Unter der Lupe – die politische Kolumne Was tun am 8. Mai 2022?

Der Tag der Befreiung am 8. Mai ist oft Mittelpunkt politischer Debatten, so auch 2022. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine belastet die Erinnerung an die sowjetischen Opfer des Zweiten Weltkrieges. Die Politik hat sich für ein "stilles Gedenken" entschieden. Das ist aber die falsche Entscheidung.

Sowjetisches Ehrenmal im Treptower Park
Ehrenmal für gefallene sowjetische Soldaten in Berlin-Treptow Bildrechte: IMAGO / Jürgen Ritter

Auf dem Weg zu Interviews in der Westlobby im Reichstag wird mein Blick von den Inschriften sowjetischer Soldaten vom Kriegsende 1945 angezogen. Ich fand es immer gut, dass man diese Inschriften erhalten hat. Allerdings gebe ich zu, ich sehe sie jetzt mit zwiespältigen Gefühlen.

Russland hat die Ukraine, beide früher Teilrepubliken der Sowjetunion, überfallen. Zwei Länder, deren Vorgänger 1945 am Sieg über Deutschland beteiligt waren, deren Soldaten an der Erstürmung des Reichstages als letzter Bastion beteiligt waren. Man kann es an den Inschriften erkennen. Sie kamen aus Moskau, Leningrad, Omsk, aber auch aus Kiew, Dnepropetrowsk, Odessa. Die drei ukrainischen Städte tauchen jetzt in den täglichen Meldungen aus dem Kriegsgebiet auf. Das macht den Wahnsinn klar, den wir gerade erleben. Gerade am 8. Mai 2022, dem Tag der Befreiung.

Erinnerungskultur war zu sehr auf Russland fixiert

Sowjetische Ehrenmale und Gedenkstätten geraten gerade jetzt in den Focus. Sind sie noch zeitgemäß? Es gibt eine Initiative, die Panzer am Ehrenmal im Tiergarten abzuräumen. Der Schriftzug "Deutsch-Russisches Museum" wird vom Eingang des Museums in Karlshorst als Ort der Unterzeichnung der deutschen Kapitulation verschwinden.

Vor dem Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst weht die Ukrainische Flagge.
Wird künftig nicht mehr "deutsch-russisch" im Namen führen: Museum Berlin Karlshorst Bildrechte: dpa

Streit um die Gestaltung des Museums gibt es schon lange. Die Ukraine, aber auch Belarus klagen über unsere einseitige deutsche Sicht auf die Herkunft der Sieger. Wer in den vergangenen Jahren beim "Toast auf den Frieden" in der Nacht vom 8. zum 9. Mai in Karlshorst dabei war, konnte diesen Missmut bei den Erklärungen von Vertretern dieser Länder spüren. Es gibt ein Versäumnis in unserer Erinnerungskultur seit den 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Auch nach dem Untergang der Sowjetunion haben wir weiter das Gedenken an die Millionen Opfer aus diesem untergegangenen Land Sowjetunion gleichgesetzt mit Russland.

Kriegsfolgen für Ukraine und Belarus wenig beachtet

Zu wenig haben wir Geschichte der Ukraine und von Belarus sowie ihre Opfer im Zweiten Weltkrieg wahrgenommen. Meist stehen nur russische Kriegsschauplätze im Mittelpunkt der Erinnerung – Leningrad oder Stalingrad. Dabei ist der Krieg mit seiner Zerstörungskraft über das gesamte Territorium der Ukraine und Belarus' gerast, sowohl beim Vorstoß als auch Rückzug der deutschen Wehrmacht. Zurück blieb verbrannte Erde.

Meist wird nur die Gesamtzahl der circa 25 Millionen toten Soldaten und Zivilisten aus der gesamten Sowjetunion genannt. Aber allein die Ukraine hat davon acht Millionen, also ein Drittel der Opfer zu beklagen. Belarus beklagte bis zu drei Millionen Tote. Bundespräsident Steinmeier hat versucht, bei Besuchen an Kriegsgedenkstätten in der Ukraine – wie im der deutschen Öffentlichkeit weitgehend unbekannten Korjukiwka – diesen Blick zu korrigieren.

Aber das kann nur ein Anfang sein. Jetzt am 8. Mai nicht die Toten an den sowjetischen Kriegsgräberstätten und Ehrenmale nur mit einem "stillen Gedenken" zu ehren, trifft auch die Opfer der anderen ehemaligen Sowjetrepubliken, also auch der Ukraine.

Streit um Waffenlieferungen verbunden mit historischer Erfahrung

Laut tobt gerade jetzt um den Tag der Befreiung in Deutschland eine heftige Diskussion über Krieg und Frieden oder wenigstens dem Ende der Kampfhandlungen in der Ukraine. Die einen, angeführt von Alice Schwarzer fordern deutsche Zurückhaltung bei Waffenlieferungen, um den Krieg nicht zu verlängern und sehen sich dabei getragen von einem Unbehagen in großen Teilen der deutschen Bevölkerung, geprägt von der Geschichte und auch deutscher Verantwortung für Kriege mit Millionen Tote.

Die Gegenseite um den ehemaligen Vorsitzenden der Heinrich-Böll-Stiftung, Ralf Fücks argumentiert, dass Panzer und Haubitzen "in den Händen der Angegriffenen … Defensivwaffen sind, weil sie der Selbstverteidigung dienen". Auch sie berufen sich auf die historische Erfahrung, einst einem Aggressor wie Hitler zu spät entgegen getreten zu sein.  

Unter der Lupe: Tim Herden
Hauptstadtkorrespondent Tim Herden analysiert für MDR AKTUELL die Bundespolitik. Bildrechte: MDR

In den sozialen Netzwerken geht die Diskussion sehr emotional zu, zum Teil verletzend. Sie erinnert in ihrer Heftigkeit und Unversöhnlichkeit an die Corona-Debatten. Der Schweizer Publizist Andreas Urs Sommer beobachtet schon länger in Deutschland "dass die Debatten auf ein scharfes Entweder-Oder hinauslaufen und die Bereitschaft, eine entgegensetzte und womöglich einen selbst schmerzende Meinung zu akzeptieren, sich dem Nullpunkt nähert." Ursache sei unser Mangel am Umgang mit Ohnmachtserfahrungen. Das führe, so Sommer, zu dem psychologischen Trugschluss, wir könnten etwas Halt und Sicherheit zurückgewinnen, wenn wir wüssten, dass wir wenigstens moralisch Recht haben und warnt vor einem "Tunnelblick". Das sollten beide Seiten ernst nehmen.

Gefahr eines neuen "Russenhasses" begegnen

Der "Tunnelblick" droht uns auch beim Blick auf Russland. Man darf "die Russen" nicht mit Putin verwechseln und in einen neuen "Russenhass" verfallen. Es gibt unter der Viertelmillion Russen in Deutschland nicht nur diejenigen, die jetzt am 8. Mai in Berlin mit einem Aufzug der Rotarmisten, Autokorsos und Fahnenschwenken ihre Sympathie für Putins Krieg äußern werden. Es gibt auch die anderen, die Putins Wahnsinn ablehnen.

Deshalb wäre es klüger gewesen, wenn deutsche Politiker am 8. Mai ganz bewusst und öffentlichkeitswirksam mit russischen Aktivisten der Zivilgesellschaft wie der Mitbegründerin der russischen Menschenrechtsorganisation "Memorial" Irina Scherbakowa Kränze an den Ehrenmalen und Gräbern der sowjetischen, also auch russischen Soldaten niederlegen würden.

Es wäre auch ein Zeichen gegen den Missbrauch der Kriegstoten durch Putin für seine merkwürdige Geschichtsphilosophie, seine Herrschaftsansprüche und seinen Krieg. Die Gedenkstätten sind wie die Schriftzüge an den Wänden des Bundestages nicht nur Erinnerung. Sie sind eine Mahnung. 

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 08. Mai 2022 | 19:30 Uhr

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