Analyse Darum haben SPD, Grüne und FDP bei der Bundestagswahl gewonnen

Ayke Süthoff
Bildrechte: MDR/Markus Geuther

SPD, Grüne und FDP sind die Gewinner der Bundestagswahl. Vor allem SPD und Grüne konnten massiv zulegen, auch wenn Letztere auf noch mehr gehofft hatten. Wie die Parteien ihre Wähler überzeugt haben und was das für die kommende Zeit bedeutet – eine Analyse.

Wahlplakate der Union mit Armin Laschet, der SPD mit Olaf Scholz, von Bündnis 90/Die Grünen mit Annalena Baerbock und der FDP mit Christian Lindner stehen einen Tag nach der Bundestagswahl in einer Reihe.
FDP, Grüne und SPD haben bei der Wahl die höchsten Zugewinne verzeichnet. Bildrechte: dpa

Die SPD ist wieder da

2017 war die ehemalige Volkspartei SPD am Boden. Nach zwei historisch schlechten Ergebnissen bei den Wahlen 2009 und 2013 war man eigentlich davon ausgegangen, dass es nicht mehr schlimmer kommen konnte. Doch es konnte. Kanzlerkandidat Martin Schulz und Verschleißerscheinungen nach vier Jahren Groko unter Angela Merkel führten zu den brutalen 20,5 Prozent Stimmenanteil bei der Bundestagswahl 2017.

In Umfragen stürzte die Partei danach bis zum Sommer 2020 noch weiter ab, auf nur noch etwa 15 Prozent. Allein vor diesem Hintergrund sind die bundesweiten Erfolge dieses Jahr beeindruckend – gelungene Aufholjagd, stärkste Kraft, mehr als fünf Prozentpunkte Zugewinn.

Und es gibt weitere Kennzahlen, die den Eindruck stützen, dass die SPD ihr langjähriges Tief überwunden hat. Mit Blick auf das starke Abschneiden der AfD ging es bisher etwas unter. Doch die SPD hat vor allem in Mitteldeutschland ein Comeback gefeiert.

Insbesondere in Sachsen schnitt die SPD stark ab. In Sachsen teilt sich die Mehrheit der Wähler traditionell in CDU- und Linkenwähler, seit ein paar Jahren gibt es einen konstant hohen Anteil an AfD-Wählern. Dieses Mal aber konnte die SPD fast jede fünfte Zweitstimme erringen, neun Prozentpunkte mehr als vor vier Jahren.

In Sachsen-Anhalt gewann die SPD sogar mehr als zehn Prozentpunkte dazu und wurde stärkste Kraft – nur wenige Monate, nachdem die CDU von Reiner Haseloff bei den Landtagswahlen triumphierte. Und auch in Thüringen legte die SPD mehr als zehn Punkte zu und reihte sich nur knapp hinter der AfD als zweitstärkste Kraft ein.

Darüber hinaus sprechen die Erfolge bei den Landtagswahlen in Berlin und insbesondere Mecklenburg-Vorpommern für sich.

Die Grünen werden zunehmend zu einer bedeutenden Kraft

Nein, es hat nicht zur Kanzlerinnenschaft gereicht. Und ja, die Enttäuschung bei unter 15 Prozent zu landen, war nach dem Umfragehoch im Mai groß. Aber all das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, was die Grünen seit der vergangenen Bundestagswahl erreicht haben. Ein Zugewinn von 5,9 Prozentpunkten auf Bundesebene und 16 gewonnene Direktmandate sprechen Bände. Vor allem in westdeutschen Großstädten, aber auch in ostdeutschen Metropolen wie Leipzig oder Potsdam, sind die Grünen inzwischen eine Größe. Zum Vergleich: Die FDP holte trotz 11,5 Prozent Zweitstimmen bundesweit nicht ein einziges Direktmandat.

Ebenfalls spannend ist der Blick auf traditionell wenig grüne Regionen: In Sachsen legten die Grünen um vier Punkte auf 8,6 Prozent der Zweitstimmen zu, in Sachsen-Anhalt um 2,8 Punkte auf 6,5 und in Thüringen um 2,5 Punkte auf 6,6 Prozent.

Die Unterstützung von jungen Wählerinnen und Wählern, die Erfolge in Ballungszentren und der fortschreitende Klimawandel sprechen dafür, dass die Grünen in den kommenden Jahren immer wichtiger werden. Selbstverständlich nur, wenn sie sich beweisen, sollten sie in Regierungsverantwortung kommen.

Die FDP profitiert überraschend stark von jungen Wählern

Lange wurden junge Wählerinnen und Wähler reflexartig bei den Grünen und den Linken verortet, oftmals zu Unrecht. Die FDP hat bei Erstwählerinnen und Erstwählern schon 2017 nicht schlecht abgeschnitten, dieses Jahr konnte sie 23 Prozent der Erstwählerstimmen ergattern, genau so viele wie die Grünen. Das Erstaunen darüber war in den Tagen nach der Wahl groß – stehen die 18- bis 21-Jährigen doch in der öffentlichen Wahrnehmung eher für Fridays for Future, Fahrradwege und Veggie-Days als für Steuererleichtungeren, freie Marktentfaltung und Unternehmernähe.

Doch das greift viel zu kurz. Es gibt unter jungen Erwachsenen durchaus eine relevante Gegenbewegung zu den Klimarettern. Nicht nur "alten weißen Männern", sondern auch jungen Menschen geht die moralische Überheblichkeit mancher FFF-Vertreter und -Vertreterinnen auf den Keks, auch junge Menschen begeistern sich für Autos, Geld und Wochenendtrips mit dem Flugzeug. Außerdem kann die FDP auf eine starke Unterstützung von Youtubern und Gamern bauen, die ihre Follower auch politisch beeinflussen. Die ureigenen FDP-Themen Digitalisierung und StartUp-Kultur ziehen bei der jungen Zielgruppe eh.

Allerdings ist der große Erfolg bei den Jungen auch eine Herausforderung. Denn die FDP darf sich 2021 auf keinen Fall erlauben, was sie 2017 getan hat – zu kneifen. Damals wollte man "lieber nicht regieren, als schlecht zu regieren". Auf die meisten wirkte das feige. Für die FDP gilt nun also das Mantra "2017 darf sich nicht wiederholen". Das wissen natürlich auch die möglichen Koalitionspartner und haben hier ein mächtiges Druckmittel in der Hand.

Andererseits scheint die FDP aus den Verhandlungen 2017 viel gelernt zu haben, genau wie die Grünen. Alles spricht Stand jetzt also für eine Koalition der Gewinner: eine Ampelkoalition.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 29. September 2021 | 20:00 Uhr

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