ifo-Studie Mittelschicht gerät finanziell unter Druck

Durch die Inflation sinkt die Kaufkraft. Also mehr arbeiten, damit mehr auf dem Lohnzettel steht? Das lohnt sich aufgrund unseres Steuer- und Sozialabgabensystems für die Mittelschicht kaum noch, so das Ergebnis einer aktuellen ifo-Studie.

Sortierte Stapel von Münzen und Scheinen
Weil der Steuersatz mit dem Einkommen steigt, rutschen Erwerbstätige mit jeder Gehaltserhöhung in eine immer höhere Besteuerung und führen damit vom Lohn prozentual mehr an den Staat ab. Bildrechte: Colourbox.de

Mehrarbeit lohnt sich für viele kaum

Für einen großen Teil der arbeitenden Bevölkerung lohnt sich Leistung und Mehrarbeit kaum. Wer hierzulande der Mittelschicht angehört, muss von jedem zusätzlich verdienten Euro durchschnittlich die Hälfte an den Staat als Steuern und Sozialabgaben zahlen. In einigen Einkommensbereichen liegt diese Grenzbelastung mit fast 80 Prozent sogar noch weit darüber. So lässt sich das Ergebnis einer Untersuchung des Münchner Ifo-Instituts im Auftrag der Hanns-Seidel-Stiftung zur Lastenverteilung der Bundesbürger interpretieren.

Stichwort Grenzbelastung Ein zentrales Maß für die Anreizwirkung eines Steuer- und Transfersystems ist die effektive Grenzbelastung. Sie gibt an, welcher Anteil eines zusätzlich verdienten Euros wieder abgegeben werden müsste – sei es durch Transferentzug im Sozialbereich oder aber durch Einkommensteuern oder als Beitrag zur Sozialversicherung.

Beispielrechnung des Ifo-Institutes für den MDR (bitte aufklappen für mehr Informationen)

Bei einem Paar mit zwei Kindern (gemeinsame Veranlagung, Einkommensaufteilung 50/50) liegt die Grenzbelastung durch Einkommenssteuer und Sozialversicherungsbeiträge bei einem Jahresbruttoeinkommen von 30.000 Euro bei ca. 37%. Sie steigt dann langsam an und liegt bei 80.000 Euro Jahreseinkommen bei ca. 45%. Rechnet man den Transferentzug mit ein, ergibt sich ein ähnliches Bild wie bei den Singles, das aber länger anhält, da Familien länger Transfers erhalten.

Die Grenzbelastung von 80% bis zu einem Jahresbruttoeinkommen von 20.000 Euro besteht auch für Familien. Danach folgt aber auch noch der Transferentzug von Wohngeld und Kinderzugschlag. Das führt dazu, dass auch noch bei einem Jahresbruttoeinkommen von 40.000 Euro die vollständige Grenzbelastung bei über 80% liegen kann. Erst bei einem Jahreseinkommen von 50.000 Euro sind diese Transfers vollständig abgeschmolzen und die Grenzbelastung sinkt auf knapp über 40%.

Steuer- und Transfersystem belastet vor allem die Mittelschicht

Die Ifo-Studie "Gerechtigkeit für die Mitte" liefert ein aktuelles Bild der Steuer- und Abgabenlast in Deutschland, wobei sie zu dem Ergebnis kommt, dass gerade die Mittelschicht besonders finanziell belastet ist, da sie mit ihren Steuern und Sozialabgaben wesentlich zur Finanzierung der Staatsausgaben beiträgt. Dabei gerät die Mittelschicht in Deutschland zunehmend unter Druck und ist in den letzten Jahren bereits geschrumpft.

Bei einem Single-Haushalt mit einem jährlichen Bruttoeinkommen zwischen 30.000 und 80.000 Euro beansprucht der Staat laut der Ifo-Studie von jedem zusätzlich verdienten Euro 40 bis 53 Prozent an Steuern und Sozialabgaben. "Für mittlere Einkommen bleibt vom nächsten hinzuverdienten Euro bei einer Grenzbelastung von rund 50 Prozent effektiv nur die Hälfte übrig", resümiert Studienautor Florian Dorn vom Ifo-Institut. Damit sei die effektive Grenzbelastung bei mittleren Einkommen durch das Steuer- und Transfersystem im Durchschnitt sogar höher als bei den hohen Einkommen.

Auch bei Mittelschichtsfamilien mit unterhaltspflichtigen Kindern werde der Keil zwischen Brutto und Netto mit zunehmenden Einkommen immer größer. Vor allem, wenn ein Zweitverdiener seine Erwerbstätigkeit ausweitet, kommt selbst bei kleineren Familieneinkommen meist nur ein Bruchteil des zusätzlichen Lohns in der Haushaltskasse an, kritisiert Studienautor Dorn: "Insgesamt schafft das gegenwärtige Steuer- und Transfersystem zu wenig Leistungs- und Beschäftigungsanreize".

Weil der Steuersatz mit dem Einkommen steigt, rutschen Erwerbstätige mit jeder Gehaltserhöhung in eine immer höhere Besteuerung. Auch die Sozialabgaben werden einkommensabhängig erhoben. Für die Mittelschicht wirke sich dieses Zusammenspiel von Sozialabgaben und progressiver Einkommensteuer deshalb besonders leistungsfeindlich aus.

Zusätzlich profitiert der Staat von einer heimlichen Steuererhöhung: der sogenannten kalten Progression, wie der MDR bereits berichtete. Unter kalter Progression versteht man eine heimliche Steuererhöhung durch Inflation. Ein Arbeitnehmer muss genauso viel Steuern zahlen wie zuvor, obwohl er weniger Kaufkraft hat, sein Realeinkommen sinkt. Im Fall von Lohnerhöhungen, die zumindest einen Teil der Inflation ausgleichen, rutscht er sogar in einen höheren Steuertarif.

Mittelstand gerät finanziell in Bedrängnis

Das Wohlstandsversprechen sei in Deutschland brüchig geworden, betont Markus Ferber, Europaabgeordneter (CSU) und Stiftungsvorsitzender. Pandemie, Krieg und Inflation verstärkten diesen Bruch. Vor diesem Hintergrund stelle sich die Frage, wie lange die Mittelschicht diese Lasten noch tragen kann und ob sich Leistung in Deutschland überhaupt noch lohnt: "Ich arbeite hart, damit ich mir etwas aufbauen kann, das funktioniert in Deutschland schon gar nicht mehr".

Das sei aber eine extrem problematische Entwicklung, so Ferber, denn "eine starke Mittelschicht ist das wirtschaftliche und soziale Rückgrat unserer Gesellschaft und somit entscheidend für deren Stabilität". Wenn nun aber von jedem zusätzlich verdienten Euro vor allem die öffentlichen Kassen profitieren, dann werde das Grundprinzip jedes funktionierenden Sozialsystems verletzt. "Wir müssen dringend Leistungsanreize setzen und Leistung muss sich wieder lohnen", fordert Ferber.

Für niedrige Einkommen Mehrarbeit besonders unattraktiv

Massiv negative Arbeitsanreize gebe es zudem bei den untersten Einkommensgruppen, wie Studienautor Florian Dorn betont, denn 80 bis 100 Prozent ihres Hinzuverdienstes werden auf der anderen Seite bei den staatlichen Transferleistungen gestrichen. Schon oberhalb von 100 Euro im Monat blieben von einem Euro nur noch 20 Cent übrig. Bei einem Bruttoeinkommen knapp unterhalb von 20.000 Euro bringt Mehrarbeit laut der Ifo-Studie aufgrund wegfallender Sozialtransfers und einsetzender Besteuerung plus Sozialbeiträgen gar nichts mehr ein. Wenn Mehrarbeit derart unattraktiv ist, würden Transferempfänger in einer "Niedrigeinkommensfalle" stecken bleiben, kritisiert Dorn.

Dies gelte besonders für Alleinerziehende und Paare mit mehreren Kindern. Denn Sozialleistungen wie Hartz IV, Wohngeld aber auch der Kinderzuschlag werden bei einem eigenen Arbeitseinkommen rasch massiv gekürzt.

Bürgergeld verschärft das Problem

Mit dem geplanten Bürgergeld "ist eine Schräglage erwartbar und schafft neue Ungerechtigkeit", kritisiert der CSU-Europaabgeordnete Markus Ferber, "weil kaum zusätzliches Einkommen generiert werden kann!". Die bereits bestehenden Fehlanreize im Hartz IV-System würden durch das Bürgergeldgesetz nicht ausgeräumt.

Die Hinzuverdienstgrenze von 100 Euro bleibt auch beim Bürgergeld bestehen. Als Verbesserung ist lediglich vorgesehen, dass zwischen 520 und 1000 Euro Erwerbseinkommen künftig 30 Prozent statt wie bisher 20 Prozent im Geldbeutel ankommen. Doch dies sei "ein Tropfen auf dem heißen Stein", so Dorn. Arbeitskräfte würden aber derzeit händeringend gesucht. Vor diesem Hintergrund müssten finanzielle Anreize so gestaltet werden, dass sich das Hinzuverdienen auch tatsächlich lohnt, fordert Dorn.

Wer gehört zur Mittelschicht?

Über 80 Prozent der Befragten der Ifo-Studie fühlen sich der Mittelschicht zugehörig, während nach OECD-Definition tatsächlich weniger als zwei Drittel, also 63 Prozent der Haushalte in Deutschland zu diesem Kreis zählen. Single-Haushalte gehörten 2019 bei einem "verfügbaren" Jahreseinkommen (nicht: brutto) zwischen 17.475 und 46.600 Euro zur Mittelschicht, Paare ohne Kinder bei einem gemeinsamen verfügbaren Haushaltseinkommen von 26.212 bis 69.900. Paare mit zwei Kindern befinden sich bei einem Haushaltseinkommen zwischen 36.698 und 97.860 in der Mittelschicht. Das verfügbare Einkommen bezeichnet das Einkommen nach Einkommensteuern, Sozialversicherungsabgaben und erhaltenen Transfers.

Die gefühlten Abweichungen ergeben sich dabei an beiden Enden der Skala. Manch Niedrigverdiener wähnte sich bereits zugehörig, obwohl er es tatsächlich nicht war, aber auch manch "Top-Verdiener" will es selbst noch nicht so sehen, dass er mit seinem Verdienst nicht mehr zur Mittelschicht gehört.

MDR Wirtschaftsredaktion

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 30. September 2022 | 06:22 Uhr

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