der Nato einfüge. Denn es gibt bereits Raketenabwehrsystem des Verteidigungsbündnisses, weitere sind im Aufbau.

Deutschland hat "Patriot"-System

Ganz schutzlos gegenüber Raketenangriffen ist Deutschland also auch bisher nicht. Das kommt auch durch mehrere Einheiten des Abwehrsystems "Patriot", über die die Bundesrepublik verfügt. Diese sind in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein stationiert. Das "Patriot"-System kann ballistische Raketen und Marschflugkörper abfangen – allerdings liegt die Reichweite der Raketen deutlich unter der des "Arrow 3"-Systems.

Es heißt, dass ein "Arrow 3"-System bereits 2025 einsatzfähig sein könnte. Wo es dann stationiert wäre, bleibt unklar. Möglich wäre wegen der geografischen Lage in Richtung Russland auch eine Stationierung in Ostdeutschland. Das Verteidigungsministerium wollte sich dazu gegenüber dem MDR nicht äußern. Auch Ulrich Kühn vom IFSH sagte dazu, man solle sich zuerst klarmachen, von wo ein Angriff zu erwarten sei. Ob eine mögliche Raketenabwehr dann im Osten Deutschlands stehen würde, könne man jetzt noch nicht sagen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 28. März 2022 | 13:36 Uhr

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