Rentenentwurf-Analyse Neue Rentenpläne: Heute 39-Jährige – Renteneinstieg mit über 68

Die neuen Pläne für die "Rente mit 68" sind bereits auf viel Kritik gestoßen. Dabei ist das noch nicht die ganze Wahrheit: Für jüngere Versicherte könnte damit bereits auch die Rente ab 70 besiegelt werden.

Älteres Paar sitzt auf einer Parkbank
Die Standardrente wird in den aktuellen Plänen zur Rente mit 68 auf der Basis von 47 Versicherungsjahren berechnet, zwei mehr als jetzt. Bildrechte: imago images / Sven Simon

Rente sogar erst mit 70?

Ein heute 39-Jähriger Arbeitnehmer (1982 geboren) könnte erst mit 68,6 Jahren in Rente gehen. Das sehen die aktuellen Rentenreformplänen des Expertenbeirates des Bundeswirtschaftsministeriums vor. Das wären sechs Monate mehr als bei der bislang vorgestellten Rente mit 68. Für jüngere Versicherte könnte nach den derzeit besprochenen Plänen sogar eine Rente mit 70 in Frage kommen. Dabei wäre das Rentenniveau im Vergleich zum Lohn sogar noch niedriger als für die heutige Rentnergeneration.

Wirtschaftsredakteur Frank Frenzel hat sich die Pläne im Detail angesehen und erklärt, was damit unterm Strich rauskommen würde.

Die geplante Rentenreform

55 Seiten, mit Anhängen 72, so lang ist das Gutachten des Wissenschaftlichen Beirates beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi). Federführend für das Gutachten ist der bekannte Rentenexperte Prof. Axel Börsch-Supan, Direktor des Munich Center fort he Econimics of Aging (MEA) am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik in München. Der Titel hat es in sich: Vorschläge für eine Reform der gesetzlichen Rentenversicherung. Mal wieder eine Reform, möchte man meinen. Rentenreformen in der Vergangenheit bedeuteten immer: länger arbeiten, weniger Renten. Wie sieht es diesmal aus?

Regelungen für Rente ab 2025

Auf den ersten Seiten umreißen die Experten den Zielkonflikt. Der demografische Wandel, Generationengerechtigkeit, immer weniger Beitragszahler müssen für die Rentnergeneration aufkommen – die auch noch immer länger lebt und damit länger Rente bezieht. Schon die rot-grüne Bundesregierung unter Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte versucht gegenzusteuern mit der Einführung eines sogenannten Nachhaltigkeitsfaktors, der die Lasten der Rentenversicherung gerechter verteilen sollte und zu einem Absenken des Rentenniveaus führte.

Dieser Nachhaltigkeitsfaktor wurde die die aktuelle Bundesregierung 2018 ausgehebelt und bis 2025 durch die sogenannte doppelte Haltelinie ersetzt. Der Beitragssatz in der gesetzlichen Rentenversicherung wurde auf 20 Prozent begrenzt. Zugleich soll das Rentenniveau nicht unter 48 Prozent sinken.

In dem Gutachten geht es um die Rentenregelung, die sich nach 2025 anschließen soll. Die Experten schreiben: "Dabei konzentriert sich das Gutachten aus Reformen innerhalb der gesetzlichen Rentenversicherung, ohne die grundsätzliche Struktur der deutschen Altersvorsorge in Frage zu stellen. Daher werden Vorschläge wie die Einbeziehung von beamtet und selbständig Erwerbstätigen in die gesetzliche Rentenversicherung ebenso ausgeklammert wie Vorschläge zur größeren Verbreitung von Betriebsrenten oder der Vorschlag einer aktenbasierten Zusatzrente…"

Kritik von Frank Frenzel Klar wird also schon zu Beginn: Wieder soll nur am bestehenden System gefeilt, besser  herumgedoktert, werden. Ein Blick über den Tellerrand hinaus, wie es andere Länder wie Schweden, Österreich, Finnland oder die Niederlande besser machen – Fehlanzeige.

Bisheriger Faktor: die doppelte Haltelinie – für Experten nicht mehr haltbar

In den folgenden drei Kapiteln beschreiben die Experten die demografische Entwicklung in Deutschland und was passiert, wenn das bestehende Rentenrecht und die sogenannte doppelte Haltelinie beibehalten wird. Die Prognosen sind düster. 

Schon in den 2030er-Jahren würden die Rentenbeiträge über 23 Prozent steigen (aktuell 18,6 Prozent) und das Rentenniveau dennoch weiter sinken, auf unter 46 Prozent. Und es wären trotzdem horrende Steuermittel nötig, um die Rente zu stabilisieren. Würde man das über die Mehrwertsteuer machen, müsste diese im Jahr 2040 auf 27,2 und im Jahr 2060 auf 32 Prozentpunkte angehoben werden. Ein Horrorszenario. Die Experten fordern deshalb dringende Reformen.

Die vorgestellte Idee: Rente mit 68

Kapitel V beschreibt eine "Regelgebundene Anpassung des Renteneintrittsalters an die Entwicklung der Lebenserwartung." Die Botschaft ist klar. Wer länger lebt, sollte auch – zumindest etwas – länger arbeiten.

Die Experten knüpfen an die schrittweise Einführung der Rente mit 67 an, die 2012 begann und 2030 abgeschlossen ist. Dabei wird eine längere Lebenserwartung im Verhältnis 2:1 umgesetzt, das heißt,. ein Jahr längere Lebenserwartung bedeutet acht Monate länger arbeiten bis zum Rentenbeginn – und vier Monate längerer Rentenbezug.

Die Gutachter empfehlen, das Prinzip ab 2031 fortzuführen. "Demgemäß läge bei Anwendung dieser 2:1-Regel das normale Renteneintrittsalter für eine abschlagfreie Rente ('Vollrentenalter“) im Jahr 2040 bei 67,8 Jahren und 2050 bei 68,6 Jahren", heißt es.

Kritik von Frank Frenzel Die Pläne gehen damit über eine Rente mit 68 hinaus. Sogar eine Rente mit 70 ist bei diesen Plänen für jüngere Versicherte nicht ausgeschlossen.

Immerhin empfiehlt der Beirat, die Regelaltersgrenze als feste Norm abzuschaffen und durch ein "Renteneintrittsfenster" zu ersetzen, innerhalb dessen Versicherte ihren Rentenbeginn frei wählen können. Also mehr Flexibilität – und auch arbeiten über die Regelaltersgrenze hinaus, was allerdings auch heute schon möglich ist.

Beispielrechnungen: das Phantom Eckrentner

Interessant ist in diesem Kapitel V noch folgendes: In Beispielrechnungen zeigen die Experten, dass trotz eines höheren Renteneintrittsalter das Rentenniveau weiter absinken wird, unter die heutige Marke von 48 Prozent des durchschnittlichen Bruttoverdienstes. Offenbar um das schönzurechnen, fordern sie eine neue Definition der Standardrente, welche künftig anstatt mit 45 Versicherungsjahren mit 47 berechnet wird, "damit das erreichte Sicherungsniveau nicht kleiner dargestellt wird, als es tatsächlich ist."

Kritik von Frank Frenzel Dazu muss man wissen, dass die Standardrente auf der Basis von 45 Beitragsjahren mit einem Durchschnittsverdienst berechnet wird. Ein fiktiver Wert, bekannt auch als sogenannter Eckrentner. Nur: Diesen Eck-oder Standardrentner gibt es praktisch nicht. Er ist eine Art Phantom. Weil Schul- und Studienzeiten nicht mehr wie früher bei der Rente angerechnet werden, ist es für viele praktisch unmöglich, auf 45 Versicherungsjahre zu kommen. Und auf 47 Jahre erst recht nicht.

Neue Rechen- und Statistiktricks?

Im Kapitel VI wird es dann kompliziert – aber auch sehr interessant. Offenbar wollen die Experten mit einem Statistiktrick die Rente künftig besser aussehen lassen, als sie ist. So erklären sie, dass das Sicherungsniveau der Rente gar nicht entscheidend sei, sondern die Kaufkraft der Rente. Sie empfehlen deshalb als weitere Kennzahl der Rentenversicherung den Begriff "Kaufkraft der Rente". Denn selbst wenn das Sicherungsniveau der Rente sinkt, würde ja die Kaufkraft steigen.

Dazu muss man wissen, dass das Sicherungs- oder auch Rentenniveau aktuell etwa 48 Prozent beträgt. Und zwar bezogen auf den Durchschnitt der im Arbeitsleben erzielten Verdienste. Schon gar nicht beträgt die Rente 48 Prozent des letzten Bruttolohnes, der am Ende eines Berufslebens oft höher ist als am Anfang. Bei Beamten ist das übrigens anders: Sie bekommen – bei entsprechend langer Berufszugehörigkeit – bis zu 71,75 Prozent vom letzten Bruttolohn als Pension und müssen dafür nicht mal Beiträge zählen.

Wenn also das Sicherungsniveau der gesetzlichen Rente sinkt, hat das schon Auswirkungen auf die künftigen Rentner. Das sehen sogar die Macher der Studie selbst und schreiben: "Allerdings hängt das Zufriedenheitsniveau vieler Menschen nicht nur vom eigenen Einkommen, sondern auch von der Relation dieses Einkommens zu dem Anderer ab. Wenn sich also Menschen, die Rente beziehen, am Einkommen der arbeitenden Menschen orientieren, so werden sich viele abgehängt fühlen, obwohl die Kaufkraft ihrer Rente steigen mag".

Modell 1: Renten sollen von Lohnentwicklung abgekoppelt werden

Dann greifen die Experten vollends in die Trickkiste. Sie empfehlen die Zugangsrente (also die Rente eines Neurentners) zunächst auf dem Niveau der aktuellen Haltelinie (nämlich 48 Prozent) zu berechnen und diese dann von der weiteren Entwicklung der Löhne abzukoppeln. Die Renten werden dann nur noch mit der allgemeinen Inflationsrate erhöht und nicht mehr wie bisher parallel zur Lohnentwicklung der Erwerbstätigen. Das eingesparte Geld soll für die Finanzierung der Zugangsrenten der nachrückende Neurentner – eben auf dem Anfangsniveau von 48% – verwenden.  

Das klingt verdächtig nach Schneeballsystem. Die Experten schreiben dazu: "Der Beitrag der älteren Generation zur nachhaltigen Finanzierung der Rentenversicherung besteht also im Verzicht auf ein stärkeres Rentenwachstum während der Rentenbezugszeit." Zur Klarstellung: mit "älterer Generation" sind in diesem Fall jene Menschen gemeint, die in ferner Zukunft bis 67 oder 68 Jahre arbeiten sollen. Eine Beispielrechnung zeigt dann sogar, was das konkret bedeutet: Eine heute 53-jährige Person geht im Jahr 2035 mit 67 in Rente, bei einem Sicherungsniveau von 48 Prozent. Danach sinkt das Verhältnis der monatlichen Rente zu den Löhnen – im Alter von 85 Jahren läge das Sicherungsniveau dann nur noch bei 38 Prozent.

Kritik von Frank Frenzel: Stichwort Altersarmut Wenn im hohem Alter das Sicherungsniveau sinkt, können Rentner in finanzielle Nöte kommen. Die Löhne steigen schneller als die Renten und die Rentner werden im Verhältnis zur arbeitenden Bevölkerung ärmer.

Die Experten geben sogar zu, dass besonders langlebige Menschen nach diesem Modell Gefahr laufen, im hohen Alter an die Armutsgefährdungsgrenze zu kommen, wenn sie weniger als die Standardrente bekommen.

Modell 2: Das Sockelschutzmodell

Der wissenschaftliche Beirat präsentiert jedoch noch ein weiteres Modell der Rentenkürzung, wohlgemerkt für jene, die erst in ferner Zukunft in Rente gehen. Es hat den wohlklingenden Namen "Sockelschutzmodell".

Die Experten schlagen vor, nur für eine begrenzte Anzahl von Rentenpunkten nach den heutigen Gesetzen zu berechnen, also nicht zu kürzen. Das wäre der "Sockel". Darüberhinausgehende Rentenansprüche bekommen jedoch einen "Dämpfungsfaktor". Sie sind also weniger wert. „Dies führt zu einer relativen Aufwertung geringer gegenüber höheren Renten und wirkt sich somit direkt in einer Verringerung der Armutsgefährdung aus.“, so der Beirat.

Klingt gut. Nur: in der folgenden Beispielrechnung des Beirates endet der "Sockelschutz" schon bei 15 Entgeltpunkten. Das sind aktuell nach Rentenwert Ost knapp 500 Euro. Nur bis zu dieser Höhe würden Renten nach den heutigen Gesetzen berechnet – und Beträge die darüber hinausgehen würden gekürzt werden. Geht ein Versicherter also mit 30 Entgeltpunkten in die Rente – nachheutigem Wert ca. 1.000 Euro – dann bleiben 15 Punkte (500 Euro) unangetastet und die darüber liegenden anderen 15 Punkte (weitere 500 Euro) werden gekürzt. Die Gesamtrente würde dann unter 1.000 Euro liegen. Wie das zu einer Verringerung der Armutsgefährdung führen soll, bleibt wohl Expertengeheimnis.

Völlig abstrus erscheint dann die Begründung für dieses Vorhaben. Die Experten bemerken zu recht, dass damit das Äquivalenzprinzip der Rente verletzt werden würde, das eine "strikte Proportionalität" zwischen Rentenpunktzahl und Rentenhöhe vorschreibt. Aber – so die Autoren – bei der "Äquivalenz" würde ja nicht die Rentenbezugsdauer berücksichtigt. Und hier würden empirische Studien in Deutschland zeigen, "dass die Lebenserwartung positiv mit dem Einkommen korreliert ist." Oder anders gesagt, je mehr man verdient, desto länger lebt man.

"Dadurch haben Geringverdiener pro erworbenen Entgeltpunkt einen Renditenachteil gegenüber Besserverdienenden, da die erwartete Bezugsdauer von Geringverdienenden im statistischen Durchschnitt niedriger ist", heißt es.

Kritik von Frank Frenzel Auf diese Begründung für eine Rentenkürzung muss man erstmal kommen! Zwar gibt es tatsächlich Statistiken, die einen Zusammenhang zwischen Einkommen/ Vermögen und Lebenserwartung sehen, dies aber als Grundlage für eine Rentenkürzung wegen eines vermeintlichen Renditenachteils zu machen, ist sehr gewagt.

Der Beirat will sich dabei auf keines der beiden Modelle festlegen. Ob Abkopplung der Renten von der Lohnentwicklung + Dynamisierung entlang der Inflation oder Sockelschutzmodell – beide Modelle hätten Vor- und Nachteile. Die Experten drängen aber, die Diskussion darüber bald zu führen. Das dürfte spannend werden.

Wie die Rentenreform schmackhaft gemacht werden soll

Am Ende ihrer Reformpläne diskutieren die Experten diverse Aspekte zum Thema Generationengerechtigkeit und zählen einige "Fehlvorstellungen" auf, die ihrer Ansicht nach Rentenreformen behindern. So sei der Gesundheitszustand von Menschen bei Renteneintritt viel besser als angenommen, ältere Menschen seien am Arbeitsplatz genauso produktiv wie jüngere und es sei ein Märchen, dass die Weiterbeschäftigung von älteren Menschen es jungen Menschen schwerer macht, Arbeit zu finden.

Zuletzt empfiehlt der Wissenschaftliche Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums "die anstehende Rentenreform mit einer Informationskampagne zu verbinden, welche über die Möglichkeiten und Grenzen dieser Reform aufklärt…"

Quelle: MDR Umschau

Mehr zum Thema Rente

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 08. Juni 2021 | 20:15 Uhr

Mehr aus Politik

Der Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow 4 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mehr aus Deutschland

Ein Mann spricht in seinem Computer für ein Interview 1 min
Michael Bauer, Thüringer Intensivkoordinator, spricht von "milder Triage" Bildrechte: MDR
01.12.2021 | 16:17 Uhr

Aufgrund der angespannten Coronlage müssen in Thüringen planbare Operationen von Krebs- oder Herz-Patienten aufgeschoben werden. Der Intensiv-Koordinator Michael Bauers sprach von einer "milden Form der Triage".

Mi 01.12.2021 15:50Uhr 00:20 min

https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/panorama/video-triage-patienten-warteliste-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video