Energieversorgung Was, wenn Russland den Gashahn zudreht?

Deutschland ist abhängig von russischem Erdgas: Rund 55 Prozent unseres Bedarfs kommen aus russischen Quellen – das sind die offiziellen Zahlen des Bundeswirtschaftsministeriums. Doch was passiert, wenn Präsident Wladimir Putin im weiteren Verlauf der Russland-Ukraine-Krise den Gashahn zudreht?

Noch strömt das Gas aus Russland zuverlässig. Doch wie lange noch? Um dem Westen zu schaden, müsste Wladimir Putin den Hahn gar nicht vollständig zudrehen. Ein bisschen Drosseln reicht und schon würde Gas weltweit teurer.

Durch die reduzierte Liefermenge würde Russland zwar weniger Geld einnehmen, aber nicht so viel weniger. Und das Land stehe wirtschaftlich gerade ganz gut da, sagt Oliver Holtemöller, Vizepräsident am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle. "Es hat sehr hohe Devisenreserven in den vergangenen Jahren gesammelt. Insgesamt belaufen die sich auf knapp 30 Prozent in Relation zum russischen Bruttoinlandsprodukt. Es gibt da einen Fonds, in dem Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft gesammelt werden und für Situationen, in denen es dann zum Beispiel Sanktionen gibt, entsprechende Leistungen erfolgen können. Also kurzfristig kann Russland durchaus einiges an Sanktionen verkraften."

Alternativen zu russischem Erdgas

Die Frage ist daher: Wie gut kann es der Westen verkraften, wenn bei einem eskalierenden Konflikt die Gaslieferungen ausbleiben? Ein bisschen Reserve ist da. Die deutschen Gasspeicher sind derzeit zu 30 Prozent gefüllt. Über diesen Winter kämen wir noch. Aber dann braucht es Alternativen. Ausgerechnet die USA, die in dem Konflikt eine zentrale Rolle spielen, sowie Katar und Australien bieten Flüssiggas an. Es könnte per Schiff über spezielle Nordsee-Terminals nach Europa gebracht werden.

Doch das reiche nicht aus, um die russischen Mengen zu ersetzen, sagt der Gasmarkt-Experte Heiko Lohmann. "Wir reden über 130 Milliarden Kubikmeter, die Richtung Zentral- und Westeuropa fließen. Und dafür reichen die Kapazitäten in den entsprechenden Terminals auf gar keinen Fall aus."

Wenn es also wirklich zu einem russischen Lieferstopp käme, sagt Lohmann, laufe es mittelfristig auf sehr hohe Gaspreise oder gar eine Rationierung hinaus: "Es gibt ja sogenannte Notfall-Pläne. Es gibt im Zweifelsfall die Möglichkeit, Industriekunden abzuschalten. Haushalte sind die allerletzten, die abgeschaltet werden, das wird man vermutlich vermeiden können. Und dann wird es, wie hat Churchill gesagt, Blut, Schweiß und Tränen geben. Das lässt sich aushalten, aber es wird mit erheblichen Einschränkungen verbunden sein."

Bundesverband für Windenergie fordert raschen Ausbau von Windkraft

So schlimm muss es nicht kommen. Doch das Szenario zeigt, dass es sinnvoll ist, sich unabhängiger zu machen. Zum Beispiel durch Wind- und Sonnenstrom. Den könnte man nutzen, um grünen Wasserstoff herzustellen, der auch Gaskraftwerke befeuern kann.

Der Sachsen-Chef des Bundesverbands Windenenergie, Martin Maslaton, fordert, den Ausbau der Windkraft nun massiv zu beschleunigen. Im Angesicht des Krieges sollten die Amtsstuben aufwachen: "Jetzt, nachdem in Europa, nicht zuletzt aus energetischen Fragen ein offener Krieg entbrannt ist, muss sich jeder – aber auch wirklich jeder, vom kleinsten Verwaltungsbeamten bis in die Spitzen aller Regierungen, die jetzt noch Windenergieanlagen verhindern – fragen lassen, ob das noch verantwortbar ist. Nicht nur, weil der Strom unendlich teuer wird, sondern weil wir letztlich auch dazu beitragen, unsere Abhängigkeit von einem russischen Massenmörder und Kriegstreiber weiter zu verfestigen."

Das ist harsche Rhetorik für eine sonst friedliche Branche. Vielleicht liegt es an einer gewissen Ausweglosigkeit. Denn selbst wenn Deutschland seine Windräder in diesem Jahr verdoppelt, der nächste Winter würde ohne russisches Erdgas trotzdem unbequem. Und wahrscheinlich weiß das auch Wladimir Putin.

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 25. Februar 2022 | 06:00 Uhr

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