Der Redakteur | 08.03.2022 Warum ist der Liter Diesel plötzlich teuerer als Benzin E10?

Beim Blick auf die Benzinpreise wird Ronald Stötzer aus Friedrichroda stutzig. Er will wissen, warum der Diesel momentan teurer ist als Benzin E10? Wird der Diesel nicht steuerlich subventioniert? Und werden hier gar die Pendler abgezockt? Unser Redakteur Thomas Becker ist diesen Fragen nachgegangen.

Die Preise für Kraftstoffe werden an einer Tankstelle mit über zwei Euro angegeben.
Dass die Preise gerade verrückt spielen, ist aufgrund des Kriegs in der Ukraine noch verständlich. Aber Diesel teurer als Benzin? Wie kann das sein? Bildrechte: IMAGO/Wolfgang Maria Weber

Spritpreise über zwei Euro? Diesel teurer als Benzin? Bei allem Frust über die aktuelle Situation hilft zunächst der dezente Hinweis, dass uns Corona vor wenigen Monaten noch Dieselpreise von rund einem Euro beschert hat, weil die Nachfrage wegen Homeoffice und weltweiter Produktionseinschränkungen eingebrochen war. Natürlich besteht der Spritpreis zum größten Teil aus Steuern und Abgaben und natürlich könnte man jetzt auf die Idee kommen, die Erhebung irgendeines Preisbausteins auszusetzen, doch ob das die gewünschte Wirkung hat, darüber streiten im Moment die Experten und die Politik.

Da steht die Frage, was machen die Mineralölunternehmen? Geben die die Preissenkung weiter oder gibt es einen Mitnahmeeffekt?

Prof. Andreas Goldthau, Energie-Experte Uni Erfurt

In anderen Ländern gibt es durchaus auch andere Maßnahmen, die man hierzulande ebenso diskutieren sollte, sagt Prof. Goldthau. Da ging es aber um die Energiepreise generell. Die Italiener haben Schecks an die Haushalte geschickt und einen Teil der Energierechnung bezahlt, die Franzosen haben die Versorger angewiesen, die Preise nicht weiterzugeben, die allerdings zum Teil auch in staatlicher Hand sitzen, erklärt Andreas Goldthau.

Einfach einen "Preisbefehl" an die Tankstellenkonzerne zu geben, das mag sich Putin erlauben können, in einem Rechtsstaat müsste das dann aber doch wohl eher rechtssicher geschehen. Es ist nun die Aufgabe der Bundesregierung, die momentanen Spitzen für Verbraucher und Wirtschaft möglichst unbürokratisch abzufangen (zum Beispiel über Gutscheine, Direktzahlungen, Steuerabschläge etc.), was nicht einmal zu Einnahmeverlusten führen muss, schließlich ist der Staat bei den zuletzt rund 50 Cent Preisanstieg mit rund 10 Cent je Liter alleine schon durch die Mehrwertsteuer dabei.

Was können wir tun?

Einfach mal kurz in uns gehen. Seit etwas über einer Woche verlieren Millionen Menschen in der Ukraine Haus, Heimat und Leben, weil ein wohl eher kleiner Kreis rund um Wladimir Putin glaubt, sich das Land einverleiben zu können. Und das ist der offiziell erklärte Grund, um denen zu widersprechen, die davon ausgehen, nur der Westen sei schuld. Das Reich der Ostslaven mit Weißrussland und der nicht existierenden Ukraine ist ein völkerrechtswidriges erklärtes Ziel von Putin.

Vladimir Putin
Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem Aufruf an ukrainische Soldaten sich zu ergeben. Bildrechte: imago images/ZUMA Wire

Vor diesem Hintergrund ist es schon ein wenig schlicht, wenn mal wieder einige wenige Stimmgewaltige in den sozialen Netzwerken den Spritpreisanstieg für einen Revolutionsgrund in Deutschland halten. Auch die Verweise auf die ach so günstigen Spritpreise in anderen Ländern sind eigentlich unpassend. Denn ein genauer Blick offenbar erstaunliches: Während wir in Deutschland mit einem Durchschnittseinkommen von rund 40.000 Euro pro Jahr aktuell unsere 2 Euro plus x für den Liter Sprit bezahlen, liegt das Einkommen in Polen im Durchschnitt bei 13.000 Euro. Zahlen die nur ein Drittel unseres Spritpreises? Nein!

In Russland sind es nicht einmal 10.000 Euro Verdienst im Jahr und Literpreise von um die 50 Cent. Das Verhältnis ist aktuell also vergleichbar mit dem in Deutschland. Ausreißer sind die 3 Cent pro Liter in Venezuela, einem "sozialistischen" Armenhaus in der Welt, das die weltweit größten Ölreserven hat. Alle diese Länder haben auch andere Wege als wir, Staatseinnahmen zu generieren. Dass wir dies über den Spritpreis des Verbrauchers tun, kann man gut finden oder nicht, bei Vergleichen mit anderen Ländern sollte man aber immer das Gesamtsystem im Blick behalten.   

Und dazu gehört auch die direkte Antwort bezüglich der "Abzocke" der Pendler. Wenn uns die Tatsache stört, dass Diesel jetzt teurer ist als Benzin, müssen wir aufhören, Heizöl zu bunkern, das ist nämlich aktuell die Ursache für diese Verwerfung. Angebot und Nachfrage diktieren auch hier den Preis. Und Heizöl ist letztlich eben eingefärbter Diesel.

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Starke Heizölnachfrage sei einer der Gründe für den Anstieg der Dieselpreise, sagt Andreas Goldthau von der Unversität Erfurt. Sein Blick auf den aktuellen Energiemarkt im Interview.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Di 08.03.2022 13:42Uhr 19:52 min

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Hinter dem langfristigen Preisanstieg steckt ein Plan

Corona mag den Klimawandel etwas aus unserem Bewusstsein verdrängt zu haben, aber gestoppt ist er nicht. Um dem Klimawandel entgegenzuwirken, ist der Umstieg auf erneuerbare Energien weltweit ein großes Thema. Dass das einigen zu schnell geht und anderen zu langsam, das ist bekannt. Fakt ist, dass bei uns dieser Prozess dadurch beschleunigt werden soll, dass Technologien, die zum Klimawandel beitragen, mittel- und langfristig mit Abgaben belegt werden, während klimafreundliche Technologien subventioniert werden. Solche Mechanismen kennen wir u.a. schon von Abwrackprämien und aktuell werden bekanntlich E-Autos massiv gefördert.

Im Januar 2022 sind im Rahmen des Energieumbaus auf Grundlage des Brennstoffemissionshandelsgesetzes rund eineinhalb Cent je Liter Sprit hinzugekommen. Nicht zum ersten Mal gab es hier einen Aufschlag und es wird auch nicht der letzte gewesen sein. Hintergrund: 2021 startete der Emissionshandel für Brennstoffe mit einem fixen CO₂-Preis von 25 Euro pro Tonne, seit Januar 2022 liegt er bei 30 Euro, bis 2025 sollen es schrittweise 55 Euro je Tonne CO₂ werden. Das geht behutsam und langfristig, damit Automarkt und Infrastruktur Zeit für den gewollten Umstieg haben. Die Ukraine-Krise hat jetzt für Preissprünge gesorgt, die das Brennstoffemissionshandelsgesetz nicht vorsieht. Und es ist außer Frage, dass der Krieg die Ursache ist, betont Prof. Andreas Goldthau. Da ist viel Psychologie im Markt, aber auch die Erwartungshaltung, dass weniger Öl zur Verfügung steht, wenn Russland als Lieferquelle ausfällt.

Wenn hier irgendjemand abzockt, dann ist es eine aggressive politische Elite in Moskau, die ein Nachbarland überfallen hat.

Prof. Andreas Goldthau, Energie-Experte Uni Erfurt

Wie klug ist ein Öl- und Gasembargo für Russland?

Das Dilemma könnte größer kaum sein. Mit unseren täglichen Zahlungen im dreistelligen Millionenbereich an Öl und an Gas finanzieren wir den Krieg in der Ukraine. Die Einnahmen beim Öl sind sogar noch größer als beim Gas, deswegen gibt es auch die Embargo-Überlegungen. In normalen Zeiten beträgt der russische Anteil am Weltmarkt 12 Prozent beim Rohöl und 15 Prozent bei Ölprodukten, wenn der auch nur zum Teil wegbricht, ist das nicht so schnell zu kompensieren.

Öl-Tanker
Auch fehlende Transportkapazitäten treiben den Ölpreis Bildrechte: dpa

Und schon jetzt verzichten westliche Konzerne darauf, russisches Öl zu kaufen, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Nachdem der Ölkonzern Shell für Großbritannien Ende vergangener Woche eine russische Öllieferung gekauft hatte, gab es massiv Kritik. Shell begründete den Einkauf mit der Versorgungssicherheit in Großbritannien und versprach, sämtliche Gewinne aus dem Deal zu spenden.

Andere Gründe, kein russisches Öl zu kaufen, sind fehlende Transportkapazitäten oder weil sich keine Versicherungen finden, die solche Lieferungen noch begleiten wollen. Öl droht also zu einem knappen Gut zu werden und Angst hat den Börsen noch nie gut getan. Vieles von einem möglichen Embargo ist also quasi jetzt schon eingepreist, die Frage ist nur, ob schon komplett. Die Spritpreise werden also ein Thema bleiben bis zum Ende des Krieges in der Ukraine und wenn wir die Auswirkungen des Krieges nur in unseren Portemonnaies sehen, können wir uns eigentlich noch glücklich schätzen.

MDR/ask/csr

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 08. März 2022 | 15:10 Uhr

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