Automobilindustrie Wie lang fahren Diesel und Benziner noch?

Die EU-Kommission hat sich geeinigt: Ab 2035 sollen nur noch emissionsfreie Neuwagen verkauft werden dürfen. Wann verschwinden damit Verbrenner von den Straßen? Die Meinungen darüber gehen weit auseinander.

Ein stark qualmender Auspuff
Der ADAC betont auch die Wichtigkeit der Forschung an alternativen Kraftstoffen, damit auch im Verkehr befindliche Verbrenner "ihren Beitrag zum Klimaschutz" leisten. Bildrechte: Colourbox.de

Auslaufmodell Diesel und Benziner? Sie sollen nach dem Willen der EU-Kommission ab 2035 nicht mehr verkauft werden dürfen. Verschwinden Verbrenner damit endgültig von den Straßen? "Ja, aber nicht schnell genug", sagt Benjamin Stephan von Greenpeace. "Um den Verkehrssektor auf einen 1,5 Grad kompatiblen Pfad zu bekommen wäre ein europäischer Verbrenner-Ausstieg bis 2028 notwendig gewesen", betont er.

Während die EU-Kommission also erst 2035 hart gegen Verbrenner durchgreifen will, hält es Greenpeace für notwendig, den Verkehrssektor in Deutschland dann bereits auf Klimaneutralität getrimmt zu haben. "Anders schaffen wir es nicht, die Verträge zum Pariser Klimaabkommen einzuhalten", so Stephan. 

Dr. Benjamin Stephan
"Bei konsequent vorangetriebener Energiewende kann der Strombedarf problemlos über erneuerbaren Strom gedeckt werden", erklärt Dr. Benjamin Stephan von Greenpeace. Bildrechte: Christian Rinke-Lazo/Greenpeace

Skepsis bei Experten der TU Dresden

Auch Frank Atzler glaubt fest daran, dass in nächsten Jahrzehnten noch Verbrenner unterwegs sein werden. Allerdings geht der Professor für Verbrennungsmotoren und Antriebssysteme der TU Dresden von gänzlich anderen Annahmen aus als Greenpeace: "Die Realität wird der Politik auf die Füße fallen, wenn jetzt Verbote für Verbrenner ausgesprochen werden."

Die Politik müsse aus völlig rationalen Gründen bei der Wahl der Technologien offenbleiben – dürfe nichts einseitig verteufeln, wie zurzeit den Verbrennungsmotor: "Weniger als 20 Prozent der gesamten Energiemenge, die wir in Deutschland verbrauchen, stammt derzeit aus erneuerbaren Quellen. Selbst wenn wir Windkraft und Photovoltaik massiv ausbauen, werden wir unseren Bedarf nicht annähernd mit grüner Energie decken können. Wir werden deshalb, so wie bisher auch, deutlich mehr als die Hälfte unseres Bedarfs importieren müssen."

Prof. Frank Atzler, TU Dresden
Frank Atzler, Professor für Verbrennungsmotoren und Antriebssysteme an der TU Dresden: "Die Realität wird der Politik auf die Füße fallen, wenn jetzt Verbote für Verbrenner ausgesprochen werden". Bildrechte: TU Dresden

Atzler sieht großes Potential in erneuerbarem Methanol, hergestellt aus grünem Wasserstoff und Recycling-CO2 im sonnenreichen Nordafrika: "So ein chemischer Energiespeicher ist nahezu unbegrenzt haltbar und kann auch für die Rückverstromung verwendet werden, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht. Und man kann damit auch Auto fahren!"

ADAC: Auch 2030 noch überwiegend Verbrenner auf den Straßen

Technologieoffene Vorschläge wünscht sich auch der ADAC. "Elektromobilität spielt sicher eine entscheidende Rolle dabei, Emissionen im Straßenverkehr zu senken. Sie ist aber absehbar nicht für jeden Bedarf geeignet", so eine Sprecherin. Hinzu kommt: "Wir können heute kaum ermessen, welche technischen Entwicklungen in zehn bis 20 Jahren denkbar sind – und angesichts der Herausforderungen können wir es uns nicht leisten, Forschung und Entwicklung jenseits der E-Mobilität abzuwürgen." Außerdem brauche man eine Lösung für den Bestand. "Es werden absehbar auch 2030 noch überwiegend Verbrenner auf unseren Straßen unterwegs sein. Diese jedoch können nur dann ihren Beitrag zum Klimaschutz leisten, wenn wir alternative Kraftstoffe weiterentwickeln", heißt es vom ADAC.

Ganz ähnlich klingt die Prognose aus dem Hause von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer: "Klar ist, dass wir einen Verbrenner mit fossilen Kraftstoffen nicht über 2035 hinaus brauchen." Das heiße aber nicht, dass man die Verbrennungstechnik grundsätzlich verbieten wolle. "Denn auch den Wasserstoff-Verbrennungsmotor und nicht-fossile Brennstoffe wie synthetische Kraftstoffe brauchen wir noch." Sprich: die besagten strombasierten Kraftstoffe.

Greenpeace: Gesamtenergiebedarf wird sinken

Dieses "Hin und Her" – von Sonnenstrom zu Methanol, von Nordafrika nach Europa, von Treibstoff zu Wärmeenergie – ist für Benjamin Stephan nicht die Lösung, sondern Teil des Problems: "Jeder Umwandlungsschritt verschwendet Unmengen an Energie, die wir besser mit batterieelektrischen Antrieben direkt für unsere Mobilität einsetzen. Mit der gleichen Ausgangsmenge erneuerbaren Stroms kommt ein Elektroauto fünf bis sieben Mal so weit, wie ein vergleichbarer Verbrenner mit strombasierten Kraftstoffen." Durch diesen Effizienzgewinn geht Stephan davon aus, dass der Energiebedarf durch die Elektrifizierung des Straßenverkehrs zwar steigt, der Gesamtenergiebedarf aber sinkt. "Bei konsequent vorangetriebener Energiewende kann der Strombedarf problemlos über erneuerbaren Strom gedeckt werden."

Was sagt das Umweltbundesamt?

Das Umweltbundesamt (UBA) hält einen Ausstieg aus dem Verbrennungsmotoren bei neuen Pkw zwischen 2032 und 2035 in Deutschland für notwendig – und zwar inklusive aller Hybridmodelle, die über einen Akku und einen Verbrennungsmotor verfügen. Wann die letzten Verbrenner dann abgemeldet sein werden, lässt sich laut UBA-Mitarbeiter Martin Lange schwer vorhersagen: "Ob der dann voraussichtlich höhere Kraftstoffpreis für die treibhausgasneutralen Kraftstoffe und gegebenenfalls andere Bepreisungsinstrumente dazu führen könnten, dass Verbrenner früher durch E‑Fahrzeuge ersetzt werden, lässt sich schwer voraussagen." Das Bundesumweltministerium geht auf MDR-Anfrage davon aus, dass "die mit Verbrennungsmotoren erbrachte Fahrleistung im Jahr 2045 nur noch eine Randerscheinung sein wird".

Quelle: MDR

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 14. Juli 2021 | 16:00 Uhr

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