Wahlnachlese Zwei sorbische Gemeinden nach der Wahl - so nah und doch so fern

Der Ausgang der Bundestagswahl sorgt auch am Tag danach in der Oberlausitz für Gesprächsstoff. Im sorbischen Teil der Lausitz haben zwei Nachbargemeinden völlig unterschiedlich gewählt. Während sich die Einwohner von Crostwitz bei den Erststimmen deutlich für den CDU-Kandidaten ausgesprochen haben, zeigte sich in Puschwitz ein ganz anderes Bild. Hier wurde die AfD deutlich stärkste Kraft. Doch warum ist das so? Jens Czerwinka mit einem Stimmungsbild.

Ortseingang Puschelwitz
In Puschwitz haben 44 Prozent der Wähler ihre Erststimme der AfD gegeben. Und das, obwohl es wie Crostwitz ein sorbisches Dorf ist, in dem traditionell CDU gewählt wird. Die genauen Gründe dafür sind zumindest am Tag nach der Wahl nicht in Erfahrung zu bringen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Am Montagmittag sind in Crostwitz nur wenige Menschen unterwegs. Links und rechts stehen neu gebaute oder liebevoll sanierte Häuschen. Eine ältere Dame ist damit beschäftigt, auf dem Beet Unkraut zu zupfen. Sie habe mit Politik nicht viel am Hut, sagt sie freundlich. Aber hier im Ort sei die CDU schon immer gewählt worden.

Eine andere Dame erklärt mir, dass die Christdemokraten für wichtige Werte wie Sprache, Tradition und Kultur stünden. Diese Grundsätze würden die meisten Bewohner der Gemeinde mittragen. Kurz darauf treffe ich mich mit dem sorbischen Bürgermeister der Gemeinde Crostwitz, Marko Klimann von der CDU. In seinem Ort würden die Leute traditionsbewusster leben, erzählt er. Andere predigten nur darüber. Außerdem gebe es in Crostwitz eine große Distanz zu einigen wenigen Schreihälsen.

Druschki, die sorbischen Brautjungfern, und die Fahnenträger führen in ihren Trachten 2019 die Fronleichnamsprozession an.
In Crostwitz ist der katholische Glaube tief verankert. Bildrechte: dpa

Großes Thema: Lohnangleichung mit dem Westen

Auf einer Baustelle gleich in der Nähe komme ich mit drei Männern ins Gespräch. "Nö, ich sage nichts dazu", bekomme ich erst einmal zu hören. Der zweite Bauarbeiter ist da schon redseliger. Er habe die AfD nicht gewählt, könne aber diejenigen verstehen, die es getan haben. Er arbeite seit fast 30 Jahren für einen Hungerlohn. Unter elf Euro bekäme er die Stunde. Nach der Wende habe die Politik versprochen, die Löhne denen im Westen anzugleichen. Das sei bis heute nicht passiert.

Wie fühlen uns von der Politik vergessen.

Bauarbeiter Einwohner von Crostwitz

Rente, Spritpreise, lange Wege

Männer und Frauen schauen auf einen Bildschirm. 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wenn er an seine Rente denke, dann bekäme er Angst. Es werde immer gesagt, Deutschland sei ein reiches Land. Seiner Meinung nach werde das Geld lieber für andere Länder oder die Rüstungsindustrie ausgegeben statt für die Leute, die hier im Land hart arbeiteten.

Sein Kollege, der eigentlich nichts sagen wollte, ergänzt: "Wie sollen wir auf dem Land von A nach B kommen, wenn die Spritpreise weiter steigen?" "Wissen Sie", sagt er zu mir, "hier auf dem Land müssen wir lange Wege bis zum nächsten Supermarkt oder zum Arzt bewältigen, nicht so wie in der Großstadt". Beiden ist anzumerken, dass sie das Thema emotional aufwühlt. "Und noch eines" sagt mir einer der Männer, "das können Sie ruhig schreiben", er sei von der CDU bitter enttäuscht. Wie könne einer aus ihren Reihen behaupten, bei uns Ostdeutschen wäre die Demokratie nicht angekommen?

AfD spaltet - der Riss geht durch Familien

Kurz darauf mache ich mich auf den Weg nach Puschwitz. Es sind nur wenige Minuten mit dem Auto. Auch hier fast niemand auf der Straße. An einer Firmeneinfahrt versuche ich mein Glück. Doch keiner der Anwesenden möchte sich zum Wahlausgang äußern. Auch ein zweiter Versuch auf einem Parkplatz scheitert kläglich.

Auf einem Feldweg habe ich eine Verabredung mit dem parteilosen Bürgermeister Stanislaus Ritscher. Er ist selbst Sorbe und leitet seit Jahren die Geschicke der Gemeinde Puschwitz. Dass die AfD in seinem Ort mehr Stimmen als die CDU geholt hat, wundere ihn nicht. Bereits vor vier Jahren war das so. Seiner Meinung hätten diese Wähler wenig mit der Partei zu tun, vielmehr wären die meisten mit der aktuellen Politik unzufrieden und hätten deshalb ihr Kreuzchen so gesetzt.

Am Ende meiner Reportage treffe ich noch einen sorbischen Familienvater und Handwerker. Er könne es überhaupt nicht verstehen, warum so viele Blau gewählt haben. "Was hat die AfD denn bisher geleistet, außer zu meckern?" Aber selbst in seiner Familie gebe es viele, die am Sonntag für diese Partei gestimmt hätten. Das habe mittlerweile zu einem Zerwürfnis geführt. Die Familie sei nicht mehr das, was sie einmal war - gespalten eben.

Quelle: MDR/jc

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Regionalnachrichten aus dem Studio Bautzen | 27. September 2021 | 10:30 Uhr

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