Plattenbauten im Osten Vom Wunschwohnviertel zum sozialen Brennpunkt

Erfurt-Nord, Dresden-Gorbitz, Leipzig-Grünau: einst begehrte Wohngegenden, heute Problemviertel. Doch warum ist das so? Was müsste die Politik tun, um das wieder zu ändern? Reinhold Sackmann ist Professor für Sozialstrukturanalyse an der Universität Halle und erklärt es am Beispiel Halle-Silberhöhe.

Blick auf Halle Silberhöhe
Blick auf die Silberhöhe in Halle Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Sie haben eine Studie zur Lebenssituation und zum Entwicklungspotenzial von Bürgern und Bürgerinnen im Halleschen Stadtteil Silberhöhe durchgeführt. Was lässt sich hier über das Wohnviertel sagen?

Reinhold Sackmann: Die Silberhöhe ist ein sozial benachteiligter Stadtteil. Und allgemein kann man sagen, dass die Segregation (Anmerkung der Redaktion: Segregation bezeichnet das Sichtbarwerden sozialer Unterschiede in der Gesellschaft, etwa durch eine Konzentration verschiedener Bevölkerungsschichten in verschiedenen Stadtvierteln.) in Halle und anderen ostdeutschen Großstädten in den letzten 20 Jahren zugenommen hat. Silberhöhe hat einerseits sehr schöne Teile, das sollte man nicht vergessen. Aber es hat andererseits eine enorm hohe Kinderarmut, eine Konzentration von über 50 Prozent. Das ist problematisch.

Ursprünglich war es ein modernes Wohnviertel. Wieso haben sich Image und Lebensrealität so gewandelt?

Reinhold Sackmann: Das ist komplex. Silberhöhe wurde in den 1980er-Jahren gebaut, also relativ spät in der DDR-Zeit. Da wurde sehr schnell Wohnraum hochgezogen. Nach der Wende wurde es im Diskurs abgewertet. Man hat sehr schnell diese westdeutsche Vorstellung übernommen, dass Großwohnsiedlungen soziale Brennpunkte sind. In den 1990er-Jahren hatten wir einen starken Wegzug aus der Silberhöhe, und in den 2000er-Jahren wurden dort über die Hälfte der Gebäude abgerissen. Auch für die Bewohner war das sehr unangenehm zu sehen, wie Wohnraum, der gerade frisch gebaut worden ist, wieder abgerissen wurde.

Wir haben zudem weiter die Situation, die für Ostdeutschland nicht ungewöhnlich ist, dass wir keinen sozialen Wohnungsbau haben. Dass die kommunalen Wohnungsverteilungsmaßnahmen dazu führen, dass wir immer wieder neue Leute hingeschoben bekommen in diese Stadtteile, die geringe Einkommen haben, die gezwungen sind, dort zu wohnen. Für Menschen, die Hartz-IV-Empfänger oder im niedrigsten Lohnbereich sind, sind die Erstattungssätze der Regelleistungen sozusagen zwingend. Wenn sie in einer Gegend wohnen wollen, wo die Mieten deutlich höher sind, dann bekommen sie die nicht mehr vom Sozialamt erstattet. Sie müssen sie selber tragen, wenn sie selber kein Geld haben. Dann sind 100 Euro, die sie zusätzlich für die Miete aufbringen wollen, die von der Sozialhilfe abgezogen werden, nicht möglich. Von daher sind sie gezwungen, in diese Stadtviertel zu ziehen. Über die Zeit entwickeln sich dadurch sehr hohe Konzentrationswerte beispielsweise von Kinderarmut.

Reinhold Sackmann
Reinhold Sackmann Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Heißt das, die Entwicklung solcher Problemviertel ist von der Politik hausgemacht?

Reinhold Sackmann: Man hat bei den Grundregelungen zu den Kosten der Unterkunft primär daran gedacht, dass die Kosten nicht zu sehr steigen sollen. Man hat aber übersehen, dass man hier zumindest für sehr hohe Konzentrationswerte von bestimmten Problemen wie Kinderarmut sorgt, von denen man in der Wissenschaft weiß, dass sie höchst problematisch kurzfristig, aber auch langfristig sind. Man hat hierfür keine Regelungen, die Bremsen einbauen würden. Es gibt zwar einen Passus im Gesetz, der eigentlich in diese Richtung geht. Der ist aber bisher von den Gerichten so ausgelegt worden, dass Kinderarmutskonzentration überhaupt nicht berücksichtigt wird.

Bei dieser Ghettoisierungs-Passage wird bisher in der Anwendung nur berücksichtigt, dass Erwachsene quer in der Stadt herumziehen können und von daher diese Effekte nicht auftreten, wenn man die ganze Stadt betrachtet. Das ist bei Kindern nicht der Fall. Hier ist stärker zu berücksichtigen, dass Kinder spezifische Bedingungen haben und hier eine Armutskonzentration problematisch ist. Dass es deshalb im Interesse der Gesamtgesellschaft ist, solche Problemkonzentrationen nicht weiter durch staatliches Geld zu unterstützen, erscheint mir eine sinnvolle Maßnahme.

Welche Folgen hat die Armutskonzentration in diesen Vierteln? Wie steht es um Chancengleichheit für Kinder, für Familien?

Reinhold Sackmann: Man muss unterscheiden zwischen Erwachsenen und Kindern. Erwachsene sind im Alltag nicht immer im Stadtteil. Sie gehen ihrer Erwerbstätigkeit nach, sind nicht gebunden an den Ort. Kinder dagegen, insbesondere kleine Kinder, verbringen fast 100 Prozent ihrer Zeit im Stadtteil, bleiben in den Schulen und mischen sich mit den Leuten, die in dieser Gegend auch wohnen. Wir wissen, dass hohe Kinderarmutskonzentrationen in solchen Gebieten dazu führen, dass die Bildungschancen von den Kindern stark beeinträchtigt werden. Zum einen ist die Sprachfähigkeit gedämpft in der Entwicklung, die Bildungsleistungen insgesamt sind reduziert. Auch Erwartungenen an das Leben, die man hat, reduzieren sich stark, sodass wir langfristig eine Verfestigung von Armut dadurch haben, dass sie vererbt wird, indem die Bildungschancen dieser Kinder beeinträchtigt werden.

Was macht das langfristig mit Menschen, wenn sie in einem Viertel leben, das von außen stigmatisiert ist?

Reinhold Sackmann: Das ist sehr unterschiedlich. Normalerweise ist die Außensicht sehr viel negativer. In der Binnensicht nimmt man durchaus auch wahr - die Silberhöhe ist grün, es gibt sehr schöne Erholungsgebiete drumherum. Es gibt nette Orte, wo man sich wohlfühlt. Auch die Wohnungen sind in der Regel nicht per se schlecht. In der Binnensicht ist es also nicht so problematisch. Aber es gibt natürlich auch Anpassungseffekte daran, wie Erwartungen sind. Wenn arme Menschen in reichen Stadtvierteln leben, ist der Druck sehr groß, sich anzupassen, sich anzustrengen. Wenn arme Menschen mit vielen armen Menschen zusammenleben, ist der Druck geringer. Das ist etwas gemütlicher, sozusagen. Aber es führt auch dazu, dass man die Erwartungen senkt: an die eigenen Wünsche, aber auch die Erwartungen an die Kinder, die man hat. Das kann in der Folge zu Problemen führen.

Was müsste die Stadt, was die Gesellschaft tun, um das zu ändern?

Reinhold Sackmann: Es gibt da verschiedene Ebenen. Wohnungspolitik wäre natürlich schön, aber da ist man auf den Bund angewiesen. Was man leichter ändern kann, sind bildungspolitische Maßnahmen. Andere Länder haben zum Beispiel Maximal-Quoten für sozialschwache Kinder in Bildungseinrichtungen, oder sie haben spezielle Unterstützungsprogramme für sozial schwache Kinder mit Extra-Nachhilfe. Oder sie geben den Schulen in diesen Stadtteilen mehr Mittel als anderen Schulen. Das macht man zum Beispiel in Frankreich. Alle diese drei Maßnahmen sind eigentlich recht effektiv. Deutschland ist das einzige OECD-Land, das nichts von diesen drei Sachen macht. Dazu ist gerade ein OECD-Bericht herausgekommen. So gibt es in Deutschland extrem starke Bildungsungleichheiten, insbesondere im unteren Bereich.

Normalerweise hat ein Bildungssystem immer offene Grenzen. Das heißt, wir haben ja kein Bildungssystem, das versucht, Leute in Teile hineinzuzwingen. Das ist eigentlich nur in der Kindergartenzeit und in der Grundschulzeit wirklich Strukturmerkmal. Für diese Zeiten wäre eine Öffnung in andere Stadtviertel durchaus etwas, was man überlegen kann. Aber nicht nur für die Kinder, sondern eben auch für die Eltern, weil die Eltern normalerweise ein Interesse daran haben, dass es ihren Kindern gut geht.

Wo steht die Silberhöhe in ein paar Jahren? Was passiert mit den Menschen vor Ort, wenn es jetzt auf dem jetzigen Stand bleibt?

Reinhold Sackmann: Bezogen auf die Silberhöhe kann man eigentlich sagen, dass es sich in den letzten zehn Jahren stabilisiert hat. Stabilisiert in einem meines Erachtens nicht unproblematischem Bereich, aber es ist nicht schlechter geworden. Das ist auch nicht von selbst gekommen, sondern es gab eine starke Zusammenarbeit von verschiedenen Akteuren in der Silberhöhe. Wohnungsgesellschaften, der Edeka-Laden, die großen Firmen, die ein Dienstleistungsunternehmen dort unterhalten, also Akteure, die daran interessiert sind, dass die Silberhöhe weiterkommt und sich weiterentwickelt. Und das hatte durchaus auch Effekte der Stabilisierung.

Ist die Ghettoisierung von solchen Vierteln ein ostdeutsches oder auch ein deutschlandweites Problem?

Reinhold Sackmann: Wir haben in Deutschland generell einen Anstieg von Segregationswerten. Wir finden in einzelnen Stadtteilen von Köln zum Beispiel eine ähnliche Problematik. Wir haben aber insofern eine spezielle ostdeutsche Situation, dass wir historisch keinen sozialen Wohnungsbau hatten. Und die meisten mitteldeutschen Bundesländer, wie zum Beispiel Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen in den 2000er-Jahren, haben, als der Bund wieder Mittel für sozialen Wohnungsbau zur Verfügung gestellt hat, diese nicht in Anspruch genommen und null Euro in diesen Bereich investiert. Während Bundesländer wie Bayern, Nordrhein-Westfalen oder Hamburg in diesen Bereich investierten und deshalb sehr viel besser durchmischte Städte haben, als wir in einigen ostdeutschen Großstädten.

Warum wurden die Mittel nicht in Anspruch genommen?

Reinhold Sackmann: Das ist eine Logik, die wir in einigen Teilen Ostdeutschlands haben: Die Städte, insbesondere die Großstädte, haben im politischen Feld nicht das Gewicht wie das platte Land. Im platten Land hatten wir Abwanderung und Wohnungsüberschüsse. Für die waren deshalb Neubauprogramme kein Thema. Und in den Umverteilungskämpfen sind die Städte diesbezüglich einfach leer ausgegangen.

Zur Person Reinhold Sackmann ist Professor für Sozialstrukturanalyse an der Universität Halle und leitet dort den Lehrstuhl für Soziologie. Darüber hinaus ist er Mitglied des Zentrums für Sozialforschung Halle e.V., das zusammen mit dem Institut für Soziologie seit knapp 25 Jahren Umfragen mit Einwohnern der Stadt zu deren sozialer Lebenswelt macht.

Quelle: MDR Umschau

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 09. November 2021 | 20:15 Uhr

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