"Arrow 3" Planung der Raketenabwehr für Deutschland wird konkret

Torben Lehning
Bildrechte: MDR/Tanja Schnitzler

Angesichts der Angriffe Russlands auf die Ukraine denkt die Bundesregierung darüber nach, ein Raketenabwehrsystem zu kaufen. Eines der Systeme, das infrage kommt, wird in Israel hergestellt und trägt den Namen "Arrow 3". Die Anschaffungskosten dafür wären überschaubar, doch die Opposition warnt vor den Folgekosten, insbesondere für die Wartung.

Die vom israelischen Verteidigungsministerium herausgegebene Aufnahme zeigt den Start einer Rakete des Raketenabwehrsystems - Arrow 3
Das Raketenabwehrsystem Arrow 3 wird in Israel eingesetzt. Bildrechte: dpa

In der Ukraine herrscht Krieg. Täglich werden auch zivile Ziele mit russischen Marschflugkörpern, Raketen und Granaten bombardiert. Abwehren können die Ukrainer diese Angriffe nicht – die Verteidigung der ukrainischen Armee findet ohne adäquate Luftabwehr am Boden statt.

Auch Deutschland hätte solchen Luftangriffen derzeit nicht viel entgegenzusetzen. "Wir stehen blank da", warnte Generalleutnant Alfons Mais, kurz nach Beginn des russischen Angriffskrieges.

Aufrüstung der Bundeswehr

Deutschlands Luftabwehr beschränkt sich derzeit auf zwölf "Patriot"-Systeme, die 1989 ihren Weg in das Waffenarsenal der Truppe fanden. "Damit könnte man höchstens den Luftraum über Berlin gegen Kurzstreckenraketen schützen", erklärt der Sachsen-Anhalter Verteidigungspolitiker Marcus Faber (FDP). Gegen Angriffe mit Mittelstreckenraketen habe Deutschland derzeit gar keine Verteidigung aufzubieten. Die Bundeswehr spricht von einer Fähigkeitslücke.

Lücken, die Bundeskanzler Scholz nun offenbar schließen will. Mit einem 100 Milliarden Euro schweren Sonderfonds schickt sich die Ampel-Regierung an, die Bundeswehr aufzurüsten. Aus dem Mund von Verteidigungsministerin Christine Lambrecht klingt das etwas anders. So gehe es um eine angemessene Ausrüstung der Soldaten, die man ihnen über Jahrzehnte verwehrt habe, erklärte die Sozialdemokratin vor dem Deutschen Bundestag.

Schaut man auf die Bestell-Listen, die derzeit im Regierungsviertel kursieren, kann man durchaus einen anderen Eindruck gewinnen. Es geht um mehr als Instandsetzung bestehender Waffen und neue Nachtsichtgeräte.

Abschreckung durch "Arrow 3"

Scholz denkt nach seinem Treffen mit Bundeswehr-Generalinspekteur Eberhard Zorn laut über den Kauf des israelischen Raketenabwehrsystems "Arrow 3" nach. Russland sei ein gewalttätiger Nachbar, der nur mit Stärke abzuschrecken sei, sagt Scholz.

Für eine glaubwürdige Abschreckung, brauche es vor allem zwei Instrumente, erklärt die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Bundestages Agnes Strack-Zimmermann: F-35-Jets, die eine nukleare Teilhabe sicherstellen und defensive Raketenabwehrsysteme. Gemeinsam mit zwölf Abgeordneten besucht Strack-Zimmermann derzeit Israel, um unter anderem einer Vorführung der Schlagkraft von "Arrow 3" beizuwohnen.

Die CDU befürwortet sowohl den Kauf eines Raketenschirms als auch der F-35-Jets. "Es wäre nur schön, wenn man von den Einkaufsplänen nicht immer nur aus dem Fernsehen erfahren würde", erklärt der Leipziger Verteidigungspolitiker Jens Lehmann.

Keine europäische Alternative zu "Arrow 3"

Doch was kann "Arrow 3"? Ein vollständiger Raketenschirm sei es sicher nicht, sagt Rüstungsexperte Gustav Gressel. Das Verteidigungssystem sei speziell zum Abfangen von ballistischen Mittelstreckenraketen gedacht, erklärt Gressel. Geeignet sei "Arrow 3", um abgefeuerte Raketen 100 Kilometer über der Erde, also noch in der Atmosphäre, zu zerstören. Das System befände sich bereits auf dem Markt – sei somit ein System von der Stange und eine gute Wahl.

Im Vergleich zum amerikanischen Konkurrenten THAAD, besteche "Arrow 3" durch seine vergleichsweise geringen Kosten und sei dazu noch kampferprobt und fitter, meint FDP-Politiker Faber. Drei Radaranlagen und zehn Raketensysteme sollten seiner Meinung nach ausreichen, um die Bundesrepublik gegen ballistische Mittelstrecken der Russen zu schützen. Europäische Alternativen gäbe es leider schlichtweg nicht, sagt Faber.

Standbild aus Grafikvideo Hyperschallrakete Kinschal 1 min
Standbild aus Grafikvideo Hyperschallrakete Kinschal Bildrechte: mdr

Kein vollständiger Schutz durch "Arrow 3"

CDU-Verteidigungsexperte Lehmann weist darauf hin, dass es sehr wohl Alternativen hätte geben können. So habe das Münchner Rüstungsunternehmen MDBA bis Ende 2020 an einem Taktischen Luftverteidigungssystem (TLVS) gearbeitet, seine Arbeit aber wegen zu geringer Haushaltsmittel eingestellt. Bevor man nun teuer im Ausland einkaufe, solle man sich zunächst bei der heimischen Industrie informieren und prüfen, ob die Weiterentwicklung hierzulande möglich sei.

Militärexperten weisen darauf hin, dass ein vollständiger Schutz auch mit "Arrow 3" nicht zu erreichen sei. Eine größere Zahl von Mittel- und Langstrecken-Raketen ließen sich mit dem israelischen Fabrikat abfangen. Für Hyperschallraketen, wie sie Russland bereits in der Ukraine eingesetzt haben soll, gibt es noch keine Abwehr.

Absprache mit den NATO-Partnern

Angesichts der Tatsache, dass ein Raketen-Angriff auf Deutschland, den NATO-Bündnisfall auslösen würde, stellt sich die Frage, ob Deutschland eine eigene Raketenabwehr überhaupt braucht. Ähnlich argumentiert der Unions-Außenpolitiker, Roderich Kiesewetter gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland: "Bei einem Raketenschutzschirm über Deutschland würde man annehmen, dass über Polen hinweg auf uns geschossen wird", meint Kiesewetter. Das sei gegenwärtig nahezu ausgeschlossen.

Sollte sich Deutschland die israelische Raketenabwehr kaufen, stelle sich eine andere Frage, meint CDU-Parteikollege Lehmann: "Was nützt uns 'Arrow 3', wenn die Rakete dann dafür in Warschau einschlägt?"

Die Union pocht bei der Beschaffung von Raketenabwehrsystemen auf eine enge Absprache mit den NATO-Partnern. Das sehen die Verteidigungspolitiker der Ampel auch so. SPD-Politiker Andreas Schwarz erklärt, sollte Deutschland sich "Arrow 3" anschaffen, könne man damit auch Nachbarländer schützen und eine Schlüsselrolle für Europas Sicherheit übernehmen.

Wunschliste der FDP: "Arrow 3"

Während die Bundesregierung erwägt, "Arrow 3" zu kaufen, stellen die Regierungsfraktionen bereits Prioritätenlisten auf. "Jetzt geht es darum zu überlegen, was wir mit dem Sondervermögen anfangen", sagt Faber. Angesichts der gebotenen Dringlichkeit wird die Bundesregierung laut Faber sehr schnell, sehr viel investieren. "Arrow 3" stehe auf der Wunschliste der FDP.

Wenn sich die Koalition auf einen gemeinsamen Vorschlag einige, könnte Ende Mai ein Wirtschaftsplan für das Sondervermögen der Bundeswehr vorgelegt werden. In einem positiven Szenario könnten Bundeswehrsoldaten dann Anfang 2024 mit der Ausbildung an der neuen Raketenabwehr beginnen.

Unabsehbare Folgekosten

CDU-Politiker Lehmann befürwortet die Auf- und Nachrüstung der Bundeswehr und könnte sich auch den Kauf von "Arrow 3" vorstellen. Eines gelte es dabei jedoch stets zu bedenken: Die neuen Anschaffungen der Bundeswehr hätten Kosten zufolge, die nicht durch die 100 Milliarden Euro des Sonderfonds gedeckt seien. Die Wartungskosten seien deutlich höher.

Klar ist: Die Diskussionen über Raketenabwehrsysteme in Deutschland sind alles andere als nur Gedankenspiele. Noch in diesem Jahr könnten sie zu Realität werden. Wer jetzt denkt, dass die mit Schulden finanzierten Militärausgaben, nur zeitlich begrenzt getätigt werden, liegt sehr wahrscheinlich falsch.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 30. März 2022 | 06:00 Uhr

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