Trockenheit "Deutschland ist jetzt ein Waldbrandland"

Die Zahl der Waldbrände hat seit Beginn der offiziellen Statistik Anfang der 90er-Jahre deutlich zugenommen und stagniert trotz moderner Technologie auf hohem Niveau. Die mit dem Klimawandel einhergehenden extremen Trockenperioden spielen dabei eine große Rolle. Sie sind jedoch nicht der einzige kritische Faktor. Warum der Wald brennt und welche Präventions- und Löschansätze es gibt, lesen Sie hier.

Ein Löschhubschrauber ist wegen des Waldbrandes bei Treuenbrietzen im Einsatz und hat Wasser am Seddiner See getankt.
Immer häufiger muss auch die Feuerwehr in Deutschland Waldbrände löschen. Bildrechte: dpa

"Deutschland ist jetzt ein Waldbrandland", konstatierten jüngst Forschende des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). Sie hatten sich seit 2018 mit einem Waldgebiet bei Treuenbrietzen in Brandenburg beschäftigt und untersucht, wie sich das Ökosystem nach verheerenden Waldbränden erholt. Prompt kam der nächste Brand und zerstörte sogar einen Teil ihres Untersuchungsfeldes. Der jüngste Brand in Treuenbrietzen konnte letztlich nur gelöscht werden, weil die Natur mit Wasser von oben geholfen hat. Und auch in Sachsen und Sachsen-Anhalt kämpfen die Feuerwehren in den letzten Tagen und Wochen teilweise ununterbrochen gegen Waldbrände.

Die Trockenheit der Böden durch fehlende Niederschläge ist dabei ein Faktor. Doch "natürliche Selbstentzündung gibt es nicht", sagt Michael Müller, Leiter des Lehrstuhls für Waldschutz an der TU Dresden. Im Gegensatz etwa zu den USA oder skandinavischen Ländern "gehört Feuer nicht zum Ökosystem des deutschen Waldes". Einzige natürliche Ursache für Waldbrände hierzulande seien Blitzeinschläge und die machten einen verschwindend geringen Anteil aus, so Müller. Wenn der Wald brennt, dann brennt er in der Regel wegen des Faktors Mensch.

Gründe für Waldbrände: Vorsatz und Fahrlässigkeit

Neben fahrlässiger Brandstiftung, die etwa bei Waldarbeiten immer passieren kann, macht Michael Müller drei Kategorien der aktiven Brandstiftung auf:

  • zündelnde Kinder, die allerdings kein Gefahrenbewusstsein hätten
  • Menschen, die zwanghaft Feuer machen müssten und
  • Kriminelle

Fahrlässigkeit und Vorsatz waren laut Umweltbundesamt im Jahr 2020 für rund 41 Prozent der Waldbrände in Deutschland ursächlich.

Der untere Teil der Bäume in Treuenbrietzen ist schwarz verkohlt.
Nach einem Waldbrand: Der untere Teil der Bäume hier in Beelitz bei Treuenbrietzen ist schwarz verkohlt. Bildrechte: dpa

Zusammensetzung des Wald-Ökosystems

Vor etwa 200 Jahren hat sich die ertragreiche Kiefer in der deutschen Holzwirtschaft durchgesetzt. Dort, wo einst Eichen und Rotbuchen standen, befindet sich heute ein Kiefernwaldgürtel, der sich vom östlichen Nordwestdeutschland über den Norden und Osten Sachsen-Anhalts bis nach Brandenburg und ins nördliche Sachsen zieht. Diese Kiefernmonokulturen begünstigen Waldbrände. Das hat unter anderem mit der Humusschicht zu tun, die sich aus den Kiefernnadeln bildet, aber auch mit Harzen und ätherischen Ölen, die quasi als Brandbeschleuniger fungieren.

Bereits in den 1980er-Jahren wurde deshalb der Waldumbau in Deutschland angeschoben – in Ost und West. Naturnahe Waldbewirtschaftung heißt das Stichwort. Viele Mischwälder sind entstanden. Aber so ein Waldumbau dauere mindestens 100 Jahre, erklärt Waldschutz-Experte Michael Müller. Ziel sei es, die Wälder anpassungsfähig zu machen – auch an uns zum Teil noch unbekannte Umstände. Hier brauche es Vielfalt, Pflanzen, die mehr Wasser speicherten und eine Streuauflage, die weniger gut brennbar ist. Zurück zur Natur ist im Grunde das Motto. Wo früher Eichen standen, werden nun wieder welche gepflanzt, neben Pappeln, Weiden und Birken. Laut Umweltbundesamt ist der Umbau von Nadelbaummonokulturen in Mischwälder mit hohem Laubholzanteil weiterhin ein wesentlicher Ansatz zum vorbeugenden Schutz vor Waldbränden.

Waldbrand: Ursache Altmunition

Wo heute im Osten viel Natur und Wildnis ist, waren bis vor 30 Jahren nicht selten Militärgelände der NVA. Hier kommt ein Faktor ins Spiel, an den beim Thema Waldbrände wahrscheinlich die Wenigsten denken: Munition. Auf ehemaligen Truppenübungsplätzen wie etwa im brandenburgischen Felgentreu oder in Gohrischheide in Sachsen liegt jede Menge Altmunition herum, die Phosphor enthält. "30 bis 40 Grad Celsius reichen da schon, damit sich das entzündet", erklärt Michael Müller.

Hinzu komme eine Herausforderung für die Einsatzkräfte. Immer, wenn Munition im Spiel sei, gebe es aus Sicherheitsgründen einen Sperrkreis, der auch für die Feuerwehr gilt. "Das führt dazu, dass sich kleine Brände – obwohl schnell entdeckt – stark ausbreiten und die Feuerfronten immer länger werden", erklärt Müller. Eine schwierige Situation, in der zwischen dem Schutz von Menschenleben und dem Löschen von Waldbränden abgewogen werden muss. "Für diese Gebiete müssen wir Lösungen finden", sagt Müller und plädiert für mehr autonome Löschsysteme.

Problematisch bei den Wäldern auf Ex-Militärgeländen sei auch, dass es kein "Management des Brandmaterials" gebe, so Müller. Heißt: Eine Bewirtschaftung, die die Waldbrandgefahr senken kann – etwa durch Schneisen oder beschnittene Kronen – fehlt hier. "Die großen Brände entstehen auf den ehemaligen Militärgeländen, weil diese Wälder keine Strukturierung haben", so Müller.

Forschung zu Prävention und neuen Lösch-Ansätzen

Dass sich Kiefernböden viel stärker erhitzen als Laubböden, hat auch die Arbeit von Forschenden der Uni Magdeburg ergeben. In einem Projekt, das noch bis 2025 läuft, untersuchen sie gemeinsam mit europäischen Partnern, der Bundesanstalt für Materialprüfung und einem Hersteller für Lösch-Schäume Böden, Rauchentwicklung und die Möglichkeit, auch im Wald mit Schaum zu löschen.

Lukas Heydick, Doktorand in dem Projekt, erklärt, wie etwa 40 Quadratmeter Kiefernboden aus dem Forstgebiet Flechtingen in Sachsen-Anhalt entnommen wurden. Unter Laborbedingungen wurde der Boden angezündet. Das Ergebnis: Das Feuer breitet sich in den Boden aus und dieser wird zwischen 400 und 500 Grad heiß. Bei Vergleichsversuchen mit Laubwaldböden blieb die Temperatur unter 100 Grad, so Heydick. "Wenn man das einmal entzündet hat und die organische Streuauflage verbrannt ist, entwickelt sich das Feuer alleine fort und zieht sich durch die gesamte Humusschicht".

Der Löschschaum, der im Rahmen des Projekts getestet werden soll, könnte dafür sorgen, dass mit der gleichen Menge Wasser sechs Mal mehr Fläche gelöscht werden könnte, so Heydick. Schäume, die dafür eingesetzt werden könnten, gelten in der Expertenschaft als umweltverträglich, da sie auf Eiweißbasis hergestellt werden. Trotzdem müsse geklärt werden, ob so ein Schaum dem Waldboden wirklich nicht schade, erklärt Heydick. Dafür sollen nun Daten gesammelt werden.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt | 29. Juni 2022 | 20:15 Uhr

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https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/gesellschaft/video-letztegeneration-klimaaktivisten-tempolimit-klimawandel-kleber-klebeaktion-muenchen100.html

Rechte: Reuters

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