Interview mit angehender Ärztin Schwangerschaftsabbrüche im Studium: Viel Ethik, keine Praxis

Johannes Angermann
Bildrechte: MDR/Markus Geuther

Wie man einen Schwangerschaftsabbruch vornimmt, lernen angehende Ärztinnen und Ärzte nicht im Studium. Ethische und rechtliche Grundlagen würden vermittelt, aber das Medizinische komme zu kurz, sagt Selina Zahn, die in Leipzig Medizin studiert. Um die Lücke zu schließen organisiert ihre Hochschulgruppe Kurse, in denen Studierende vorbereitet werden. Dabei üben die angehenden Ärzte an einer Papaya, wie man einen Abbruch in der Praxis durchführt.

Uterus Modell
Ausbildung im Medizinstudium an einem Uterusmodell (Symbolbild) Bildrechte: imago images/YAY Images

MDR AKTUELL: Frau Zahn, kommt das Thema Schwangerschaftsabbruch im Medizinstudium vor? Können Medizin-Studierende an den Universitäten lernen, wie ein Schwangerschaftsabbruch vorgenommen wird?

Selina Zahn: Im sächsischen Lehrplan steht, dass die medizinischen Aspekte vom Schwangerschaftsabbruch behandelt werden sollen – aber auch die rechtlichen und ethischen. Ich habe das Gefühl, dass die medizinischen Aspekte oft zu kurz kommen. Das hängt auch immer stark von den Dozierenden ab.

Es ist wichtig, dass wir über ethische und rechtliche Aspekte sprechen, aus der Situation heraus, dass Schwangerschaftsabbrüche illegal sind. Abbrüche sind aber in Deutschland bis zur 12. Woche möglich. Wir sollten da hin kommen, dass das nicht immer wieder von Neuem diskutiert wird.

Ist es zu viel Theorie, zu viel Recht, zu viel Ethik? Wird, was Studierende an der Uni lernen, den Bedürfnissen der Patientinnen gerecht?

Ich habe nicht das Gefühl, dass sich die Lehre an den Bedürfnissen der Betroffenen orientiert. Es geht viel um einen selber: Wie stehe ich ethisch dazu? Wie bin ich rechtlich abgesichert oder gefährdet? So ist es leider oft in der medizinischen Ausbildung. Es geht oft nicht in erster Linie um die PatientInnen.

Lernen Medizinstudierende dann später im praktischen Jahr, wie ein Schwangerschaftsabbruch durchgeführt wird?

Man muss im praktischen Jahr gar nicht auf einer gynäkologischen Station arbeiten. Nur, wenn man es sich aussucht, geht man auf die Gynäkologie. Und da ist es davon abhängig, ob Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt werden. Ich war zum Beispiel in einem katholischen Krankenhaus, da wurden keine Abbrüche vorgenommen. Auch in manchen Unikliniken werden keine durchgeführt.

Schwangerschaftsabbruch – Praktische Ausbildung durch Kolleginnen und Kollegen

Wie lernen angehende Ärztinnen und Ärzte es dann?

Ich hoffe, ich werde es in der Facharztausbildung zur Gynäkologin lernen. Im sächsischen Lehrplan steht es nicht konkret drin. Ich hoffe, dass ich es in dem Krankenhaus, in dem ich die Ausbildung mache, lernen kann. Und dass es da Personen gibt, die mich anleiten.

Für FachärztInnen in der Ausbildung gibt es auch eine Online-Fortbildung bei Doctors for Choice. Dafür bekommt man sogar Credits für die Ausbildung. Aber die ist eben nur online.

Fem*med Leipzig organisiert Kurse, in denen Studierende einen Abbruch an Papayas üben können. Wie wird das angenommen?

Das Konzept kommt von den Medical Students for Choice aus den USA. Als wir das hier vorgestellt haben, haben sich schnell 20 Leute angemeldet. Auf so viele hatten wir es begrenzt. Es haben sich aber noch mehr angemeldet. Wenn wir den Kurs nochmal veranstalten, würden sich wieder viele finden, die daran teilnehmen.

Dieser Papaya-Workshop ist nicht dazu da, um danach irgendwas zu können. Es ist offensichtlich nicht das Gleiche, wie eine richtige Abtreibung. Aber der Workshop ist ein Medium zur Aufklärung: Um zu sehen, wie simpel eine Abtreibung ist und wie groß das aufgebauscht ist.

Zahn: Studierende politisieren sich

Die Zahl der Ärztinnen und Ärzte, die Abbrüche vornehmen, ist stark zurückgegangen. Es gibt eine Lücke in der Ausbildung. Schaffen Initiativen wie Fem*med es, alle angehenden Ärztinnen und Ärzte zu erreichen?

Ich glaube, der Mangel an Ärzten, die Abbrüche durchführen, liegt nicht nur an der Ausbildung. Es liegt am Willen, das zu tun. Weil es ein stigmatisierter Eingriff ist. Weil Ärztinnen vor Gericht standen, wegen angeblicher Werbung. Es gibt viel Gegenwind. Und der Weg des geringeren Widerstands ist, keine Schwangerschaftsabbrüche anzubieten.

Unser Weg ist, das Thema zu normalisieren. Damit die Menschen sehen, dass ein Abbruch kein schlimmer Eingriff ist. Er ist ein wesentlicher Teil der Selbstbestimmung von Frauen. Dieses Recht der Selbstbestimmung ist bedroht. Und deswegen ist es auch so wichtig, dass eine neue Generation von Ärztinnen davon überzeugt ist, dass Schwangerschaftsabbrüche zur Verfügung gestellt werden müssen.

In den 60er und 70er-Jahren gab es eine ganze Generation von Ärztinnen, denen das Thema wichtig war. Heute gibt es die Debatte um den Paragrafen 219a. Wächst da eine neue Generation heran, denen das Thema wieder wichtig ist?

Ich glaube schon, dass durch 219a mehr Bewusstsein für das Thema vorhanden ist. Ich habe das Gefühl, dass die Studierendenschaft politisierter ist. Es gründen sich ganz viele kritische Medizingruppen. Da wird sich vernetzt. Und diese Gruppen setzen sich auch alle für das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche ein.

Die Frage ist aber: Wie viele von den Leuten werden dann GynäkologInnen und bieten dann selber Schwangerschaftsabbrüche an? Nur weil die Studierenden politisierter sind, wird die Versorgung noch nicht besser.

Sollte ein Schwangerschaftsabbruch ganz legal möglich sein in Deutschland?

Ja. Wenn man sagt, es ist bis zur 12. Woche okay, dann muss man da keinen Umweg gehen über "Illegalität, außer wenn." Zu sagen: "Bis zur 12. Woche sind Schwangerschaftsabbrüche legal", würde völlig ausreichen. Das würde viel Stigmatisierung verhindern.

Mit welchem Gefühl werden Sie als Ärztin an diesen Eingriff gehen?

Ich habe früher schon gedacht: Wenn ich Frauenärztin bin, möchte ich Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Weil ich mitbekommen habe, wie schrecklich es ist, wenn Abbrüche nicht verfügbar sind und Frauen versuchen, selber abzutreiben. Wenn Frauen sterben, weil sie nicht sicher abtreiben können.

Ich dachte immer, dass das Beenden einer Schwangerschaft frustrierend sein muss als Ärztin, dass einen das auf Dauer traurig macht. Aber im Verlauf meines Studiums ist mir bewusst geworden, dass es für viele Frauen auch eine ganz große Erleichterung ist. Es ist ein kleiner Eingriff, der Frauen super krass helfen kann, aus einer Notsituation herauszukommen.

Zur Person Selina Zahn, 25, kommt aus der Nähe von Köln. Nach ihrem Bachelor in Psychologie studiert sie derzeit im 7. Semester Medizin an der Universität Leipzig. Sie ist Mitglied von KritMed, der Leipziger Hochschulgruppe Kritische Medizin. Im Rahmen dieser war sie lange in der Arbeitsgruppe Fem*med aktiv.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 17. Januar 2022 | 17:30 Uhr

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