G7-Gipfel und die globalen Krisen Wie abhängig ist die mitteldeutsche Wirtschaft von China?

Aufgrund globaler Krisen wird der Ruf unabhängigen Wirtschaftens lauter. Doch bei Energie und Rohstoffen ist das schwierig. Hinzu kommt die wichtige Rolle Chinas im deutschen Markt. Wie sieht es in Mitteldeutschland aus?

In einem Hafen werden Container verladen.
Das Handelsvolumen zwischen China und Sachsen hat sich in den vergangenen 20 Jahren mehr als verzwanzigfacht. Bildrechte: dpa

China ist für Sachsen der wichtigste Handelspartner. Das ist die kurze aber prägnante Einschätzung von Lars Fiehler, dem Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Dresden. Die Zahlen, die er für das Bundesland auflistet, markieren ein Allzeithoch. Im vergangenen Jahr haben Unternehmen aus dem Freistaat allein Waren im Wert von rund 7,9 Milliarden Euro nach China ausgeführt. Die Einkaufsliste umfasst Produkte im Wert von mehr als 2,3 Milliarden Euro. Das Handelsvolumen hat sich in den vergangenen 20 Jahren mehr als verzwanzigfacht. Kein anderes Land ist so eng mit der sächsischen Wirtschaft verknüpft.

Dennoch bewertet Dr. Christian Rusche, Economist für Industrieökonomik und Wettbewerb beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln, die Beziehungen zwischen China und den mitteldeutschen Ländern eher als "lose". Sachsen stelle eine Ausnahme dar, da China ein bedeutender Abnehmer sächsischer Waren ist. Insgesamt seien in anderen Bundesländern chinesische Unternehmen jedoch viel präsenter. Daher hätten auch Aussagen auf dem G7-Gipfel zur Wirtschafsbeziehung mit China keine maßgeblichen Auswirkungen auf die wirtschaftliche Beziehung zwischen den mitteldeutschen Ländern und China.

Sowieso vermutet Rusche, dass Statements in Bezug auf China in diesem Jahr allgemeiner ausfallen werden und eine deutliche Kritik wie noch im Vorjahr ausbleiben wird. Beim Gipfeltreffen Mitte 2021 hatten sich die G7 auf einen härteren Kurs gegenüber China geeinigt, etwa beim Umgang mit Hongkong, bei Menschrechtsverletzungen und bei – aus Sicht der G7 – unfairen Handelspraktiken. "Man wird darauf drängen, internationale Organisationen zu stärken und – im Hinblick auf Russland – auf sicherheitspolitische und wirtschaftliche Zusammenarbeit setzen wollen."

Unternehmen wollen verstärkt mit China zusammenarbeiten

Bei China geht es laut IHK-Chef Fiehler aus Sicht der hiesigen Unternehmen gar nicht darum, wie die Abhängigkeit von der Volksrepublik reduziert werden kann. Trotz aller globaler Krisen und Lieferkettenengpässe möchten die knapp 300 mit China handelnden Firmen aus Sachsen ihr Geschäft sogar noch ausbauen. Und das, trotzdem die Risiken erkannt worden sind. Unternehmen würden heute deshalb stärker denn je Risikoabwägungen vornehmen und prüfen, ob sie ihre Import- und Exportbeziehungen diversifizieren könnten, sagt der IHK-Chef dem MDR. Die Risiken und etwa steigende Logistikkosten müssten deshalb eingepreist werden. Die Chancen würden dennoch überwiegen. "Es darf nicht vergessen werden, dass es weltweit keinen Absatz- oder Bezugsmarkt gibt, der auch nur ansatzweise an die Größenordnungen des chinesischen heranreichen würde", so Fiehler.

Es darf nicht vergessen werden, dass es weltweit keinen Absatz- oder Bezugsmarkt gibt, der auch nur ansatzweise an die Größenordnungen des chinesischen heranreichen würde.

Lars Fiehler, Geschäftsführer IHK Dresden

Ähnlich sehen das die Unternehmensvertretungen aus Sachsen-Anhalt und Thüringen. Auch dort markieren die Handelsvolumen Höchststände. Auch wenn die Warenexporte nach China aus Sachsen-Anhalt und Thüringen im Vergleich mit Sachsen und anderen Bundesländern wie Bayern und Baden-Württemberg eher eine Nebenrolle spielen.

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Aufbau neuer Produktionsstandorte in Europa

Bei den Produktionsorten scheint sich jedoch ein Gegentrend anzudeuten. Die IHK in Erfurt rät, bestehende Standorte von deutschen Unternehmen in China kritisch zu hinterfragen und mögliche neue Produktionsstätten näher an oder in Europa zu planen. Auch aus Sicht der Klimafreundlichkeit.

Die Firmen selbst scheinen zumindest sensibilisiert zu sein. Laut einer Umfrage der IHK-Organisationen wollen fast ein Viertel der befragten deutschen Unternehmen im Ausland ihre ursprünglich in China geplanten Investitionen in anderen Ländern tätigen. Jedes achte Unternehmen erwägt demnach sogar, das Land zugunsten eines Standortes näher am europäischen beziehungsweise deutschen Heimatmarkt zu verlassen. Das trifft laut IHK Erfurt auch auf die Thüringer Unternehmen zu.

Eine Entwicklung, die die direkten Folgen aus den Erfahrungen der Corona-Pandemie widerspiegelt: "Deutschland hat die Abhängigkeit von China – zum Beispiel durch Lieferengpässe – erkannt. Die Unternehmen müssen andere Produktionsstandorte aufbauen", erklärt Experte Rusche. Auch das sächsische Wirtschaftsministerium prognostiziert langfristige Veränderungen in globalen Liefer- und Wertschöpfungsketten. "Die seit 2,5 Jahren für den Personenverkehr geschlossenen Grenzen Chinas und die derzeitigen Lockdowns in einer Reihe von chinesischen Großstädten werden diesen Trend mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in Bezug auf die europäisch-chinesischen bzw. deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen verstärken."

Zu Beginn der Pandemie investierten auch weniger chinesische Unternehmen in Deutschland. Seit dem vergangenen Jahr fließt allerdings wieder mehr Geld aus China in deutsche Unternehmen und Standorte. Denn die Attraktivität Deutschlands in China ist ungebrochen: Laut einer Studie der chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften wurde Deutschland zum achten Mal in Folge das höchste Rating für ausländische Investitionsstandorte zugesprochen. Während also im Jahr 2020 nur noch Investitionen in Höhe von 300 Millionen Euro durch China und Hongkong getätigt wurden, so waren es laut Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) 2021 bereits wieder 2,9 Milliarden Euro. Gemessen an den gesamten ausländischen Investitionen sind das dennoch nur 2,7 Prozent. 

Christian Rusche vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln erklärt diese Entwicklung: "Das Jahr 2020 war im Bereich der chinesischen Übernahmen und Beteiligungen durch verstärkte Aktivitäten der Bundesrepublik zum Schutz der ansässigen Unternehmen geprägt." Rusche bezieht sich hier einerseits auf die Pandemie bedingten Wirtschaftshilfen, die 2020 ergriffen wurden, um ausländische Übernahmen und Beteiligungen zu kontrollieren. Andererseits wurde das Außenwirtschaftsgesetz verschärft. "Die Aktivitäten von chinesischen Investoren waren demgegenüber weiter rückläufig."

Chinesische Großinvestition in Thüringen - Neuansiedlungen in Sachsen "eher selten"

Dies werde sich jedoch in Zukunft vermutlich wieder ändern: "Die zunehmende wirtschaftliche Bedeutung der Volksrepublik in der Weltwirtschaft wird auch die Expansion chinesischer Unternehmen nach Deutschland begünstigen." Neben mehr Übernahmen und Beteiligungen kämen auch Neugründungen in Frage. Ein Beispiel dafür ist ein derzeit laufendes chinesisches Großinvestment in Thüringen. Auf dem Industriegebiet am "Erfurter Kreuz" bei Arnstadt siedelt sich gerade der chinesische Batteriezellenhersteller Contemporary Amperex Technology Ltd. (CATL) an, der rund 1,8 Milliarden Euro investiert und bis zu 2.000 Arbeitsplätze schaffen möchte. Auch in Sachsen-Anhalt wurden seit 2021 zwei neue Firmen mit chinesischer Beteiligung gegründet. Außerdem würden aktuell laut Wirtschaftsministerium Sachsen-Anhalt drei Projekte aus den Branchen Automotive und Chemie von der Investitions- und Marketinggesellschaft (IMG) betreut. Ob es zur Umsetzung dieser Projekte kommt, ist aber noch nicht entschieden.

In Sachsen dagegen seien Neuansiedlungen aus China "eher selten", so das sächsische Wirtschaftsministerium. Das belegen auch die Investitionssummen aus China, die mit staatlichen GRW-Fördermitteln ("Gemeinschaftsaufgabe: Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur") unterstützt wurden. Denn während Sachsen in den letzten rund 20 Jahren nur 5,2 Millionen Euro an Investitionen aus China bezuschusst hat, waren es in Sachsen-Anhalt für den gleichen Zeitraum 119,3 Millionen Euro. In Thüringen wurden seit 1990 chinesische Investitionen in Höhe von 335 Millionen Euro gefördert. Eine Förderung gibt es nur dann, wenn zum Beispiel neue Maschinen und Anlagen angeschafft und so neue Arbeitsplätze entstehen würden.

Neuansiedlungen sind laut Rusche in vielerlei Hinsicht positiv zu bewerten, vor allem auch, weil sie Knowhow nach Deutschland brächten. Vor Übernahmen und Mehrheitsbeteiligungen durch chinesische Investoren dagegen will sich die Bundesrepublik in bestimmten Fällen schützen. "Befürchtet wird unter anderem, dass mit Hilfe staatlich gelenkter Investitionsprogramme wie 'Made in China 2025' der wirtschaftliche Aufstieg Chinas in unfairer Weise vorangetrieben wird. Ziel der ergriffenen Maßnahmen soll somit lediglich sein, durch China ausgelöste Wettbewerbsverzerrungen zu beheben", erklärt Rusche. So müssen Unternehmenskäufe und Übernahmen in sicherheitsrelevanten Bereichen ab einem bestimmten Volumen vom Wirtschaftsministerium erst genehmigt werden. Beteiligungen an Unternehmen "kritischer Infrastrukturen" – wozu bestimmte Rüstungsunternehmen zählen – werden schon ab einem angestrebten Kaufanteil von 10 Prozent geprüft. Unternehmen des Gesundheitssektors sowie aufstrebende Technologien wie Halbleiter, Künstliche Intelligenz, 3D-Druck oder Quantentechnologie werden ab einer möglichen Beteiligung von 20 Prozent geprüft. Für alle übrigen Erwerbe gilt die Prüfschwelle von 25 Prozent.

China auf dem Weg zur "Industrie-Supermacht"? Die Volksrepublik will zu ihrem 100. Geburtstag im Jahr 2049 zur führenden Industrie-Supermacht der Welt aufgestiegen sein. Bis 2025 will China bereits einige Etappenziele erreichen. Unter anderem plant die Führung des Landes sich in den kommenden acht Jahren in zehn Branchen, darunter Energietransport, Luft- und Raumfahrt, Schienen und Bahnen sowie Elektromobilität, zu den weltweit führenden zu entwickeln. Weitere Schlüsselbranchen, in der das Land wachsen will, sind der Maschinen- und Anlagenbau sowie die Robotik, Medizintechnik und Chemie. Das sind alles jene Branchen, in denen auch die Bundesrepublik gut aufgestellt ist.

Ein Flugzeug der Firma Boing im Steigflug.
Kein Airbus fliege ohne Bauteile von COTESA, so das sächsische Unternehmen, das im April 2018 mehrheitlich von einem chinesischen Unternehmen übernommen wurde. Bildrechte: dpa

So hatte das Wirtschaftsministerium ab Dezember 2017 die mehrheitliche Übernahme des sächsischen Unternehmens Cotesa kritisch geprüft. Das mittelständische Unternehmen aus Mittweida bei Chemnitz ist spezialisiert auf Leichtbauteile, hochbelastbare Faserverbundstoffe für die Luftfahrt- und Automobilindustrie aber auch für das Militär. Am Ende der Prüfung im April 2018 gab es dann grünes Licht für die Übernahme durch AT&M (Advanced Technology & Materials), einer Tochterfirma des Staatskonzerns China Iron & Steel Research Institute Group. Schätzpreis der Transaktion: zwischen 100 und 200 Millionen Euro. Ziel der deutschen Geschäftsführung von Cotesa war es, so Zugang zum chinesischen Markt zu erhalten und neben Airbus und Boeing in Zukunft auch den chinesischen Flugzeugbauer Comac zu beliefern.

China nicht in der Spitzengruppe ausländischer Investoren in Mitteldeutschland

Zwischen 2016 und 2018 investierten die Firmen aus dem Reich der Mitte so viel wie noch nie in Deutschland. Nach Angaben des Instituts für deutsche Wirtschaft Köln wurden 2017 mit 12,1 Milliarden Euro bislang die höchsten Investitionen verzeichnet. Gleiches gilt allerdings nicht für die mitteldeutschen Länder, da es vor allem einzelne Übernahmen seien, die die Gesamtsumme in die Höhe trieben, so Wirtschaftsexperte Rusche. Und diese Großunternehmen befänden sich meist nicht in Mitteldeutschland.

Laut sächsischem Wirtschaftsministerium machten die chinesischen Übernahmen und Mehrheitsbeteiligungen im Jahr 2019 – trotz dynamischen Anstiegs allein von 2018 zu 2019 – nur rund 6 Prozent im Vergleich zu anderen ausländischen Investitionen aus. Damit liege China von der Anzahl der Investitionsprojekte her nicht in der Spitzengruppe ausländischer Investoren, schlussfolgert auch die Wirtschaftsförderung Sachsen GmbH.

Ähnlich beurteilen das auch die Wirtschaftsministerien in Sachsen-Anhalt und Thüringen. Seit 2018 verzeichnet das Thüringer Wirtschaftsministerium "eine spürbare Verlangsamung der Projektumsetzung". "Daher ist derzeit mittelfristig nicht von stärkeren unmittelbaren Auswirkungen auf die Thüringer Wirtschaft auszugehen", so das Ministerium in Thüringen.

Ebenso teilt das Wirtschaftsministerium in Sachsen-Anhalt dem MDR mit, dass chinesische Investitionen gesamtwirtschaftlich betrachtet eine eher geringere Rolle spielten. "Andere Länder (etwa die USA oder die Schweiz) tätigten in größerem Umfang Investitionen in Sachsen-Anhalt", so das Ministerium. Im Ländervergleich liege China (gemessen an der Investitionssumme bei Investitionen, die mit GRW-Fördermitteln gefördert wurden) im Zeitraum 2000 bis 2021 auf Platz 8.

Befürchtungen, dass durch die Investitionen Knowhow verloren gehe, hat man in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen nicht. Das sächsische Wirtschaftsministerium bewertet die wirtschaftlichen Beziehungen zu China als Win-win-Situation. China verfüge selbst über technologisch führende Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen, wie z.B. in der Batterietechnologie, der Biotechnologie oder Bahntechnik. "Indem chinesische Unternehmen hier investieren kommt dieses chinesische Knowhow auch an hiesigen Standorten zum Einsatz. Ein Beispiel dafür ist die derzeit entstehende Fabrik von CATL in der Nähe von Erfurt", schreibt das sächsische Wirtschaftsministerium. Ebenso verweist das Thüringer Wirtschaftsministerium auf das Beispiel CATL und ergänzt, dass in Thüringen keine Fälle bekannt seien, bei dem die chinesische Investition in ein Bestandsunternehmen ausschließlich vor den Hintergrund der Absorption von Wissen erfolgt sei.

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