FAQ Warum nutzen so viele Rechtsextreme und Querdenker Telegram?

Aktuell-Redakteure - Lucas Grothe
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Auf dem Messengerdienst Telegram werden nicht nur private Nachrichten geschrieben. Auch viele Rechte und Querdenker nutzen den Kanal, um ihr Gedankengut zu verbreiten. Doch warum gerade dort? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was ist Telegram?

Telegram ist ein Messengerdienst, auf dem Nutzer Nachrichten hin- und herschreiben können – ähnlich dem zum Facebook-Konzern (inzwischen Meta) gehörenden Messengerdienst Whatsapp. Telegram ist inzwischen zu einer echten Konkurrenz für Whatsapp geworden, laut Unternehmen knackte Telegram Anfang des Jahres die Marke von 500 Millionen Nutzern weltweit. Whatsapp hat rund vier Mal so viele Nutzer.

Wie ist Telegram entstanden?

Gegründet wurde Telegram 2013 von dem Russen Pawel Durow, der auch die Facebook-Konkurrenz VKontakte aufbaute. Durow kam nach eigenen Angaben in Konflikt mit dem russischen Staat, weil er sich weigerte, diesem Zugriff auf seine Onlinedienste zu geben und lebt inzwischen im Ausland. Seitdem stellt er Telegram auch als Messengerdienst dar, der sich staatlicher Regulierung entzieht.

Wie ist Telegram aufgebaut?

Telegram läuft über eine Smartphone-App, lässt sich aber auch auf einem Computer nutzen. Nutzer benötigen eine Mobilfunknummer und können dann verschiedene Funktionen gebrauchen. Viel genutzt wird vor allem die Chat-Funktion direkt mit einer Person oder innerhalb einer öffentlichen oder privaten, geschlossenen Gruppe. Auch Videoanrufe und Sprachnachrichten sind möglich. Daneben gibt es Kanäle, in denen nur die Kanalersteller Beiträge posten können – teilweise können die Beiträge dort aber öffentlich kommentiert werden.

Anders als etwa Whatsapp gibt es bei Telegram allerdings nicht generell eine sogenannte Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, also etwa von Smartphone zu Smartphone. Nutzer können also nicht sicher sein, dass ihre Daten nicht abgefangen und von anderen eingesehen werden.

Warum sind gerade auf Telegram so viele Rechtsextreme unterwegs?

Das Besondere an Telegram sind die öffentlich einsehbaren Gruppen, in denen es quasi keinerlei Regulierung gibt – anders als etwa bei Facebook, das inzwischen gegen Hasskommentare vorgeht. Lediglich islamistische Gruppen werden seit ein paar Jahren gelöscht. Eine Klarnamenpflicht gibt es ebenfalls nicht. Das macht den Messengerdienst für viele Gruppen so interessant.

In einigen Kanälen werden Drogen angeboten, in anderen wiederum Verschwörungstheorien verbreitet. Die meisten Gruppen bei Telegram sind harmlos, aber viele nutzen die Freiheit, die Telegram ihnen bietet, aus. Aber auch oppositionelle Gruppen in Autokratien wie dem Iran, Belarus oder in Hongkong haben Telegram für Protestorganisation genutzt.

Der Politikwissenschaftler Christoph Meißelbach von der Hochschule der sächsischen Polizei sieht mehrere Gründe, warum Telegram bei Gruppen am extremen Rand so beliebt ist. Zum einen gebe es mit Chats, Gruppen und Kanälen einen besonderen Umfang an Funktionen, dazu kämen eine weite Verbreitung und eine Profilierung als vermeintlich sichere aber unregulierte Plattform. Bei Telegram könnten sich solche Gruppen leicht zusammenfinden und Inhalte verbreiten.

Gehen die Behörden gegen Drohungen und Beleidigungen bei Telegram vor?

Bisher sind die Behörden nur selten bei Beleidigungen oder Drohungen bei Telegram aktiv geworden, dabei sind diese teilweise massiv, wie zuletzt eine MDR-Recherche oder auch Recherchen des ZDF gezeigt haben. Im Fall der Dresdner Gruppe, die offenbar Mordpläne gegen Sachsens Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) gehegt hatte, gab das Landeskriminalamt inzwischen bekannt, dass es Ermittlungen aufgenommen habe. Auch in Bezug auf Drohungen gegen sächsische Regierungsvertreter gibt es Ermittlungen.

Erschwert wird die Arbeit der Ermittlungsbehörden grundsätzlich durch die große Masse an (Hass-)Kommentaren und dadurch, dass es keine Klarnamenpflicht gibt. Außerdem ist unklar, wo genau die Telegram-Server stehen.

Sachsens Ministerpräsident hatte kürzlich gefordert, Telegram stärker zu regulieren. Zuletzt hatten zudem die Innenminister von Bund und Ländern sich dafür ausgesprochen, auch in Messengerdiensten Hass und Hetze stärker zu verfolgen. Dafür sollten das Netzwerkdurchsetzungsgesetz angepasst und Gesetzeslücken geschlossen werden.

Konkret ist bislang nur vorgesehen, dass ab Februar Anbieter sozialer Netzwerke wie Facebook oder Instagram rechtswidrige Inhalte dem Bundeskriminalamt melden müssen. Whatsapp oder Telegram betrifft diese Regeln bislang nicht.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 03. Dezember 2021 | 17:00 Uhr

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