Sozialleistungen Warum wird die Rente erst am Monatsende ausgezahlt?

MDR-Wirtschaftsjournalist Ralf Geißler
Bildrechte: Ralf Geißler

Es gab eine Zeit, in der Staat und Sozialkassen ihre Leistungen am Monatsanfang ausgezahlt haben. Die Rente für den August gab es also Anfang August. Doch vor 17 Jahren verschob die damalige Bundesregierung die Rentenzahlungen nach hinten. MDR AKTUELL-Hörer Karl-Heinz Zahn will wissen, warum die Renten am Monatsende gezahlt werden, obwohl Bürgerinnen und Bürger etwa die Miete am Monatsbeginn zahlen müssen.

Eine Seniorin haelt Geldscheine in ihrer Hand.
Seit der Agenda 2010 kommt die Rente meist am Monatsende. Bildrechte: MDR/imago/epd

Im Jahr 2003 galt Deutschland als kranker Mann Europas. Die Staatsschulden stiegen, die Sozialkassen waren leer. Damals beschloss die rot-grüne Bundesregierung die sogenannte Agenda 2010. Mit diesem Reformpaket wurde die Auszahlung der Rente vom Monatsanfang an das Monatsende geschoben.

Der Linke-Bundestagsabgeordnete Matthias W. Birkwald erinnert sich: "Man wollte schlichtweg Kosten sparen. Und zwar auf dem Rücken der Rentnerinnen und Rentner. Rot-Grün ging davon aus, dass durch diese Maßnahme pro Jahr 750 Millionen Euro eingespart werden könnten."

Gut die Hälfte der Renten derzeit zum Monatsende

Weil fortan jede neue Rente später gezahlt werden musste, ergaben sich tatsächlich Monat um Monat Einsparungen. Betroffen waren nur neue Rentner. Wer 2003 schon im Ruhestand war, bekam seine Rente weiterhin am Monatsanfang. Das ist bis heute so.

Wie konnte die Rentenkasse durch die Verschiebung sparen?

Für die Antwort muss man sich Folgendes vorstellen: Wir haben eine große Gruppe von Menschen, die jeden Monatsanfang eine Rentenzahlung erhält. Aus dieser Gruppe scheiden immer wieder Menschen aus, weil sie sterben. Und es kommen neue Menschen hinzu, die in Rente gehen. Wenn man nun zu einem Stichtag beschließt, dass alle neu Hinzugekommen ihre Rente erst am Monatsende erhalten, spart das im selben Monat viel Geld. Zwar wird deren Zahlung später trotzdem fällig, aber es bleibt ja auch in Zukunft dabei, dass die Rentenzahlung erst am Monatsende kommt. Der anfangs erzielte Einspareffekt wird also Monat um Monat verlängert, ähnlich einem unbefristeten Kredit.

Hinzu kommt, dass Jahr um Jahr mehr Rentner ihr Geld erst am Monatsende erhalten. Das vergrößert die Einsparung so lange, bis der letzte Rentner, der noch am Monatsanfang seine Rente erhält, ausscheidet. Die gesamte Einsparung müsste erst wieder zurückgezahlt werden, wenn der Staat beschließt, die Rentenzahlungen wieder an den Monatsanfang vorzuziehen. Dann wäre der "unbefristete Kredit" wieder fällig.

Auf Nachfrage schreibt die Deutsche Rentenversicherung, dass sie 45 Prozent aller Renten am Monatsanfang und 55 Prozent am Monatsende auszahlt: "2019 lag das Verhältnis noch bei circa 48 zu 52 Prozent. Da die vorschüssige Auszahlung nur noch im Rahmen des Vertrauensschutzes für Bestandsrentner eine Rolle spielt, wird ihr Anteil weiter sinken. Als die Umstellung des Auszahlungszeitpunktes beschlossen wurde, ging man noch davon aus, dass etwa 2024 alle Renten nachschüssig gezahlt werden."

Problem bei Wechsel von Hartz IV in Rente

Bis tatsächlich alle Renten erst am Monatsende fließen, dauert es also länger als gedacht. Der Grund ist offenbar, dass die Rentner mit Bestandsschutz länger leben als erwartet. Die Regierung argumentierte 2003 übrigens, die Verschiebung sei nur logisch. Löhne und Gehälter gäbe es ja auch erst am Monatsende. Trotzdem entstand ein Problem, denn andere Leistungen zahlt der Staat weiterhin am Monatsanfang.

Margret Böwe vom Sozialverband VdK sagt, wer von Hartz IV in die Rente wechsele, müsse von seinem letzten Hartz-IV-Bezug eigentlich zwei Monate überbrücken. Denn Menschen, die aus niedrigen Einkommensschichten kommen, hätten keine Ersparnisse, um fixe Kosten wie die Miete am Monatsanfang oder Energiekosten wie Strom und Gas in der Monatsmitte vorzustrecken oder auszugleichen.

Rentenerhöhung ab Juli erst im Folgemonat berücksichtigen?

Der Staat hilft in solchen Fällen mit einem Darlehen, das zurückgezahlt werden muss. Es gibt aber noch eine weitere Schwierigkeit. Sie betrifft Menschen, die eine so niedrige Rente erhalten, dass sie diese mit der sogenannten Grundsicherung aufstocken müssen.

Wenn Ende Juli die Rente erhöht wird, kürzt der Staat im Gegenzug aber schon am Monatsanfang die Grundsicherung. Betroffene müssen also rund vier Wochen lang mit weniger Geld auskommen. Der Sozialpolitiker Matthias W. Birkwald findet das nicht in Ordnung: "Ich habe vorgeschlagen, dass die Rentenerhöhung im Juli erst im August auf die Grundsicherung angerechnet werden möge." Denn das Geld stehe aufgrund der Auszahlung der Rente auch erst im August zur Verfügung, argumentiert Birkwald: "Die Regierungskoalition hat diesen Vorschlag allerdings abgelehnt, was ich äußerst bedauerlich finde."

Unterstützung bekommt Birkwald vom Sozialverband VdK. Dort sagt auch Margret Böwe, die Rentenerhöhung erst im Folgemonat zu berücksichtigen, sei leicht umzusetzen. Das würde Hunderttausenden Rentnern mit Grundsicherung helfen.

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL RADIO | 12. Juli 2021 | 06:21 Uhr

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