Wütendes Pflegepersonal Verdi und Pflegeverband verteidigen Warnstreiks an Unikliniken

Alexander Laboda
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Mitten in der vierten Coronawelle haben am Dienstag deutschlandweit die Beschäftigten an mehreren Universitätskliniken gestreikt. Der Ärztliche Direktor der Universitätsklinik in Essen kritisierte, die Gewerkschaften würden die Pandemie als "Druckmittel" missbrauchen. Vertreterinnen von Berufsverbänden weisen auf die dauerhaft extrem schlechte Personalsituation und die Wut der Beschäftigten hin.

Beschäftigte im Gesundheitswesen nehmen an einem Warnstreik teil
Die Beschäftigten mehrerer Unikliniken sind am Dienstag in Warnstreiks getreten – mitten in der 4. Corona-Welle. Bildrechte: dpa

An mehreren Unikliniken deutschlandweit hat es Warnstreiks gegeben. An den Aktionen im Rahmen des Tarifkonflikts im öffentlichen Dienst beteiligten sich am Dienstag unter anderen Beschäftigte des Universitätsklinikums in Leipzig. Auch in Nordrhein-Westfalen, Bayern, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein legten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kliniken die Arbeit nieder.

Angesichts der extremen Belastung der Kliniken in der vierten Coronawelle kam an den Streiks Kritik auf. Der Ärztliche Direktor der Universitätsklinik in Essen, Jochen A. Werner, erklärte bereits am Montag, er könne "nicht nachvollziehen, dass zur Durchsetzung von Tarifforderungen ausgerechnet Universitätskliniken bestreikt werden, die gerade jetzt mitten in der Pandemie eine besonders wichtige Rolle spielen." Die Gewerkschaften würden die Pandemie als "Druckmittel" missbrauchen.

Dauerhafte Notbesetzung in der Pflege

Vertreterinnen von Gewerkschaften und Berufsverbänden traten solcher Kritik am Dienstag entgegen. "Ein Streik ist immer legitim", sagte Birgit Green, Vorstandsmitglied des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe Südost MDR AKTUELL.

In der Pflege gebe es außerdem eine Notabsicherung. Die Versorgung der Patienten sei gewährleistet. "Das eigentlich Kritische ist, dass wir 365 Tage im Jahr mit einer Notbesetzung arbeiten." Daher könnten ohnehin nur sehr wenige Pflegekräfte auf die Straße gehen.

Das eigentlich Kritische ist, dass wir 365 Tage im Jahr mit einer Notbesetzung arbeiten.

Birgit Green Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe

In der Tarifauseinandersetzung gehe es darum, dass die Arbeitgeber mit einer höheren Vergütung die dauerhaft erhöhte Belastung seit Ausbruch der Pandemie anerkennen, erläuterte Green, die am Uniklinikum in Jena den Pflegedienst in mehreren Ambulanzen leitet. Zudem müsse der Beruf dringend attraktiver werden: "Mittlerweile finden sie niemanden mehr, der den Job machen will, obwohl die Stellen ausgeschrieben sind." Ein hoher Tarifabschluss sei hier nur ein kleiner Schritt.

Verdi und der Beamtenbund dbb fordern für die bundesweit mehr als eine Million Landesbeschäftigten, zu denen die Beschäftigten an den Kliniken gehören fünf Prozent mehr Gehalt. Für das Personal im Gesundheitswesen fordern sie mindestens 300 Euro mehr im Monat.

Beschäftigte wütend

Ähnlich äußerte sich Grit Genster, Leiterin des Bereichs Gesundheitspolitik bei Verdi. Die Beschäftigten seien wütend, weil die Arbeitgeber durch die Pandemie keine bessere Bezahlung begründet sehen. "Die Belastung war schon vor der Pandemie hoch, in den vergangenen zwanzig Monaten wurde in den Kliniken über physische und psychische Grenzen hinaus gearbeitet."

Nichts gefährde Patienten jedoch mehr als eine dünne Personaldecke. "Am Verhandlungstisch haben sich die Arbeitgeber bisher nicht bewegt. Deshalb sind wir jetzt beim Streik angekommen, der immer das letzte Mittel ist", sagte Genster.

Weitere Schritte gegen Pflegenotstand

Beide Berufsvertreterinnen mahnten dringend weitere Schritte an, um die Lage in der Pflege zu verbessern. "Die Beschäftigten erwarten auch, dass es endlich Entlastung und mehr Personal gibt. Hier ist vor allem der Gesetzgeber und die neue Bundesregierung in der Verantwortung", sagte Genster.

Genster verwies ebenso wie Brigit Green auf die "Pflegepersonal-Regelung 2.0" (PPR 2.0.). Dabei handelt es sich um ein Instrument zur verbindlichen Bemessung des notwendigen Pflegepersonalbedarfs und der Pflegepersonalausstattung.

Nach Angaben von Verdi und anderen Verbänden würden Pflegepersonalkosten mit PPR 2.0 so kalkuliert, dass "Standards einer qualitativ hochwertigen Patientenversorgung angewendet" werden können.

Der Vorschlag liege bereits lange auf dem Tisch und müsste von der neuen Regierung endlich umgesetzt werden.

Quelle: MDR AKTUELL/dpa

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL Radio | 17. November 2021 | 06:00 Uhr

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